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Spieler eines Wuzel-Tisches nebeneinander, jeder hat eine andere Hautfarbe und Trikot

Diskriminierungen im Clinch

Die Welt ist unübersichtlich geworden: Immer mehr Gruppen, die diskriminiert werden, kämpfen für ihre Rechte - von Frauen über Migranten und Homosexuellen bis hin zu einer neuen "Männerbewegung". Mitunter überkreuzen sich mehrere Benachteiligungen - und das kann zu neuen Konflikten führen, auch zwischen den Diskriminierten.

Gesellschaft 06.05.2015

Forscherinnen und Forscher versuchen nun, diese Überkreuzungen zu entwirren. Der etwas sperrige Fachausdruck dafür lautet "Intersektionalität".

Begriff stammt aus US-Arbeitskämpfen

Intersections sind wörtlich Straßenkreuzungen. Orte also, an denen sich mehrere Straßen treffen. Oder eben Benachteiligungen, wie die Metapher der Intersektionalität meint. Entwickelt hat den Begriff die Rechtswissenschaftlerin Kimberley Crenshaw Ende der 1980er Jahre, nachdem sie juristische Fälle in der Arbeitswelt untersucht hat.

Dabei kam sie zu dem Schluss, dass Gesetze gegen die Diskriminierung von Geschlecht und Hautfarbe in den USA tatsächlich wirken. Profitieren würden davon aber entweder schwarze Männer oder weiße Frauen. Nicht aber die mehrfach benachteiligten schwarzen Frauen. Die Kritik daran stand am Beginn der Intersektionalität.

Der Hauptvorwurf des Black Feminism lautete: Die Frauenbewegung der 80er Jahre sei letztlich eine Angelegenheit bürgerlicher, gut ausgebildeter und weißer Frauen. Die Art, wie afroamerikanische Frauen diskriminiert werden, würde von ihnen nicht berücksichtigt.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmen sich auch die Dimensionen, 5. 5., 19:05 Uhr.

Beispiel Frauenquote in Aufsichtsräten

Auch die soziale Herkunft kann ein blinder Fleck sein und als "Mittelstandsfeminismus" kritisiert werden. Das zeigt die Debatte um Frauenquoten in Aufsichtsräten von Unternehmen, die es in manchen europäischen Ländern bereits gibt und in anderen diskutiert werden.

"Die Quotendebatte setzt ab einer bestimmten Stufe von Berufen ein. Die Debatte um Quoten in Aufsichtsräten toppt aber alles", sagt die Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer von der Universität Wien. "Klar ist das wichtig in Zeiten der Finanzkrise - denken wir daran, was alles schiefgelaufen ist in Aufsichtsräten, die sehr männlich dominiert sind - aber die in Frage kommenden Frauen haben einen bestimmten Klassenhintergrund. Diese Privilegierungsschiene wird völlig ausgeblendet."

Es mag symbolisch wichtig sein, für mehr Frauen in Aufsichtsräten von Unternehmen einzutreten. Für das tägliche Leben von Alleinerzieherinnen, prekär Beschäftigten oder Migrantinnen ist das aber eher zweitrangig. Diese stehen eher vor der Frage, ob sie überhaupt einen Job bekommen und für gleiche Arbeit auch den gleichen Lohn bekommen. Letzteres ist oft nicht der Fall. In Österreich etwa verdienen Frauen für die gleiche Arbeit laut Statistik Austria - je nach Berechnungsart - zwischen 15 und 24 Prozent weniger als Männer.

Umstrittene Kopftuchdebatte

Dieses Phänomen verstärkt sich, wenn man den Migrationshintergrund von Männern und Frauen vergleicht. Migrantische Frauen werden also mehrfach benachteiligt - als Frauen und als Migrantinnen. Als sichtbares Zeichen für diese Kombination gilt das Kopftuch. Über das Stück Stoff wird mit noch mehr Verve diskutiert als über Frauenquoten. Und auch hier befinden wir uns auf einer intersection, einer Straßenkreuzung der Ungleichheit.

