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Buchstaben einer Computer-Tastatur, mit denen das Wort "Hate" gebildet wird

"Hassreden überschreiten alle Grenzen"

Herabwürdigungen, Drohungen, Spott - eine Hassrede kann viele Gesichter haben, ihre Dynamik bekommt sie oft durch das Internet. Die Philosophin und Politologin Claudia Lenz arbeitet mit Lehrkräften, Schülern und Eltern an Strategien gegen die "Hate Speech". Sie plädiert für einen Verhaltenskodex, der auch für das digitale Miteinander gelten sollte.

Bildung 25.04.2015

Nachdenken, Verständnis erzeugen, Haltungen ändern - das sind die Ziele ihrer Arbeit, in die sie nicht nur Jugendliche und Lehrer einbezieht, sondern - wenn möglich - auch das Elternhaus. Denn, so die Forscherin im Interview mit science.ORF.at: "Hassreden überschreiten alle traditionellen Grenzen zwischen Schule und Familie."

science.ORF.at: Vor zwei Wochen hat die Terrormiliz Islamischer Staat einen Aufruf im Internet veröffentlicht, amerikanische Soldaten in den USA zu töten, und ihre Adressen veröffentlicht - ist das das typische Beispiel einer Hassrede?

Die Forscherin Claudia Lenz

Claudia Lenz

Claudia Lenz ist Forschungsleiterin des European Wergeland Centre (EWC) in Oslo. Das EWC ist ein Zentrum für interkulturelles Lernen, Menschenrechts- und politische Bildung, es wurde vom Europarat in Kooperation mit Norwegen gegründet.

Links:

Aktionstage Politische Bildung:

Von 23. April bis 9. Mai 2015 finden in ganz Österreich die Aktionstage Politische Bildung statt. Zum diesjährigen Thema "Macht und Ermächtigung" gibt es Angebote zur Fort- und Weiterbildung für Lehrende, Studierende, Schulklassen, aber auch die interessierte Öffentlichkeit.

Workshop zu Hassrede:

Eine Veranstaltung im Rahmen der Aktionstage ist der Workshop "Wie Lehrkräfte zur Vorbeugung von menschenverachtenden Äußerungen/Hassrede im Internet beitragen können", der am 30. April 2015 im Parlament in Wien stattfindet, eine der Trainerinnen ist Claudia Lenz. Zu finden ist der Workshop in diesem Informationsfolder

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Arbeit gegen Hassreden berichtete auch Ö1 Journale, Sa. 25.4., 12 Uhr.

Hilfe:

Opfer von Hassreden und Cybermobbing können sich in Österreich an "Rat auf Draht" wenden. Richtlinien zum Umgang mit bedrohlichen oder verunglimpfenden Mails und Postings bietet auch die Website "Safer Internet".

Claudia Lenz: Das ist mit Sicherheit ein Beispiel für eine Hassrede, wenngleich ein sehr extremes, weil es an die Aufforderung zu kriminellen Handlungen gekoppelt ist.

Was genau versteht man unter einer Hassrede?

Es gibt nicht die eine Definition von Hassrede. Es gibt aber mehrere Versuche, sie von anderen Phänomenen abzugrenzen. Unterschieden wird von der Hassrede beispielsweise die Hasskriminalität, bei der die Sprache selbst schon einen kriminellen Tatbestand erfüllt. Ganz grundsätzlich wird unter Hassrede aber jede - nicht nur sprachliche, sondern etwa auch bildliche - Äußerung verstanden, die das Gegenüber bzw. eine Gruppe von Menschen aufgrund einer Eigenschaft abwerten und entmenschlichen. Das kann die ethnische Zugehörigkeit, die religiöse oder sexuelle Orientierung sein, aber auch andere Merkmale wie das Geschlecht.

Hate Speech oder Hassrede ist zwar ein moderner Begriff, aber eigentlich nichts Neues - Stichwort Nationalsozialismus.*

Wir können eine historische Dynamik sehen, in der die Abwertung und Entmenschlichung bestimmter Gruppen ein Klima geschaffen hat, das letztlich sogar genozidale Prozesse ermöglicht hat. Schon in der Geschichte konnten wir beobachten, dass scheinbar gar nicht so gefährliche Äußerungen, die Menschen entwerten, eine Dynamik auslösen können, die letztlich in Gewalttätigkeiten mündet.

Ein neuer Aspekt ist aber das Internet…?

Der große Unterschied, den das Internet macht, ist die enorme Dynamik, mit der sich durch das Internet hasserfüllte Äußerungen verbreiten. Zu nennen wären da die "Echokammern", das sind eher geschlossene Foren, in denen sich negative Haltungen hochschaukeln und jeder moderierende Einfluss ausgeschaltet ist. Diese Kombination war in dieser Form in der "traditionellen" Kommunikation nicht vorhanden. Etwas anderes sind die offenen Foren, wie zum Beispiel Kommentarspalten von Tageszeitungen, aus denen sich teilweise die nach seriöser Auseinandersetzung Suchenden zurückgezogen haben und nur noch die "Hasser" sich geltend machen.

Meist wird dieses überschäumende Wüten im Internet auch mit der Anonymität in Verbindung gebracht.

