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Proben mit DNA, dahinter ein unscharfes Gesicht

"Die Natur lässt sich nicht zwingen"

Klare Fragen und eindeutige Antworten sind in der Forschung selten, sagt der deutsche Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger. Die Praxis der Laborwissenschaft gleiche eher einer Pirsch in unübersichtlichem Gelände - bisweilen gelte dabei auch: "Umkehren verboten".

Interview 06.04.2015

science.ORF.at: Herr Rheinberger, angenommen, Sie müssten einem Passanten erklären, was ein wissenschaftliches Experiment ist. Was würden Sie sagen?

Hans-Jörg Rheinberger: In der Wissenschaftsphilosophie lautet die kurze Antwort spätestens seit Karl Popper: Ein Experiment ist der Test einer Hypothese. Ich habe eine Vorstellung über die Natur und das Experiment sagt mir Idealfall, ob die Vorstellung stimmt oder nicht stimmt. Ich muss aber sofort hinzufügen: Die Antwort ist irreführend. Forschungsexperimente sind sehr viel verwickelter.

Hans-Jörg Rheinberger

privat

Hans-Jörg Rheinberger war von 1997 bis 2014 Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Bis Sommer 2015 ist er als Gastwissenschfaftler am IFK Wien tätig. Dort hielt er vor kurzem auch den Vortrag: "Episteme zwischen Kunst und Wissenschaft".

Bei Francis Bacon hat die Beschreibung dieses Vorgangs eine fast inquisitorische Note. Der Forscher legt der Natur gewissermaßen Daumenschrauben an und ringt ihr eine Antwort ab. Können Sie mit diesem Bild etwas anfangen?

Unter dem Gesichtspunkt der Folter würde ich das nicht betrachten, sondern eher als Herausforderung: Man fordert die Natur in partnerschaftlichem Sinne heraus, denn erzwingen kann man im Experiment nichts: Der Wissenschaftler muss eine Aufmerksamkeit gegenüber dem untersuchten Stück Natur entwickeln, die es ihm vielleicht erlaubt, neue Dinge zu sehen oder zu hören.

Ist das Experiment eher eine Verführung der Natur? Man umgarnt sie, damit sie Geheimnisse preisgibt?

Das könnte man durchaus so sagen. Wenn man jemanden verführt, weiß man allerdings in der Regel, was man will. Beim Experiment ist es oft ein wenig komplizierter. Zum Schluss kommt meist etwas heraus, was man zu Beginn gar nicht im Sinn hatte.

Zum Beispiel?

Der Wissenschaftssoziologe Robert Merton hat dafür den Begriff "Serendipität" geprägt. Ein Wortungetüm: Es soll zum Ausdruck bringen, dass der Zufall in der Wissenschaft eine wichtige Rolle spielt. "Zufall" im Sinne von: Man begibt sich auf einen Weg in Richtung auf etwas noch nicht Bekanntes, aber der Weg ist nicht geradlinig.

Ein oft angeführtes Beispiel dafür ist die Entdeckung der zellfreien alkoholischen Gärung durch Eduard Buchner gegen Ende des 19 Jahrhunderts. Buchner wollte ursprünglich Inhaltsstoffe aus dem Zellsaft von Hefen gewinnen, weil er dachte, dass diese Stoffe für Immunreaktionen wichtig sein könnten. Um den Zellsaft haltbar zu machen, gab er unter anderem Zucker dazu – zwei Tage später stellte er fest, dass der Hefeextrakt im Reagenzglas zu Schäumen begann.

Von Francis Bacon wird erzählt, er habe in seinem Leben nur ein Experiment durchgeführt. Er soll ein Huhn mit Schnee gefüllt haben, um es haltbarer zu machen, und sich dabei eine Lungenentzündung zugezogen haben, an der er letztlich starb. Stimmt das?

Ich bin kein Bacon-Spezialist und kann das auch nicht mit harten Fakten belegen – aber ich vermute, das ist Folklore. Sicher ist: In der frühen Neuzeit hatte das Experiment noch eher sporadischen Charakter. Die Labors mit ihren raffinierten Maschinen waren damals noch nicht erfunden.

Vielleicht hat sich die Natur an Bacon gerächt, weil er so martialische Metaphern gebraucht hat.

Wenn man die Geschichte für bare Münze nimmt: Ja, das könnte sein. Interessant ist übrigens, dass solch martialische Metaphern auch in anderen Disziplinen eine wichtige Rolle spielen, vor allem im medizinischen Bereich. Betrachten Sie etwa die Immunologie: Die ist voll von kriegerischem Vokabular.

Man kann sich natürlich die Frage stellen, auf welchen Erfahrungshintergrund das zurückgeht. Nun, unser Verständnis von Medizin ist geprägt von der Vorstellung, dass sie hilft, Krankheiten zu bekämpfen.

Der polnische Wissenschaftssoziologe Ludwik Fleck hat einmal notiert: "Alle Experimentalforscher wissen, wie wenig ein Einzelexperiment beweist und zwingt." Was hat er damit gemeint?