Bei der Kopftuch-Debatte kommen nämlich einige Kategorien zusammen: Religion, Geschlecht sowie ethnische und kulturelle Herkunft. Ist das Kopftuch ein Zeichen patriarchaler Unterdrückung, wie das viele weiße Feministinnen meinen, allen voran Alice Schwarzer? Oder ein selbstbestimmter Ausdruck der eigenen Identität, wie es manche Musliminnen meinen, die sich auch als feministisch bezeichnen? Die wahre Unterdrückung sei jene, die ihnen einen Beruf oder ein Studium verweigert, weil sie ein Kopftuch tragen. Und das sei letztlich anti-muslimischer Rassismus.

Der Standpunkt der Soziologin Andrea Bührmann ist klar: "Das Kopftuch kann ein Zeichen von Unterdrückung sein, muss aber nicht. Ich bin dagegen, dass Menschen andere zu einer bestimmten Weltsicht oder Religion missionieren wollen - ob sie nun ein Kopftuch tragen oder nicht. Das eine muss mit dem anderen aber nichts zu tun haben", sagt die Direktorin des Instituts für Diversitätsforschung an der Uni Göttingen.

Wenn Identitäten aufeinanderprallen

Anhand des Kopftuchs zeigen sich die Konfliktlinien zweier Gruppen, die beide den Anspruch haben, die Welt gerechter zu machen. Hier Feministinnen, dort Anti-Rassisten. Ihre Anliegen überschneiden sich, mitunter stehen sie sich aber auch gegenüber. Auch das ist mit "Intersektionalität" gemeint. Sie bezeichnet auch den Moment, in dem die Interessen verschiedener Gruppen aufeinanderprallen.

Und verschiedene Gruppen gibt es jede Menge. Die Identitätspolitik der vergangenen drei Jahrzehnte war sehr erfolgreich. Es gibt heute Bewegungen, die Frauen fördern, die Migranten und Migrantinnen integrieren, die für Barrierefreiheit sorgen, die gegen Magerwahn und Schönheitskult kämpfen und die sich für Transgender People engagieren.

Das findet auch in der offiziellen Politik ihren Niederschlag. Etwa in den Anti-Diskriminierungs-Richtlinien der EU. Demnach darf niemand wegen des Geschlechts, der Religion, der ethnischen Herkunft, des Alters, einer Behinderung oder der sexuellen Orientierung diskriminiert werden.

Mehrfach geschont: Weiße heterosexuelle Männer

Der Philosoph Luca di Blasi von der Universität Bern hat den Spieß umgedreht. "Es gibt nicht nur mehrfach benachteiligte Menschen in unserer Gesellschaft. Sondern auch mehrfach Geschonte. In Bezug auf die Kategorien Hautfarbe, Ethnie, Geschlecht und sexueller Präferenz sind das die weißen heterosexuellen Männer."

Wenn diese weißen heterosexuellen Männer in Bedrängnis geraten, werden sie schnell böse. Die "mehrfach Geschonten", wie es Luca di Blasi nennt, gehen dann auf die Straße und protestieren. Etwa bei den Pegida-Demonstrationen, die zumindest zu Beginn in Deutschland regen Zulauf genossen. Hierzulande waren die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands" weniger erfolgreich. Studien zeigen, dass es sich bei ihnen vorwiegend um weiße, mittelalte und mittelständische Männer handelt.

"Sie haben das Gefühl, dass alles, was gesellschaftlich passiert, in die falsche Richtung geht und gegen sie selbst gerichtet ist. Ihr Grundfehler ist, dass die weißen heterosexuellen Männer Privilegienabbau mit Diskriminierung gleichsetzen", sagt Luca di Blasi.

