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Eine Hand schreibt mit einem Stift "Peer Review" auf eine Tafel.

Durch Bezahlung auf die Überholspur?

Bevor eine Studie in einer Zeitschrift veröffentlicht wird, muss sie von Fachleuten begutachtet werden. Das dauert in der Regel Monate. Die Zeitschrift "Nature" will den Vorgang mit einer umstrittenen Maßnahme beschleunigen: Autoren können nun Gutachten bei einer privaten Firma kaufen.

Publikationen 01.04.2015

Drei Wochen statt mehrere Monate

Vor knapp einer Woche gab der "Nature"-Verlag bekannt: Forscherinnen und Forscher, die in der Zeitschrift "Scientific Reports" veröffentlichen möchten, können ab sofort das Gutachten um 750 US-Dollar bei Rubriq, einem Service einer US-amerikanischen Firma, erwerben. Ob die Studie erscheint oder abgelehnt wird, werde dann innerhalb von drei Wochen entschieden, heißt es - eine deutliche Beschleunigung, dauert der Prozess doch ansonsten bis zu mehreren Monaten.

Aus Protest ist unmittelbar nach der Bekanntgabe einer der Herausgeber des Magazins, Mark Maslin, zurückgetreten, 23 weitere Mitglieder des Editorial Boards meldeten sich in einem offenen Brief kritisch zu Wort. Ihre Hauptkritikpunkte: Der Review-Prozess könnte durch die Auslagerung an eine externe Firma intransparenter werden, die Bezahlung von Gutachten könnte es für mittelmäßige Forscherinnen und Forscher lukrativ machen, ihren Lebensunterhalt durch Reviews und nicht durch Forschung zu verdienen.

Außerdem stellen sie die Frage, ob damit ein Zwei-Klassen-System geschaffen wird: Wer es sich leisten kann, bezahlt den Review und wird dadurch rascher veröffentlicht. Wer kein Geld dafür hat, muss warten und die Publikationsliste leidet.

Nüchterner Blick gefragt

Der "Nature"-Verlag beruhigt: Er verweist auf eine Umfrage unter seinen wissenschaftlichen Autorinnen und Autoren, in der 70 Prozent angaben, über die langen Wartezeiten beim Peer Review frustriert zu sein. 67 Prozent sprachen sich dafür aus, dass Verleger mit alternativen Modellen experimentieren sollten. Und ein solches Experiment sei jetzt bei "Scientific Reports" gestartet worden.

Falk Reckling vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF, der sich schwerpunktmäßig mit dem wissenschaftlichen Publikationswesen beschäftigt, plädiert im Gespräch mit science.ORF.at für einen realistischen Blick: "Bezüglich des Arguments der Zwei-Klassen-Gesellschaft muss man einfach nüchtern sein und sagen: Das hat es in der Wissenschaft schon immer gegeben. In den Top-Zeitschriften wie 'Science' und 'Nature' können in der Regel ohnehin nur Leute publizieren, die die entsprechende Forschungsinfrastruktur haben."

Außerdem hätten Forscherinnen und Forscher schon bisher Kosten übernehmen müssen - für Farbgrafiken etwa oder - im Fall von Open-Access-Zeitschriften - für die Einreichung.

Kostenreduktion beim Personal?

Der FWF-Experte vermutet hinter diesem Schritt des "Nature"-Verlags einen anderen Grund: "Die Topzeitschriften stellen wissenschaftliches Personal an, das die eingereichten Studien vorselektiert. In einigen Fällen werden bis zu 80 Prozent der Papers abgelehnt, bevor sie überhaupt zu einem Reviewer kommen - ansonsten würde man mit der Masse an Einreichungen nicht zurechtkommen. Das kostet eine Menge Geld, und mir scheint es, dass der 'Nature'-Verlag eben diese Kosten durch die Auslagerung an externe Anbieter senken will."

Im Hintergrund könnte seiner Meinung nach der Merger mit der Springer-Verlagsgruppe stehen, der Anfang der Jahres 2015 bekannt gegeben wurde. Dadurch entsteht ein Verlagsriese mit 13.000 Beschäftigten und 1,5 Milliarden Euro Jahresumsatz: "Solche Einsparungsmaßnahmen würden zu einem möglichen Börsegang des Riesen passen."

Die Analyse von Falk Reckling im O-Ton:

Gefälschte Reviews

Ob die Auslagerung von Peer Reviews an private Anbieter generell eine gute Entwicklung für die Wissenschaft ist, bezweifelt Reckling: "Gute Zeitschriften suchen nicht nach irgendwelchen, sondern nach den passenden Gutachtern. Und dass sich die Besten eines Fachs durch ein Honorar im niedrigen 100-Dollar-Bereich locken lassen, ist nahezu auszuschließen." Er sieht eher die Gefahr, dass das Schreiben von Gutachten zu einer Einkommensquelle jener werden könnte, die sich nicht durch die Qualität ihrer Arbeit durchsetzen können und deshalb ausweichen müssen.

Dass das Peer-Review-System generell gegen Manipulationen nicht gefeit ist, wurde erst kürzlich durch eine Stellungnahme von BioMed Central klar, einem Verlag, der 277 Open-Access-Magazine herausgibt. Schon im November 2014 wurde bekannt, dass in mehreren Fällen gefälschte Reviews erstellt worden waren. Eine detaillierte Untersuchung ergab nun: 43 Studien müssen zurückgezogen werden, weil sie auf der Grundlage gefälschter Gutachten publiziert wurden. Einige davon wurden von Agenturen organisiert, die Forscherinnen und Forschern Hilfe bei Übersetzungen und Einreichungen anbieten - was die Autoren selbst davon wussten, ist bisher unklar.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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