Für Fleck ist das Experiment kein eindeutiges Frage-Antwort-Spiel, sondern ein langwieriger Prozess, ein Umkreisen des Forschungsgegenstandes mit unterschiedlichen Techniken. Im Forschungsexperiment nimmt ja überhaupt der Gegenstand des Wissens erst Gestalt an. Es ist eine Suchbewegung mit ungewissem Ausgang, die sich oft über lange Zeiträume erstreckt.

Wissenschaft ist das Stellen von Fragen, ohne dass man den richtigen Wortlaut der Frage wüsste?

Es gibt zwei mögliche Situationen. Erstens: Ich kann die Frage klar stellen, weiß aber nicht, mit welchen Mitteln ich sie beantworten kann. Zweitens: Mein Experiment gibt mir eine Antwort, sie passt aber nicht zu meiner Frage. In diesem Feld spielt sich die Forschung ab.

Noch nicht genau zu wissen, welche Fragen und wie man sie stellen müsste, und dennoch das Gefühl zu haben, etwas auf der Spur zu sein, das macht die Faszination der Forschung aus.

Welche Rolle spielt dabei die Popularisierung der Wissenschaft? Die Dinosaurier in Fachjournalen scheinen etwa seit "Jurassic Park" bunter geworden zu sein. Haben sich Ideen von der Popkultur auf die Paläontologie übertragen?

Auch wenn oft behauptet wird, Wissenschaft findet im Elfenbeinturm statt – das stimmt ja nicht: Die Wissenschaft ist immer schon Teil unserer Kultur, und das heißt auch, dass das Bild der Wissenschaft gesellschaftlich geformt wird. Um auf ihre Frage zurückzukommen: Natürlich wirkt dieses Bild auf jeden Wissenschaftler zurück. Das ist ein großes Geben und Nehmen zwischen beiden Seiten.

Die Wissenschaftler stehen wiederum vor der Frage: Wie können sie ihre Ergebnisse so darstellen, dass sie rezeptionsfähig werden? Man will das, was man herausgefunden hat, schließlich auch mit anderen teilen.

Sie haben kürzlich in einem Vortrag in Wien den amerikanischen Kunsthistoriker George Kubler und seine These erwähnt, Wissenschaften und Künste würden ähnlich verfahren. Inwiefern tun sie das?

Beide arbeiten an einem zukunftsoffenen Projekt. Sie stellen Gegenstände her, die von ihrer Herstellung nicht schon in voller Pracht am Horizont stehen. Der Weg spiegelt sich gewissermaßen im Produkt. Genau das unterscheidet Wissenschaft und Kunst von der fabriksmäßigen Herstellung von Gebrauchsgütern.

Zufall und Zukunftsoffenheit bedeutet: Es hätte auch anders kommen können. Hätte das Higgs-Teilchen auch nicht entdeckt werden können?

Auch in der Physik kann man nicht antizipieren, was herauskommt. Die Wissenschaft läuft auf kein Ziel zu, die Forscher stoßen sich eher ab in Richtung Neuland.

Kann man sich in beliebige Richtungen abstoßen?

In viele. Von dem Weg, der zuvor beschritten wurde, kann man natürlich nicht abstrahieren. In der Technik gibt es den Begriff der "Pfadabhängigkeit". Wenn man einen bestimmten Weg eingeschlagen hat, wird es immer kostspieliger, diesen wieder zu verlassen.

Hätte sich die theoretische Physik anders entwickelt, würde das Higgs-Teilchen in der Gegenwart nicht existieren – und alle hielten das für objektiv?

Die Frage ist falsch gestellt. Wenn man die Instrumente nicht hat, um so ein Teilchen darzustellen, kann man darüber auch nichts wissen.

Mögen sie den Begriff "Objektivität"?

Ich mag den Begriff sehr. Mir sagt er, dass ein Stück Natur, das ich vor mir habe, mir Widerstand entgegensetzt. Ich bin kein Freund des Sozialkonstruktivismus und würde auch nicht sagen: Alles könnte anders sein. Die Wissenschaft ist von ihren Werkzeugen abhängig. Und das Higgs-Teilchen kann nur durch einen Milliarden Euro teuren Apparat zur Darstellung gebracht werden, an dem tausende Leute arbeiten.

Kommen wir nochmals zum Verhältnis Wissenschaft und Kunst, nämlich zum Phänomen der Ablösung. Einstein hat Newton ersetzt, aber man würde nicht behaupten wollen, dass Warhol Raffael ersetzt hat, oder?

Das Veralten von Wissen scheint mir in der Wissenschaft stärker ausgeprägt zu sein. Wissen wird irgendwann weniger relevant, ich scheue mich allerdings davor zu sagen, es werde "falsch". Wenn wir heute im Museum vor einem Bild von Raffael stehen, sehen wir das natürlich als Teil unseres künstlerischen Erbes an.

Andererseits - wenn sich jemand mit Wissenschaftsgeschichte beschäftigt, wird er auch nicht sagen: "Galilei können wir vergessen. Was hat er denn mit seinen nicht ganz runden Kugeln auf der schiefen Ebene gemacht?" Galileo gehört zum historischen Bestand der Wissenschaft. Er ist und bleibt eine Schlüsselfigur der frühen Neuzeit.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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