Einzelne Zeitungen wollten gegensteuern, indem sie ihre User gezwungen haben, ein nachvollziehbares Profil anzulegen. Neuere Studien zeigen aber, dass das nicht notwendigerweise einen moderierenden Einfluss hat. Auch mit Namen und nachvollziehbarer Adresse äußern sich manche Menschen völlig enthemmt, was sie in der physischen Kommunikation nicht machen würden. Die neuere Forschung interpretiert das so: Das Internet ist eine neue Form von Öffentlichkeit, in der regulierende Mechanismen in der Kommunikation, die wir im persönlichen Gespräch anwenden ohne nachzudenken, noch nicht etabliert oder außer Kraft gesetzt sind. In Workshops mit Schulen sagen die Lehrkräfte oft, dass es Eltern sind, die sich am schlimmsten über Lehrer und Schüler äußern. Da fragt man sich: Wie kann das sein?

Ja, genau - wie kann das sein?

Offensichtlich fallen Foren, Blogs und Soziale Medien nicht in die gleiche Form von Verhaltenskodex. Das ist auch ein wichtiger Ansatzpunkt in der Arbeit gegen Hassrede, dass man diese Art von ungeschriebenen Gesetzen des Umgangs miteinander auch für Soziale Medien und Internet etablieren muss. Dies sind allerdings nicht nur Gesetze der Höflichkeit, sondern ganz grundlegende Prinzipien der Anerkennung von Menschenwürde und Gleichwertigkeit, unabhängig von Herkunft oder Hintergrund. Denn es ist wichtig zu betonen: Hassrede ist nicht nur grob oder rüpelhaft, sie verweigert dem Adressaten die prinzipielle Anerkennung als Mitmensch. Diese Prinzipien müssen verinnerlicht und zu einem Regulativ des eigenen Handelns werden.

Wie kann das gehen?

Da kommt natürlich die Bildung ins Spiel. Der oft beschrittene Weg über Verbote, Sanktionierungen und Zensur greift meiner Erfahrung nach zu kurz, weil er die Wurzel des Problems nicht angeht. Sie liegt im mangelnden Bewusstsein - und um das aufzubauen, muss man bilden. Zielgruppen sind da nicht nur die sogenannten "Digital Natives", die die technischen Möglichkeiten und den entsprechenden Ethos des Umgangs beherrschen sollten, sondern auch die Erwachsenen.

Bleiben wir bei Ihrer Arbeit mit Schulen: Was machen Sie denn in diesen Workshops, um Bewusstsein zu schaffen?

Die Ziele der "No-Hate-Speech"-Kampagne des Europarats, nach deren Prinzipien wir arbeiten, sind: Verstehen, Reflexion, Empathie und letztlich auch: Handlungsorientierung. Es geht darum, dass Kindern und Jugendlichen durch praktische Übungen diese andere Art des Umgangs umzusetzen. Sie sollen solche Standards nicht nur passiv übernehmen, sondern auch aktiv durchsetzen - denn sie sind ja schließlich die Akteure im Netz, die eine andere Kultur des Umgangs entwickeln können.

Was heißt das konkret?

Wir erleben in der Arbeit mit Schulen oft, dass die Jugendlichen schockierende Schimpfwörter im Umgang miteinander benutzen. Auf die Frage nach dem Grund kommt oft die Antwort: "Ist ja nur Spaß." Wir schulen Lehrerinnen und Lehrer darin, wie diese Haltung nicht mit dem Zeigefinger begegnet, sondern zum Nachdenken angeregt werden kann. Wenn man beispielsweise solche Wörter in ihrem historischen Kontext betrachtet oder den Rollentausch macht, kommt eine Reflexion in Gang, die viel tiefer geht als das reine Verbot. Wichtig ist dabei: Die Schule muss für sich ein Klima schaffen, dass nicht ausschließend ist. Ansonsten redet man über etwas, das nicht gelebt und damit unglaubwürdig wird. Im Zuge eines solchen Prozesses stellen die Jugendlichen selbst die Frage: "Nach welchen Standards wollen wir miteinander umgehen?"

Und was sagen Sie Lehrerinnen und Lehrern?

Zum einen arbeiten wir mit einem Handbuch des Europarates mit dem Titel "Bookmarks", das 21 ganz konkrete Übungen für den Unterricht anbietet. Sie sollen dabei helfen, Vorurteile zu entlarven und kritisches Denken zu üben. Zum anderen erarbeiten wir mit den Lehrerinnen und Lehrern, wie man ein Klima an der Schule schaffen kann, dass sich die Schülerinnen und Schüler mit ihren Problemen und Sorgen dort willkommen fühlen. Hinzu kommt: Während beim physischen Mobbing das Opfer den Täter wenigstens kurzzeitig los ist, wenn es nach Hause geht, kann es durch SMS und Einträge auf z.B. Facebook rund um die Uhr belästigt werden. Deshalb arbeiten wir immer wieder auch mit den Eltern. Denn eines ist klar: Hassrede und Cyberbullying sprengt alle traditionellen Grenzen zwischen Schule und Familie.

Interview: Elke Ziegler, science.ORF.at

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