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Albert Einstein mit Pfeife, undatiertes Foto

Weltweiser und Revolutionär

Vor 60 Jahren, am 18. April 1955, starb Albert Einstein. Er war Pazifist, Kosmopolit und intellektueller Revolutionär. Für manche ist er gar der größte Physiker aller Zeiten. Fest steht: Einstein hat die Grenzen der Wissenschaft mehrfach verschoben - ohne sein Werk wäre unser Weltbild ein anderes.

Albert Einstein 17.04.2015

Wie es dazu kam, erläutern die beiden Wissenschaftshistoriker Jürgen Renn und Alexander Blum in einem Interview. Stationen des Gesprächs: Einsteins Ikonenstatus, seine Zufalls-Aversion und sein Verhältnis zum lieben Gott.

Einstein war nicht nur ein herausragender Physiker, er verkörpert auch die Wissenschaft wie kaum ein anderer. Man könnte sagen: Einstein ist Pop. Warum gerade er?

Jürgen Renn: Man muss bedenken, dass Einstein in einer Zeit groß wurde, in der die Massenmedien erst entstanden sind. Sie haben die Wissenschaft erstmals popularisiert und sein Bild in alle Welt getragen. Und es war eine Zeit, die durch Kriege zerrissen war. Der Krieg hatte auch die Wissenschaften der Länder entzweit. Einstein stand über diesen Grenzen: Er eignete sich als Symbolfigur für die Internationalität der Wissenschaft.

Jürgen Renn, Alexander Blum

Bernd Wannenmacher/privat

Jürgen Renn (links) ist Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Er hat unter anderem die Ausstellung "Albert Einstein - Ingenieur des Universums" konzipiert.

Alexander Blum forscht ebenfalls am Berliner MPI für Wissenschaftsgeschichte. Arbeitsschwerpunkte: Entwicklung der Quantenfeldtheorie, Quantengravitation und Allgemeinen Relativitätstheorie.

Ö1-Sendungshinweis

EInsteins 60. Todestag widmet sich auch ein Beitrag im Mittagsjournal, 18.4.2015, 12.00 Uhr.

Zum zweiten spielt sicher auch seine besondere Persönlichkeit eine Rolle: Er war jüdischer Deutscher, hatte in der Schweiz studiert – Einstein hatte von Anfang an eine internationale Perspektive sowie ein politisches Bewusstsein für die Rolle, die Wissenschaft spielen kann.

Auch sein Äußeres hat sich im kollektiven Gedächtnis verankert. Wenn Kinder Wissenschaftler zeichnen, dann sehen die meist aus wie Einstein: Ältere Männer mit wirrem weißen Haar.

Jürgen Renn: Er wurde natürlich nicht mit dem wirren weißen Haar geboren. Das ist ein Bild der späteren Jahre – aus jener Zeit, als Einstein öffentlich gegen Nuklearwaffen auftrat und sich für den Weltfrieden einsetze. Damals wurde er nebst anderen – wie Gandhi und Thakur – zur Figur des Weltweisen.

Ich glaube, dass Einstein in dieser Hinsicht ein untypischer Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts ist. Denn die Wissenschaft wurde in diesem Jahrhundert zu einem industrialisierten Massenphänomen. Der typische Forscher von heute ist keine Individualität und Einzelgestalt wie Einstein, er ist Teil eines Wissenschaftsproletariats.

Einstein vor einertafel mit Formeln

AP Photo

Einstein 1934 bei einer Vorlesung am Carnegie Institue of Technology.

Ist Einsteins Begriff von Wissenschaft antiquiert - oder anders gefragt: Könnte es heute noch einen Forscher wie ihn geben?

Alexander Blum: Er gilt heute noch wegen seiner unkonventionellen Denkweise als Vorbild – im Sinne von: "Thinking outside the box". Das betrifft nicht nur die Wissenschaften, sondern auch die freie Wirtschaft, Kreativitätsseminare und dergleichen. So gesehen ist er heute keineswegs unzeitgemäß, doch seine vollkommene Unangepasstheit geht natürlich über das Finden kreativer Lösungen weit hinaus. Und in dieser Hinsicht wäre die Figur Einstein heute wohl ein Anachronismus.

