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Carl E. Schorske

"Wienexperte" Carl E. Schorske wird 100

Sein in zehn Sprachen übersetztes Hauptwerk "Wien - Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle" brachte nicht nur ihm selbst weltweite Anerkennung, sondern rückte auch Wien in den Mittelpunkt kulturhistorischen Interesses: Am Sonntag feiert der renommierte US-Kulturhistoriker Carl E. Schorske seinen 100. Geburtstag.

Personalia 13.03.2015

Gefeiert wird zunächst im kleinen Kreis, am 29. März folgt ein festliches Konzert im Altersheim in New Jersey, zu der neben der Leiterin des Österreichischen Kulturforums in New York, Christine Moser und dem Generalkonsul Georg Heindl auch Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) erwartet wird, der dem Jubilar das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verleihen wird. Zu den Freunden und Kollegen, die Schorske die Aufwartung machen werden, zählt auch der Historiker Gary Cohen, der einst bei Schorske an der Princeton University dissertierte und nunmehr einen Lehrstuhl an der University of Minnesota innehat.

"Sein Werk zum Fin de Siècle in Wien ist ein Standardwerk für jeden, der sich für die Wiener und österreichische Kultur, das intellektuelle Leben und das Verhältnis zur Gesellschaft und Politik rund um 1900 interessiert", schreibt Cohen der APA in einem Statement. "Das Buch ist immer noch der Ausgangspunkt für viele Studenten, die sich dem Feld widmen", so der Wissenschaftler, der auch das "Center for Austrian Studies" an seiner Uni leitet. Schorske habe durch seine "einfühlsamen, eleganten Schriften" auch die weiterführende Arbeit zahlreicher Historiker und Kulturwissenschaftler inspiriert.

"Größter lebender Kulturhistoriker"

Als "einen der größten lebenden Kulturhistoriker" bezeichnete ihn die Österreichische Forschungsgemeinschaft im Jahr 2004 anlässlich der Verleihung des von ihr vergebenen "Wittgenstein-Preises". Als er bei seinem letzten öffentlichen Auftritt in Österreich im Jahr 2012 zum Ehrenbürger der Stadt Wien ernannt wurde, nannte ihn Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) den Mann, "der uns unsere eigene Geschichte nahe gebracht hat". Seine Bedeutung in den USA hielt Schorske selbst für gering, wie er anlässlich seines 90. Geburtstags zur APA sagte: "Ich spiele in Amerika eine sehr marginale Rolle." Kollege Cohen sieht darin allerdings eher einen Beweis dafür, welch geringes Ansehen wichtige Humanwissenschaftler in der amerikanischen Öffentlichkeit generell genießen.

Dass sich Schorske in seinem Standardwerk ausgerechnet mit Wien beschäftigte, erklärte er 2005 so: "Die Verbindung zwischen der Vielfalt der Ideen und dem Gefühl der Identität hat Wien zu etwas ganz Besonderem gemacht." Für sein Projekt einer "Suche nach den Wurzeln der Moderne" habe sich Wien daher besonders geeignet. Im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses des Amerikaners stand stets die europäische Geistes- und Kulturgeschichte seit dem 18. Jahrhundert. Seine Österreich-Studien konzentrierten sich auf politische und kulturelle Strömungen im Kontext der Krise des Spätliberalismus in den letzten Jahrzehnten der Donaumonarchie.

"Pionierwerk" zu Wien

Carl Schorske wurde am 15. März 1915 in New York geboren. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Werks "Fin-de-Siècle Vienna", das ihm 1981 den Pulitzerpreis einbrachte und ihn schließlich berühmt machte, war er bereits 65 Jahre alt und emeritierte im gleichen Jahr. Obwohl der international anerkannte Historiker, der 1950 an der Harvard University promoviert wurde, über eine ganze Latte an wissenschaftlichen Publikationen verfügt - u.a. beschäftigte er sich mit dem Zustand im Nachkriegsdeutschland ("Eastern and Western Orientation in German Foreign Policy, 1947) ebenso wie mit Gustav Mahler ("Eine österreichische Identität: Gustav Mahler", 1996) -, ist es gerade das "Pionierwerk" des Wiens um 1900, das immer wieder Aufsehen erregt. Für den Wiener Historiker Gerald Stourzh hat Schorske damit herkömmliche historische Methoden hinter sich gelassen und "wahrhaft transdisziplinär aus historischen, literarischen, aus Architektur-und Bildquellen, aus der Musik, aus psychoanalytischen Materialien ein Ganzes geformt".

Schorske lehrte zunächst an der Wesleyan University, ab 1960 an der University of California in Berkeley und von 1969 bis zu seiner Emeritierung 1980 in Princeton, wo er sechs Jahre lang dem "Programme in European Cultural Studies" vorstand. In Forschung und Lehre hat Schorske wiederholt auf die bildenden Künste zurückgegriffen; er stand vielen Museen in Europa und den USA beratend zur Seite und begleitete mit bedeutenden wissenschaftlichen Beiträgen die großen "Traum und Wirklichkeit"-Ausstellungen über das Wiener Fin de Siècle in Wien, Paris und New York. Auch für die Freud-Ausstellung der Library of Congress, die auch in der Österreichischen Nationalbibliothek gezeigt wurde, war er wissenschaftlicher Konsulent.

Der Kulturhistoriker wurde neben dem Pulitzerpreis mit zahlreichen weiteren Auszeichnungen geehrt. Er ist Träger von Ehrendoktoraten u.a. der Princeton University, der New School for Social Research und der Universitäten Salzburg und Graz, sowie Mitglied der American Academy of Arts and Sciences, Korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Ehrenmitglied der Königlich-niederländischen Akademie der Künste. Seit 1993 ist Carl Schorske Ehrenvorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Internationalen Zentrums Kulturwissenschaften (IFK) in Wien, das die deutsche Übersetzung seines Werkes "Thinking with History. Explorations in the Passage to Modernism" (1998) betreute (Wien 2004). Im Jahr 2012 schließlich wurde er in Anwesenheit zum Ehrenbürger der Stadt Wien ernannt. Nun folgt mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen eine der höchsten Auszeichnungen der Republik Österreich.

science.ORF.at/APA

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