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ein junger, selbstverliebter Mann macht ein Selfie

Warum aus Kindern Narzissten werden

"Du bist besser als die anderen Kinder." "Du verdienst eine besondere Behandlung." Mit Sätzen wie diesen können Eltern laut einer neuen Studie aus ihren Kindern kleine Narzissten machen - sehr zum Nachteil des Nachwuchses. Denn Selbstverliebtheit geht auch mit einem höheren Risiko für Depressionen und Gewalt einher.

Psychologie 10.03.2015

Nicht verwechselt werden dürfe die permanente Überhöhung aber mit der Stärkung des Selbstbewusstseins, schreiben der Erziehungswissenschaftler Eddie Brummelman von der Universität Amsterdam und seine Kollegen. Im Unterschied zur Persönlichkeitsstörung Narzissmus führt ein gesundes Selbstbewusstsein dazu, dass man sich anderen gleichwertig fühlt und entsprechend agiert.

Verliebt in das eigene Spiegelbild

Die Studie

"Origins of narcissism in children" ist am 9. März 2015 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.

Narziss, so heißt es im griechischen Mythos, war ein junger Mann, der so unsterblich in sein Spiegelbild verliebt war, dass er an der Sehnsucht danach letztlich zugrunde ging. Mit diesem Zug der grenzenlosen Selbstliebe, die letztlich auch zur eigenen Vernichtung führen kann, prägte Narziss die von der WHO anerkannte Persönlichkeitsstörung des Narzissmus.

Während es in der Erzählung einen eindeutigen Grund für die Selbstverliebtheit gibt - laut Überlieferung war sie die Strafe für die Abweisung eines Verehrers -, ist der Auslöser der heutigen Persönlichkeitsstörung nicht so eindeutig geklärt. Zwei Theorien stehen in Konkurrenz zueinander: Die eine besagt, dass soziales Lernen dafür verantwortlich ist - konkret die permanente Überbewertung durch die Eltern. Die andere fußt auf einer Annahme der Psychoanalyse, dass zu wenig Zuwendung und Wärme durch die Eltern zu einer narzisstischen Störung als "Überkompensation" führt.

Schädliche Überhöhung

Die Forscher um Brummelman wollten klären, welche der Erklärungen nun zutrifft. Dazu befragten sie 565 niederländische Kinder zwischen sieben und elf Jahren sowie deren Eltern zwei Jahre lang alle sechs Monate. Bei jedem Termin beantworteten die Kinder und ihre Eltern Fragen zu den Schwerpunkten Narzissmus, Selbstwert und Wärme seitens der Eltern.

Es zeigte sich, dass jene Heranwachsenden, deren Eltern sie für "besonderer als andere Kinder" hielten, später mit der höchsten Wahrscheinlichkeit einen narzisstischen Charakter aufwiesen: Sie besaßen wenig Einfühlungsvermögen und reagierten überempfindlich, manchmal sogar aggressiv auf Kritik. Kein Zusammenhang zeigte sich hingegen mit wenig Zuwendung und Wärme in der Erziehung - laut dieser Studie dürfte also die Theorie sozialen Lernens zutreffen.

"Kinder glauben ihren Eltern, wenn die ihnen sagen, sie seien besser als andere", sagt Koautor Brad Bushman von der Ohio State University in Columbus im E-Mail-Interview mit science.ORF.at. "Für sie selbst und auch für die Gesellschaft kann das nicht gut sein."

Kind als Prinz, Vater als König

Die aktuelle Studie wirft ein Schlaglicht auf ein Thema, das zwar immer wieder untersucht wird, zu dem harte Fakten und Zahlen aber meist fehlen. Gefragt nach den Gründen, warum Eltern zu Überbewertung des eigenen Nachwuchses tendieren, meint Studienleiter Brummelman: "Wir wissen nur sehr wenig über das Warum. In einer Untersuchung, die wir im Nobember 2014 veröffentlicht haben, konnten wir zeigen, dass narzisstische Eltern besonders dazu neigen, ihre Kinder überzubewerten. Nach dem Motto: Wenn mein Kind ein Prinz oder eine Prinzessin ist, bin ich König bzw. Königin."

Zusammenhänge zum sozialen Status einer Familie, Alter, Bildung und Herkunft der Eltern konnte Brummelman auf Nachfrage nicht bestätigen. Bushman sagt dazu: "Die Forschung hat gezeigt, dass der Narzissmus-Level von jungen Menschen, Männern und Menschen im Westen höher ist als jener von alten Menschen, Frauen und Menschen im Osten, wo der Kollektivismus eine größere Bedeutung hat."

Positives Selbstwertgefühl

Beide Forscher betonen, ihre Studie habe gezeigt, dass Narzissmus nichts mit hohem Selbstwert zu tun habe. Eltern, die ihre Kinder mit viel emotionaler Wärme behandelten, stärkten das Selbstwertgefühl. "Menschen mit hohem Selbstwertgefühl sehen sich auf Augenhöhe mit anderen, während Narzissten denken, sie ständen darüber", so Bushman.

Genau diese Erkenntnis möchte Studienleiter Brummelman für Gespräche mit Eltern nutzen, bei denen die Sinnhaftigkeit von Selbstwert und die Gefahr von Narzissmus besprochen werden sollen. Brad Bushman bringt den Rat an Eltern auf den Punkt: "Liebe und Wärme sind wichtig, aber permanente Überbewertung kann für das Kind sehr schädliche Folgen haben."

Elke Ziegler, science.ORF.at

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