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Eingangsbereich mit Schriftzug der Chinese University of Hong Kong

Globale Universitäten, lokale Forschung

Universitäten stehen mittlerweile im ständigen Wettbewerb um Fördergelder und die klügsten Köpfe aus der ganzen Welt. Alle wollen das beste Forschungsumfeld bieten - dabei laufen sie Gefahr, sich zu sehr aneinander anzugleichen, meint Joseph Sung, Rektor der Chinese University of Hong Kong in einem Interview.

650 Jahre Uni Wien 16.03.2015

Er spricht sich gegen eine "McDonaldisierung" der Hochschullandschaft aus und plädiert für eine lokale Forschungskultur - besonders in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Als eine Gefahr der Globalisierung sieht Sung eine weitere Stärkung jetzt schon "starker Unis" und eine Schwächung jener mit geringeren Ressourcen.

science.ORF.at: Wodurch zeichnet sich die Globalisierung in der höheren Bildung aus?

Joseph Sung, Rektor der Chinese University of Hong Kong

Chinese University of Hong Kong

Joseph Sung, Rektor der Chinese University of Hong Kong

Joseph Sung: Globalisierung ist in allen Sektoren unseres Lebens passiert, das beinhaltet auch die Bildung. In tertiärer Bildung bedeutet das, dass heute Studenten überallhin gehen können um zu studieren, und dass wir auch Studenten und Wissenschaftler von überallher treffen. Gleichzeitig rekrutieren wir Lektoren und Professoren aus allen Teilen der Welt. Und das bedeutet enormen Wettbewerb: Die besten Forscher, die besten Lehrer werden die gefragtesten sein, an jeder Universität weltweit - und gleichzeitig bedeutet das, dass uns gute Professoren abgeworben werden können. Diesem Element von Wettbewerb müssen wir uns stellen.

Aber natürlich gibt es auch Vorteile: Wegen der Fortschritte in der Informationstechnologie und dem modernen, internationalen Transportmöglichkeiten können wir auch mit jeder Universität der Welt leicht zusammenarbeiten. Ich komme zum Beispiel gerade vom CERN in der Schweiz, und das ist wirklich ein riesiges Konsortium von hunderten von Universitäten, die zusammenarbeiten. Nur wegen dieser Möglichkeit, Ressourcen und die besten Köpfe aus der ganzen Welt zusammenzubringen, können wir so etwas wirklich Bedeutsames schaffen. Und das ist ein Trend, der sich gerade in der ganzen Hochschullandschaft abzeichnet.

Veranstaltung:

Anlässlich des 650. Geburtstages der Universität Wien fand am 13.3. die Konferenz "Global universites and their regional impact" statt. Internationale Gäste diskutierten zur Zukunft von Universitäten. Darunter auch Joseph Sung, Rektor der Chinese University of Hong Kong.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 16. 3., 13.55 Uhr.

Stehen Universitäten da nicht unter Druck, sich an eine dominante Art der Ausbildung und Forschung anzugleichen, wie sie jetzt vielleicht vom anglo-amerikanischen Raum ausgeht?

Natürlich müssen sich alle Universitäten verändern - wenn man sich nicht mit der Zeit ändert, wird man an den Rand gedrängt. Universitäten sollten aber auch versuchen, sich einen eigenen Charakter zu erhalten, oder die kulturelle Einzigartigkeit, wenn Sie so wollen - gerade solche mit einem historischen Hintergrund. Wir dürfen das nicht aufgeben und identische Universitäten werden. Ich benutze den Terminus "McDonaldisierung" - wie McDonald's überall auf der Welt gleich ist, den gleichen Burger verkauft. Ich glaube nicht, dass Universitäten so werden sollten.

Sie hier sollten das nicht tun - Sie sind eine mitteleuropäische Universität, eine deutschsprachige Universität. Sie haben Ihre eigene Kultur, und Sie sollten das nicht aufgeben. Denn dann können Leute, die sich für deutschsprachige oder österreichische Kultur, Wissenschaft oder Philosophie interessieren, hierher kommen. Und das gilt auch für unsere Universität in Hong Kong. Wir heißen auch Chinesische Universität von Hong Kong, weil das im Kern unser "Geschäft" ist, die chinesische Kultur. Wir wollen eine Brücke sein zwischen China und der westlichen Welt. Wir wollen Studenten ermöglichen, bei uns auch die chinesische Kultur zu lernen. Also einerseits müssen wir uns zwar ändern, dem Trend der Globalisierung folgend, aber wir sollten nicht alles an uns ändern.

Sie sprechen auch davon, dass die Lokalisierung einer Universität wichtig ist, und neben der globalen Ausrichtung gleichwertig stehen muss - wieso?

