Standort: science.ORF.at / Meldung: "Kuschelhormon wirkt wie Alkohol"

Eine Nervenzelle unter dem Mikroskop

Kuschelhormon wirkt wie Alkohol

Oxytocin gilt als Kuschelhormon und wird oft wie eine Wunderdroge verkauft. Es soll Bindungen stärken, zugleich Stress und Ängste dämpfen und noch vieles mehr. Wie Forscher schreiben, könne man es tatsächlich mit einem Rauschmittel vergleichen: Denn bei näherer Betrachtung wirkt Alkohol ganz ähnlich.

Emotionen 20.05.2015

Ursprünglich nur als Wehen- und Stillhormon bekannt, hat Oxytocin in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Karriere gemacht - mittlerweile findet es vor allem als Kuschel- und Liebeshormon Beachtung.

Es stärkt zahlreichen Studien zufolge nicht nur die Bindung zwischen Mutter und Kind, sondern auch jene zwischen Partnern. Generell soll es zu mehr Mitgefühl verhelfen, Vertrauen fördern, uns hilfsbereiter machen, den Partner attraktiver erscheinen lassen, gegen Stress und Ängste und vielleicht sogar gegen Autismus helfen.

Das Hormon hat aber auch seine Schattenseiten, unter anderem verstärkt es Neid und Häme sowie andere negative Gefühle.

Ähnliche Wirkung

Studien zufolge verdankt Oxytocin diese Effekte seiner Wirkung im Gehirn: Über Neurotransmitter hemmt es die Aktivität von Nervenzellen in einigen Gehirnregionen. Auf diese Weise werden etwa Ängste und Stress gedämpft.

Damit ähnelt das Hormon laut den Forschern um Ian J. Mitchell von der University of Birmingham einer überaus beliebten Volksdroge: dem Alkohol. Wenn man "sich Mut antrinkt", passiere etwas ganz Ähnliches im Gehirn, das gilt wohlgemerkt nur für geringe Dosen. Die Folge: Man wird entspannter, vertrauensvoller, weniger gestresst und ängstlich, ja sogar "Schöntrinken" funktioniert ähnlich.

Diese vielen Parallelen hat ein Vergleich zahlreicher Studien ergeben, bei welchen entweder Oxytocin oder geringe Mengen Alkohol verabreicht worden sind. Den Forschern zufolge binden die beiden zwar an unterschiedliche Rezeptoren im Gehirn, aber in ihrer Wirkung sind sie fast gleich.

Das "innere Kind" wird sichtbar

Zur Selbstmedikation seien aber beide nicht geeignet: Denn wie Oxytocin kann Alkohol auch aggressiv machen, überheblich und neidisch. Und es kann mitunter passieren, dass man sich riskanter als normalerweise verhält, da die schützenden Ängste außer Kraft sind.

Noch eine andere interessante Parallele haben die Forscher ausgemacht. Alle Effekte der beiden "Drogen" beruhen auf der Hemmung höherer Hirnfunktionen. Gewissermaßen befördert man sich damit auf eine niedrigere Entwicklungsstufe zurück, wie die Forscher schreiben: Alkohol und Oxytocin bringen das "innere Kind" zum Vorschein.

Und, wie Studie zeigen: Kinder sind meist weniger misstrauisch, grundsätzlich mitfühlend, aber auch neidisch, bevorzugen die Angehörigen der eigenen Gruppe und reagieren eher auf glückliche als auf traurige Gesichtsausdrücke - alles Dinge, die unter dem Einfluss von Alkohol und Oxytocin ebenfalls ans Tageslicht kommen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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