Privilegienabbau als Diskriminierung

Beispiele für diesen Privilegienabbau gibt es viele. Machten früher nur Männer Karriere, so haben sie nun mit den Frauen Konkurrenz bekommen. Noch dazu eine, die mit den Waffen von Gleichbehandlungsgesetzen ausgestattet ist. War es früher nur Heterosexuellen vorbehalten zu heiraten, so ist das in vielen westlichen Ländern nun auch für Schwule und Lesben möglich. Und mit dem Islam ist eine Religion auf dem aufsteigenden Ast, die Angst macht, wegen ihrer traditionellen Werte aber zugleich fasziniert.

Michel Houellebecq hat diese Ambivalenz in seinem jüngsten Roman "Die Unterwerfung" genüsslich beschrieben. Darin sind es vor allem politisch rechts stehende, weiße, heterosexuelle Männer, die als erste zum Islam konvertieren. Seine strikt hierarchische Ordnung der Geschlechter gefällt den konservativen, christlichen, weißen Männern in Houellebecqs Buch sehr gut. Und auch das Bild einer kämpferischen Männlichkeit, das Dschihadisten und Islamisten jeden Tag im Fernsehen liefern, ist durchaus reizvoll für die patriotischen Abendlandbewahrer.

Homonationalismus und Femonationalismus

Die Welt ist für Konservative und Rechte also unübersichtlich geworden. Aber nicht nur für sie. Auch die Linke tut sich schwer im Dickicht der Intersektionalität. Seit der Begriff Ende der 80er Jahre geprägt wurde, war er nie nur eine Sache der Wissenschaft. Er war immer auch Ausgangspunkt für progressive politische Interventionen. Die Queer Studies haben nicht nur sexuelle Identitäten kritisch untersucht. Sie haben auch Argumente für die Gleichberechtigung Homosexueller und anderer geliefert. Die Postcolonial Studies erforschen nicht nur den Nachhall des europäischen Kolonialismus. Sie liefern auch immer wieder Stichworte für aktuelle Debatten, etwa im Nahen Osten.

In diesem Umfeld sind zwei grotesk anmutende Begriffe entstanden: Homonationalismus und Femonationalismus. "Beide Begriffe wollen aufmerksam machen, dass es politische Konstellationen gibt, wo entweder frauen- oder homosexuellenfreundliche Politik gemacht wird, um damit andere gesellschaftliche Gruppen auszuschließen", erklärt die Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer.

Ein Beispiel dafür seien Einwanderungstests, die es auch in Österreich gibt. Einwanderer werden nicht nur nach Sprachkenntnissen und Wissen gefragt, sondern auch nach Werten. Etwa ob sie Homosexuelle achten und für die Gleichberechtigung von Frauen sind. Eigentlich eine gute Sache. Hinter der Abfrage kann aber simple Fremdenfeindlichkeit stecken, meint Birgit Sauer. Im schlimmsten Fall werden diese Werte als Argumente verwendet, um fremde Länder zu überfallen. So wie beim letzten Afghanistan-Krieg, als die USA nach Eigenaussage nicht nur gegen den Terror gekämpft hat, sondern auch für die Rechte von Frauen.

Verkehrsunfall der Intersektionalität

Das gleiche gilt für Homosexuelle: Die Toleranz des liberalen Westens ihnen gegenüber sei nur ein Mittel, um andere Länder, etwa muslimische, als rückständig zu markieren, so lautet die Kritik des "Homonationalismus". Und erzeugt dadurch einen Verkehrsunfall der Intersektionalität, auf dieser Straßenkreuzung der Ungleichheiten. Denn dass die Menschenrechte von Frauen und Homosexuellen in vielen muslimischen Ländern mit Füßen getreten werden, ist nicht zu leugnen.

Um nicht als islamfeindlich zu gelten, hat sich die westliche Linke diesen Fragen lange nicht gestellt. Menschenrechte gelten Vertretern postkolonialer Ansätze sowieso als verdächtig: Wurden diese doch in erster Linie von weißen, europäischen Männern gemacht, die sie dann im Rucksack von Imperialismus und Kolonialismus rund um die Erde verbreitet haben. Letztlich handelt es sich dabei um eine grundlegende Ambivalenz der Moderne: Universelle Werte wurden von einer bestimmten Gruppe aufgestellt.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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