Eine Umfrage unter Forschern aus dem Jahr 1999 hat ergeben: Einstein gilt als der größte Physiker aller Zeiten. Sehen Sie das auch so?

Jürgen Renn: Das ist ein bisschen so, wie wenn Sie nach Rom kommen und fragen: Wo gibt es denn hier das beste Eis? Da erhält man dann eine Menge Geheimtipps, aber natürlich gibt es in Rom an vielen Orten ausgezeichnetes Eis. So ist das auch in der Wissenschaft. Was wäre Einstein ohne die Riesen, auf deren Schultern er saß?

Dennoch ist natürlich richtig: Einstein war einer der größten Physiker des 20. Jahrhunderts – auch deshalb, weil er so vielseitig war und viele Gebiete der Physik grundlegend verändert hat. An seiner Bedeutung als Wissenschaftler kann man nicht zweifeln.

1905 gilt als Einsteins "annus mirabilis". In diesem Jahr hat er vier Arbeiten veröffentlicht – darunter die spezielle Relativitätstheorie: Und alle vier, so die einhellige Meinung unter Physikern, wären nobelpreiswürdig gewesen. Wie kam es zu dieser Kreativitätsexplosion?

Jürgen Renn: Das lag zum einen am Zustand der Wissenschaft. Die klassische Physik hatte einerseits ein Niveau erreicht, sodass sie vielen als abgeschlossen erschien. Andererseits hatten sich damals gewisse Probleme zugespitzt: Etwa die Frage nach der Natur des Äthers – jenes Medium, von dem man annahm, es würde elektromagnetische Wellen tragen. Die Existenz des Äthers war plausibel aber physikalisch auch problematisch.

Dieser Doppelcharakter grundlegender Fragen machte es einem Menschen wie dem jungen Einstein möglich, die Ergebnisse der klassischen Physik neu zu betrachten. Alle vier Arbeiten haben nämlich etwas mit einem Perspektivenwechsel zu tun.
Dass Einstein auf vier Gebieten ein Durchbruch gelungen ist, hat auch damit zu tun, dass diese Gebiete zusammenhängen.

Nur zwei Beispiele: Wenn es einen Äther gäbe, dann müsste er mit der restlichen Materie in einem Wärmegleichgewicht stehen. Diese Frage führt zur Quantentheorie. Man kann sich auch die Frage stellen, wie der Äther auf Bewegungen im Raum wirkt. Das führt wiederum zur Speziellen Relativitätstheorie. Jemand, der so breit dachte wie der junge Einstein, konnte den Knoten, an denen die Theorien zusammenhängen, eben erkennen.

Drei Portaits von Albert Einstein

AP Photo

Einstein 1953 in Princeton

Einstein war zu Beginn seiner Karriere nicht sonderlich erfolgreich. Als junger Wissenschaftler hat er zunächst am Berner Patentamt als technischer Experte dritter Klasse gearbeitet – war das rückblickend betrachtet vielleicht auch ein Vorteil?

Jürgen Renn: Ich würde sagen, es war unbedingt ein Vorteil. Denn am Patentamt hatte er die Ruhe über Dinge nachzudenken. Man kann sich gut vorstellen: Hätte der junge Einstein sofort eine Stelle im Wissenschaftsbetrieb gefunden, dann wäre aus ihm vielleicht ein Thermodynamiker geworden – und er wäre von Anfang an in die Verpflichtung geraten, spezialisierte Arbeiten über dieses Gebiet zu publizieren.

Heute ist der Druck noch größer, es gilt das Prinzip "Publish or perish". Heute ist es noch schwieriger, sich zurückzuziehen um eine Überblicksperspektive zu gewinnen.

So gesehen wäre es für die zeitgenössische Wissenschaft nicht schlecht, wenn es mehr Stellen für technische Experten dritter Klasse gäbe …

Jürgen Renn: Sie müssten nicht unbedingt dritter Klasse sein (lacht) - aber Freiräume zum Nachdenken brauchen wir unbedingt. Die Wissenschaft hat immer davon gelebt, dass sich Menschen aus Kästchen herausbewegt haben. Das muss die Wissenschaft leisten, sonst geht sie an ihrer Kästchennatur zugrunde.

