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Partielle Sonnenfinsternis bei Münster

Ein "planbarer Test" für die Stromnetze

Wenn sich morgen der Mond langsam über die Sonne schiebt, ist das für viele nur ein spektakuläres Naturereignis. Für die europäischen Stromerzeuger hingegen stellt die partielle Sonnenfinsternis eine "noch nie da gewesene Herausforderung" dar, denn immer mehr Strom kommt aus Photovoltaikanlagen.

Sonnenfinsternis 19.03.2015

Ein Blackout drohe deshalb aber aller Voraussicht nach nicht, beruhigen heimische Experten. Sie sprechen lieber von einem "planbaren Test" für die nahe Zukunft, wenn ein immer größerer Anteil unseres Stroms aus Sonnen- und Windanlagen kommen wird.

80 Kraftwerke gehen vom Netz

80 mittelgroße Kraftwerke, die plötzlich vom Netz gehen - das ist laut einer Analyse des Verbands der Europäischen Stromnetzbetreiber (ENTSO-E) der Effekt, den die morgige partielle Sonnenfinsternis auf die Stromnetze haben wird. Die Verfinsterung der Sonne wird heuer zum ersten Mal auch energietechnisch massiv zu spüren sein. Denn seit der letzten Sonnenfinsternis im Jahr 1999, also vor 16 Jahren, hat sich der Anteil von Sonnenstrom in Europas Netzen mehr als verhundertfacht.

Eckdaten zur Sonnenfinsternis:

Die Bewohner von Vorarlberg und Tirol kommen als erste in den Genuss des Schattenspiels: In Bregenz schiebt sich der Mond bereits ab 9.27 Uhr zwischen Erde und Sonne, in Wien geht es zehn Minuten später los. Zu maximal 63 Prozent wird die Sonne verdeckt sein, was wir laut Astronomen nur als leichte Verdunkelung wahrnehmen werden. Zu Mittag ist das Schauspiel dann auch schon wieder vorüber. Einen Blick auf die Sonne sollte man auf jeden Fall nur durch spezielle Brillen oder Folien wagen, ansonsten drohen schwere Augenschäden. Wer gut geschützt hinschauen kann, sollte das aber tun. Denn die nächste teilweise Sonnenfinsternis steht in Österreich erst 2021 am Programm.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Sonnenfinsternis und ihre Auswirkungen auf das Stromnetz berichtete auch das Mittagsjournal, 19. März 2015 um 12.00 Uhr.

Links:

Astrophysikerin Ute Amerstorfer von der Universität Graz betont, dass eine Sonnenfinsternis etwas anderes ist als einfache Bewölkung: "Der Vorteil von Wetterphänomenen ist, dass sie lokal stattfinden. Das heißt: In einer Region ist es dichter bewölkt, in einer anderen scheint aber dennoch die Sonne. Somit gleicht sich die Stromproduktion durch Photovoltaikanlagen wieder aus."

Geschwindigkeit als Problem

Die aktuelle Sonnenfinsternis hingegen betrifft ganz Europa, weshalb jedes Land den Entfall von Sonnenenergie bewältigen muss. In Österreich können Solaranlagen aktuell rund 800 Megawatt (MW) erzeugen, was zu Spitzenzeiten rund acht Prozent des Strombedarfs deckt.

Die durch die Sonnenfinsternis entfallende Strommenge stellt in Österreich deshalb nicht das große Problem dar, es werde mit maximal 120 MW "Verlust" gerechnet, sagt Gerhard Christiner, Vorstand des österreichischen Stromnetzbetreibers Austrian Power Grid (APG), im Gespräch mit science.ORF.at: "Die Herausforderung ist die Schnelligkeit, in der die Sonne zum Teil verschwindet und dann auch wieder auftaucht. Das geht viel schneller als bei einem gewöhnlichen Sonnenunter- bzw. -aufgang."

Und er illustriert diese Dynamik am Beispiel Deutschland, wo Photovoltaikanlagen in den letzten Jahren massiv ausgebaut wurden und aktuell zu Spitzenzeiten 40.000 Megawatt Leistung liefern können: "Man kann in Deutschland davon ausgehen, dass innerhalb einer Stunde circa 12.000 Megawatt Leistung - das ist in etwa der Stromverbrauch in Österreich in 24 Stunden - vom Netz gehen und um die Mittagszeit 19.000 Megawatt zurückkommen." Die zweite Zahl sei deswegen höher, so Christiner, weil zu Mittag die Sonneneinstrahlung stärker ist als am frühen Vormittag. Für Österreich ist die Situation in Deutschland auch deswegen von Bedeutung, weil es beim Strommarkt keine Grenzen mehr gibt und Schwankungen im einen Land auch die Versorgung im anderen beeinflussen.

Reserven werden mobilisiert

Deutschland will das plötzliche Absacken von Sonnenenergie in erster Linie durch Kohle- und Gaskraftwerke ausgleichen. Und auch in Österreich werden alle Reserven mobilisiert, erklärt APG-Vorstand Christiner: "Es werden alle Regelkraftwerke bestmöglich verfügbar gehalten - das ist aus unserer Sicht das Entscheidende. Wie gesagt: Wir haben kein Problem mit der entfallenden Menge, sondern wir brauchen Kraftwerke, die mit dieser Dynamik, die die Sonne in diesen zwei Stunden hat, auch mithalten können. Das sind in Österreich in erster Linie Pumpspeicherkraftwerke."

Außerdem wurde das Personal in der Steuerzentrale speziell geschult, mit den Netzbetreibern der Nachbarländer seien Telefonkonferenzen geplant, betont man seitens APG.

Test für Zukunftsszenario

Dass mit der Sonnenfinsternis der Strom ausfällt, also der gefürchtete Blackout droht, hält Christiner von Austrian Power Grid deshalb für extrem unwahrscheinlich. Er sieht die Sonnenfinsternis sogar als eine Chance.

Denn heute könne getestet werden, was bei einem weiteren Ausbau von Sonnen- und Windenergie in einigen Jahren zum beinahe täglichen Geschäft gehören könnte: dass ein Teil der Energieversorgung entfällt, zum Beispiel weil sich das Wetter plötzlich ändert. Der Vorteil am Sonnenfinsternistest: Er war Monate im Voraus planbar.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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