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Impfstoff und Spritze

Verpflichtende Impfung gegen Masern?

Bis zu 26.000 Kinder und Erwachsene sind seit Anfang 2014 in Europa an Masern erkrankt - obwohl die Krankheit schon ausgerottet sein sollte. Aus diesem Grund diskutieren Experten über eine mögliche Impfpflicht. Auch in Österreich könnte die Impfmoral der Bevölkerung besser sein.

Medizin 23.05.2015

Fieber, Husten, viele kleine rötliche Flecken auf der Haut: Das sind die Symptome der Masern - eine Krankheit, die gefährlicher ist, als viele von uns glauben. In 20 Prozent der Fälle geht die Virusinfektion mit Komplikationen einher, wie z.B. einer Lungenentzündung, einer Entzündung des Gehirns oder der sogenannten subakut sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE), die schwerste Schäden nach sich zieht und meist tödlich endet.

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Über dieses Thema berichtet heute auch das Mittagsjournal, 23.5.2015, 12:00 Uhr.

Österreich: Keine generelle Impfpflicht

Jedenfalls sind die Masern in Europa seit fünf Jahren wieder im Kommen. In Deutschland denkt daher Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe etwa laut über eine mögliche Impfpflicht nach. In Tschechien und Ungarn gibt es bereits eine solche.

In Österreich schließt der oberste Jurist des Gesundheitsministeriums, Gerhard Aigner, eine generelle Impfpflicht aus. "Aber in konkreten Fällen böte das österreichische Epidemie-Gesetz durchaus die Möglichkeit, lokal oder auch in einem größerem Rahmen Pflichtimpfungen anzuordnen, wenn es einen konkreten Anlass, also eine konkrete Gefährdung für die Mehrheit der Bevölkerung gibt. Das hängt also vom Maß der medizinischen Dramatik ab."

Eine Impfpflicht im Sinne einer klassischen Schutzimpfung sei aber per Epidemiegesetz nicht möglich.

Das Australische Modell: "No jab, no pay"

Was aber sehr wohl denkbar wäre, ist das "Australische Modell". In Australien hat Premier Tony Abbot Anfang April angekündigt, dass Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, Sozialleistungen ab 2016 im erheblichen Ausmaß gestrichen werden. "No jab, no pay" nennt er seine Politik. Also ohne Nadelpiekser kein Geld. Ein gangbares Modell auch für Österreich?

"Juristisch ist das wahrscheinlich denkbar", sagt Aigner. "Mir fällt spontan dazu der Zusammenhang zwischen erhöhtem Kinderbetreuungsgeld und Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen ein, wo bestimmte Untersuchungen Voraussetzung dafür sind, Zahlungen in einer bestimmten Höhe zu erhalten. Gesundheitspolitisch ist an diesem Prinzip natürlich etwas dran."

Gesundheitspersonal: Kein Job ohne Impfschutz

Gesundheitspolitisch brisant ist die Tatsache, sagt Ursula Wiedermann-Schmidt vom Institut für Medizinische Prophylaxe an der Medizinischen Universität Wien, dass die Impffreudigkeit auch bei medizinischem Personal nicht ausgeprägt ist.

Hier müssten die Spitalserhalter den Impfstatus ihrer Ärztinnen und Pfleger konsequenter überprüfen als jetzt, damit nicht - wie Anfang des Jahres geschehen - eine an Masern erkrankte Schwesternschülerin in Graz über 150 Menschen der Gefahr aussetzen kann sich anzustecken. Wolle man etwa auf einer Kinderstation arbeiten, müsse man geimpft sein. Nicht aus dem Gedanken der Impfpflicht, sondern aus einem Verantwortungsgefühl heraus.

Wiedermann-Schmidt: "Ich möchte diese Frage der Impfpflicht nicht haben. Es geht um etwas ganz anderes. Ein Masern-Impfschutz ist eine Grundvoraussetzung für einen medizinischen Beruf - aus basta. Und wenn jemand sagt, dass er sich nicht impfen lassen will, dann hat das die Konsequenz, dass er den Beruf auf dieser Station, z.B. einer Kinderstation, nicht ausüben kann."

Fazit: Eine generelle Impflicht ist in Österreich kein Thema, jedoch wird nach Wegen gesucht, die Impfmoral der Österreicher - und insbesondere die des medizinischen Personals - nachhaltig zu heben.

Gudrun Stindl, Ö1-Wissenschaft

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