Eine Menge Probleme, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, sind globale Probleme: Energie, Klimawandel, Finanzkrise, auch Epidemien,- die halten sich an keine Grenzen. Und hier müssen wir auf globaler Ebene zusammenarbeiten.

Aber es gibt auch Probleme, die regional sind - oder landesspezifisch, oder auch nur eine Stadt betreffen. Und dort müssen wir immer noch lokal arbeiten, denn das betrifft unsere eigenen Mitbürger, unsere eigenes Umfeld. Oft betreffen solche Fragen eher Geistes- und Sozialwissenschaften; ich glaube, man sollte diese Wissenschaften nicht aufgeben. Und ich glaube nicht, dass sie weniger wichtig sind als Naturwissenschaften. Man sollte dem Lokalen Raum geben, sich gleichzeitig mit der globalen Perspektive zu entwickeln, Hand in Hand. Denn was in einem Land passiert, auch wenn es nirgendwo sonst exakt gleich passiert, daraus kann man universell für die Menschheit lernen.

Können Sie mir ein Beispiel geben?

Migration. Das betrifft viele Länder. In Deutschland hat man viele Migranten, in den USA, in Kanada, und auch in Hong Kong haben wir viele Migranten. Aber jede Stadt hat ganze eigene Probleme mit der Migration. Was wir tun sollten, ist nicht, dass wir Migration als lokales Problem nicht mehr untersuchen, sondern dass wir unsere jeweiligen eigenen Fälle untersuchen und vergleichen. Wenn wir irgendwo einen Erfolg haben, ein Problem lösen, dann kann man das irgendwie umlegen. Und genau darum, dürfen wir uns nicht zu sehr angleichen.

Gilt das auch für die Naturwissenschaften?

Naturwissenschaften haben nicht so sehr diese lokale "Geschmacksrichtung", Teilchenphysik in Deutschland unterscheidet sich nicht von der in China oder in den USA. Es scheint einfacher für diese Wissenschaftler zusammenzuarbeiten. Obwohl sie verschiedene Sprachen sprechen, bleibt die wissenschaftliche Sprache die gleiche. In Geistes- und Sozialwissenschaften spielt der Hintergrund - unterschiedliche Kultur, Politik, Tradition - eine größere Rolle. Trotzdem oder auch deswegen können sie voneinander lernen.

Eine relativ neue Entwicklung sind die "Wissenschaftsnomaden" -Wissenschaftler, die mehrere kürzere Verträge an verschiedenen Universitäten annehmen, bevor Sie irgendwo langfristig bleiben können. Wie wird sich das entwickeln?

Die Mobilität von Akademikern ist auch ein Effekt der Globalisierung, weil wir mittlerweile weltweit rekrutieren - und man nimmt die besten Leute, die man eben bekommen kann. Auf gewisse Weise ist das gut, weil es mehr Möglichkeiten bietet, aber es bedeutet auch, dass vor allem die Universitäten mit den meisten Ressourcen oder die Städte die beliebter sind, dann die besten Akademiker anlocken können. Und in gewisser Weise wird das die Starken stärker machen, und die Schwächeren benachteiligen.

Und wie wird sich der Globalisierungstrend in der Bildung auf lange Sicht auswirken?

So wie sich die Wirtschaft globalisiert hat, Information im Internet so zugänglich ist und internationales Reisen so einfach ist, so bewegt sich alles in diese Richtung. Diesen Megatrend hat man in den letzten zwei Jahrzehnten schon beobachten können. Aber was noch kommen wird, oder auch schon passiert, ist, dass sich die Bildung auf ähnliche Weise öffnet und globalisiert. Wir reden viel über MOOCs - Massive Open Online Courses, Online- Plattformen, die Kurse anbieten - das wird ein weiterer "Tsunami" werden, wenn man so will, auf den sich alle Einrichtungen höherer Bildung einstellen müssen. Jeder kann sich für diese Kurse einschreiben, manchmal auch gratis, und das würde Hochschulbildung dann auch wirklich für jeden, überall zugänglich machen.

Die größte Auswirkung sonst wird sein, dass Wissenschaft schneller Fortschritte erzielen kann, weil wir zusammenarbeiten. Eine weitere ist, dass jeder sehr hart arbeiten wird, um wettbewerbsfähig zu sein, weil man sonst marginalisiert wird. Auf gewisse Weise ist es natürlich gut, dass wir alle härter und gemeinsam daran arbeiten, um unser Wissen weiterzubringen. Aber ich hoffe auch, dass unsere eigene Kultur in diesem Prozess erhalten bleiben kann.

Isabella Ferenci, Ö1 Wissenschaft

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