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Nachdenklicher Mann stützt sein Kinn auf die Hand

Das "Kleiner-Professor-Syndrom"

Rund 80.000 Menschen sind in Österreich von Autismus betroffen. Mehr als die Hälfte davon hat eine leichte Variante, das Asperger-Syndrom. Es geht meist mit überdurchschnittlicher Intelligenz, aber auch mit verminderter sozialer Kompetenz einher.

Weltautismustag 02.04.2015

Im Englischen wird es daher "the little professor syndrome" genannt. Die Vereinten Nationen fordern anlässlich des heutigen Weltautismustages mehr Toleranz für die Andersartigkeit der Betroffenen.

Autisten nehmen Gefühle anderer schwer wahr

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichten heute auch Morgenjournal sowie Mittagsjournal, 2.4.2015, 7.00 bzw. 12.00 Uhr.

Der deutsche Kabarettist und Mediziner Eckhart von Hirschhausen bringt das Problem vieler vom Asperger-Syndrom Betroffenen mit Humor auf den Punkt. Zitat: "Wenn Du als Pinguin geboren wurdest, dann machen auch sieben Jahre Psychotherapie keine Giraffe aus dir". Soll heißen: Hat man Asperger, dann ist man anders als die Mehrheit der Menschen - und wird auch nie so wie die Mehrheit werden.

Für Autisten gilt generell: Sie nehmen Gefühle anderer schwer wahr, sagt Martin Felinger Psychologe der Österreichischen Autistenhilfe. "Sich in eine andere Person hineinzuversetzen und zu spüren was diese Person möchte, das funktioniert nicht oder nur sehr schlecht." Daher ist für sie "small talk" zu führen meist ein Gräuel, während sie exzellent über ihr Fachgebiet, ihre Interessen sprechen können.

Die Ursache für das Asperger-Syndrom ist unklar, sagt die Neurologin, Kinder- und Jugendpsychiaterin Brigitte Hackenberg. Man wisse nur, dass es biologische Faktoren, wie eine genetische Disposition dafür gibt. "Interessanterweise liegen die Schwerpunkte der Forschung hauptsächlich im neurobiologischen Bereich, es wird zu wenig auf soziologischer und psychologischer Ebene geforscht."

Mehr Männer als Frauen

Rund 80.000 Frauen, Männer und Kinder zeigen in Österreich Symptome von Autismus, die Störungsqualität haben, also Symptome, die die Betroffenen in ihrem privaten wie beruflichen Fortkommen beeinträchtigen, sagt Brigitte Hackenberg, das sei eine nicht zu unterschätzende Zahl. Durch die sozialen Defizite haben Asperger-Autisten, es sind mehrheitlich Männer im Verhältnis 1:8, oftmals Schwierigkeiten im Berufsleben Fuß zu fassen oder sie sind als "Nerds" verschrien. Von Asperger Betroffene sind meist überdurchschnittlich intelligent, haben Spezialbegabungen, sind hochsensibel.

"Es gibt viele Menschen, die ihr ganzes Leben mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, deren Ursachen oder deren Dynamik sie nicht verstehen. Für viele bedeutet die Diagnose eines Asperger-Syndroms eine ganz große Erleichterung, weil sie dann im Nachhinein verstehen, warum sie so oft angeeckt sind, warum sie sich oft ausgeschlossen gefühlt haben."

Auch für das Umfeld, Familie, wie Arbeitgeber, kann eine Diagnose hilfreich sein, sagt Psychologe Felinger, um Verständnis für die Eigenheiten und Vorzüge zu entwickeln."Aufklärung ist wichtig, Strategien sind wichtig, man kann sich beraten lassen, es gibt ausgezeichnete Literatur, die einem hier helfen kann." Brigitte Hackenberg fügt hinzu: "Wenn wir uns einigen könnten auf die Andersartigkeit, dann könnten wir den Asperger-Autisten ein bisschen toleranter und kompetenter begegnen - und das sollte das Ziel sein!"

80 Prozent der Asperger-Autisten sind arbeitslos

Auch der 43jährige Amadé Modos hat immer wieder seinen Arbeitsplatz verloren, weil er sich nicht oder nur schwer eingliedern konnte. Erst seit zweieinhalb Jahren weiß er, dass er Asperger hat. Die Diagnose war eine große Erleichterung für ihn. "Es war für mich eine Erlösung, das kann ich wirklich sagen, weil ich nämlich schon mein ganzes Leben lang gespürt habe, dass ich irgendwie anders bin, anders denke als die übrigen Menschen und mich auf dieser Welt nicht so gut orientieren kann."

Wie von einem anderen Planeten habe er sich oft gefühlt. In der Schule wurde er von seinen Mitschülern gehänselt, bei den Lehrern hat er angeeckt, an der Technischen Universität Wien - wo er Versicherungsmathematik studiert und mit Diplom abgeschlossen hat - war es schwierig Freundschaften aufbauen, sich ins Umfeld einzugliedern und Small Talk zu führen. In den Gesichtern von anderen zu lesen sei fast unmöglich, auch wenn es jetzt besser gehe.

O-Ton Amadé Modos:

"Aber ursprünglich war es so, dass ich mich überhaupt nicht hineinversetzen konnte was der Mensch mir gegenüber im Augenblick wirklich denkt. Man kann das auch erweitern in dem Sinn, dass ich generell soziale Zusammenhänge nicht begriffen habe. Wenn rund um mich Intrigen im Gang waren, habe ich das auch nicht gemerkt."

Diagnose bringt Erleichterung

Durch seine Andersartigkeit hat Amadé Modos nach dem Studium immer wieder seine Jobs in der Versicherungsbranche verloren, war lange Zeit arbeitslos, trotz seines Wissens "Ich galt schon fast als Genie. Und da hat es geheißen: Jemand, der in Mathematik so gescheit ist, der sollte sich auf jedem Gebiet des Lebens gut auskennen. Und wenn er es nicht tut, dann ist er ein boshafter Mensch, weil er sich mit anderen spielt. Und deswegen hat es so lange gedauert bis der Gedanke kam, dass ich so ein Syndrom haben könnte. Vor zweieinhalb Jahren kam dann schließlich die Diagnose."

Mit der Diagnose ging es bergauf, endlich war klar, "warum ich so bin, wie ich bin", sagt Amadè Modos. Infolge habe er bei der Suche nach einem Arbeitsplatz Unterstützung von "Specialisterne Austria" erfahren. Einem Verein, der sich darauf spezialisiert hat, Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung am Arbeitsmarkt zu vermitteln und ihre Vorzüge aufzuzeigen, wie analytisches Denkvermögen, die Fähigkeit zur Mustererkennung oder auch besondere Genauigkeit. Bei seiner jetzigen Firma fühle er sich sehr wohl.

"Das war Sympathie auf den ersten Blick. Es ist genau das, wovon ich immer geträumt habe, nur meine kleine feine Arbeit zu machen und akzeptiert und geschätzt zu werden," sagt Amadé Modos.
Er hat seine Lebensgeschichte niedergeschrieben, um anderen Betroffenen Mut zu machen. "Ich muss mich durchs Leben tasten", heißt sein Buch.

Gudrun Stindl, Ö1-Wissenschaft

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