Einstein war einerseits Neuerer und Revolutionär, andererseits in gewissen Fragen fast konservativ: Die Quantentheorie in ihrer modernen Formulierung hat er zeitlebens abgelehnt und mit dem Urknallmodell hatte er Anfangs ästhetische Probleme. Warum?

Jürgen Renn: Die Physik des Urknalls ist eine Konsequenz der Allgemeinen Relativitätstheorie. Als Einstein diese Theorie entwickelt hat, hatte man noch keine Hinweise darauf, dass sich das Universum dynamisch verändert. Daher suchte er zunächst nach Lösungen seiner Theorie, die ein statisches Universum beschreiben.

Als in den 20er Jahren entdeckt wurde, dass sich das Universum tatsächlich ausdehnt und es auch entsprechende Lösungen der Allgemeinen Relativitätstheorie gibt, hat Einstein das sofort akzeptiert. Von da an hat er nie mehr am Urknall gezweifelt. An die Existenz Schwarzer Löcher – auch das ist eine Konsequenz seiner Theorie – hat er hingegen länger nicht geglaubt. Er war mit dieser Skepsis allerdings nicht alleine.

Ein Manuskript aus dem Einstein-Archiv in Jerusalem zeigt zumindest: Er hat noch im Jahr 1931 an einer Alternative zum Urknallmodell gearbeitet, die später als "Steady-State-Modell" bekannt wurde.

Jürgen Renn: Er hat solche Rechnungen angestellt, das stimmt. Aber er hat sie nicht veröffentlicht. Wie gesagt: Einstein hat sich seit den späten 20ern keineswegs kritisch gegenüber dem Urknallmodell geäußert, auch nicht in seinen populären Büchern.

Kommen wir zur Quantenmechanik: Wie sehen Sie Einsteins kritische Haltung ihr gegenüber?

Alexander Blum: Viele der Gründerväter der Quantentheorie – allen voran Niels Bohr – haben aus der Theorie weitreichende Folgerungen über den Aufbau und die Erkennbarkeit der Welt gezogen. Da war Einstein sicher vorsichtiger. Er hat die Quantentheorie zwar abgelehnt – aber nur als endgültige Beschreibung der Vorgänge im Mikroskopischen.

Seine Beiträge hatten immer die Stoßrichtung: Das kann nicht das letzte Wort gewesen sein. Womit er auch Recht hatte, denn die Quantentheorie muss noch mit der Allgemeinen Relativitätstheorie zusammengefügt werden. Das ist bis heute nicht gelungen.

Jürgen Renn: Einsteins Zweifel war sehr produktiv. Das hatte weniger mit grundsätzlicher Ablehnung zu tun als mit dem Glauben, dass sich die Theorie noch weiterentwickeln kann. So eine Einstellung ist angesichts des ständigen Wandels in der Wissenschaftsgeschichte eigentlich sehr realistisch.

Dennoch: Mit der Zufallsnatur der Quantenwelt hat er sich nie abfinden können.

Alexander Blum: Das stimmt. Er hat die Quantentheorie nicht als tiefgreifende Erkenntnis über die Welt verstanden, sondern als Hinweis darauf, in welche Richtung sich die Forschung weiterzubewegen hat.

In einem Brief an Max Born schrieb Einstein: "Die Quantentheorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der nicht würfelt." War Einstein gläubig?

Jürgen Renn: Er hat sich oft religiöser Metaphern bedient, weil sie es ihm erlaubten, über das große Ganze zu sprechen. Und er hat auch etwas kokett den Dialog mit "dem Alten" gepflegt, weil er das Gefühl hatte, die Wissenschaft habe ein tiefgreifendes Verständnis der Natur – ein Verständnis, das für ihn fast schon religiöse Züge hatte. An einen persönlichen Gott hat er nicht geglaubt, soweit ich das erkennen kann.

Erstaunlich viele von Einsteins Aussprüchen haben bis heute als Geflügelte Worte überdauert. Haben Sie einen Favoriten?

Jürgen Renn: Ach, es gibt so viele schöne Sätze … ich finde ihn auch immer witzig und schlagfertig, aber wörtlich zitieren kann ich ihn nicht. Doch, ein Satz fällt mir ein: "Es gibt keine andere vernünftige Erziehung, als Vorbild zu sein. Und wenn es nicht anders geht, ein abschreckendes."

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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