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Das modernistische Salk Institute, La Jolla, Kalifornien: Betonflächen, Meer, Wolken

Gesucht: Inspiration

An welchen Orten sind Wissenschaftler am kreativsten? In der Regel dort, wo sie miteinander zwanglos plaudern können. In modernen Forschungszentren wird diese Erkenntnis mittlerweile in Beton gegossen. Die Kreativität befördern ließe sich bisweilen auch mit geringem Aufwand: zum Beispiel durch Kaffeemaschinen.

Architektur 05.06.2015

Der Legende nach hat der griechische Gelehrte Archimedes eine seiner wichtigsten Entdeckungen in der Badewanne gemacht. Als ihm klar wurde, dass der Auftrieb eines Körpers im Wasser vom verdrängten Volumen desselben abhängt, soll er nackt auf die Straße gelaufen sein - und gerufen haben: "Heureka!"

Heutzutage jubeln Wissenschaftler in der Regel etwas verhaltener, wenn ihnen eine bedeutende Entdeckung gelingt. Gleichwohl hat sich eines nicht geändert: Das Aha-Erlebnis gilt auch heute noch als die Essenz der Wissenschaft. Schade nur, dass die Geburt einer Idee im Verborgenen stattfinden muss, nämlich im Kopf dessen, der sie hat. So kann man im Fall von Archimedes bloß bemerken: Damit der griechische Mathematiker das heute nach ihm benannte Prinzip entdecken konnte, bedurfte es zweierlei: seines Genies plus einer Badewanne.

Dass man unter Umständen auch der Badewanne Aufmerksamkeit widmen könnte, ist ein Gedanke, der erst in jüngerer Zeit in Mode gekommen ist. Im Gegensatz zur Kunst, wo die Suche nach inspirierenden Gegenständen und Orten immer schon ein natürlicher, ja notwendiger Akt war, den es auch zu erörtern galt, hatte die Forschung bis vor Kurzem eher wenig zu diesem Thema zu sagen. Zumindest offiziell. Inspiration war Privatsache und als solche nicht Teil der wissenschaftlichen Agenda.

Jonas Salk: Inspiration in Italien

Eine Ausnahme ist in dieser Hinsicht Jonas Salk. Der amerikanische Mediziner hat in den 1950ern den ersten Polio-Impfstoff entwickelt. Die Pioniertat hat ihre Vorgeschichte im Labor - aber nicht nur dort. Wie Salk später erzählte, sei ihm ein wichtiger Gedanke bei der Suche nach dem Impfstoff beim Besuch eines mittelalterlichen Klosters in Assisi gekommen. Für Salk war dieses Erlebnis kein Zufall. Die klaren Formen der im 13. Jahrhundert errichteten Basilika San Francesco, schloss er, hätten ihn offenbar inspiriert.

Jahre später sollte er in Amerika sein eigenes Kloster gründen. Ein Kloster im Dienste der Wissenschaft: Im kalifornischen Ja Lolla, direkt an der Pazifikküste, steht das Salk Institute for Biological Studies. In dem 1962 errichteten Forschungszentrum hat die Klarheit des wissenschaftlichen Gedankens ihren architektonischen Ausdruck gefunden. Sichtbeton, freie Flächen und mächtige Blickachsen bestimmen den modernistischen Bau. Das Forschungszentrum war nicht nur in ästhetischer Hinsicht richtungsweisend.

Salk Institute, La Jolla, Kalifornien

Salk Institute

Modernimus aus den 60ern: das Salk Institute

Salk und der US-Architekt Louis Kahn hatten das Gelände von Anfang an auch als Landschaft der Begegnung geplant. An den Außenmauern der Gebäude sind etwa Tafeln angebracht, auf denen Forscher ihre Ideen skizzieren können. Das Mittagsessen findet meist im zentralen Hof statt.

Dort sitzen nun die Wissenschaftler in der Sonne, schauen auf den Ozean und tauschen sich nebenbei über ihre neuesten Ideen aus. "Das ist die Atmosphäre, in der die verrücktesten Konzepte entstehen", sagt Youssef Belkhadir. Der marokkanische Pflanzengenetiker hat einige Jahre am Salk Institute geforscht und erlebt, wie sich die Arbeit dort anfühlt. Er bestätigt: Es fühlt sich inspirierend an.

"Das Unmögliche wird hier möglich sein"

Das Konzept von Salk und Kahn gilt mittlerweile als Standard im Wissenschaftsbetrieb. Forschung ist heute in vielen Fächern nur mehr in Gruppen möglich, dementsprechend müssen die Gebäude mehr sein als nur Zweckbauten. Sie müssen die Menschen, die in ihnen arbeiten, zueinander führen.

Ein solches Gebäude entsteht derzeit im der Viehmarktgasse im dritten Wiener Gemeindebezirk. Das Institut für Molekulare Pathologie (IMP), gemessen am Publikationsoutput eines der erfolgreichsten Forschungszentren des Landes, beherbergt seit 30 Jahren Wissenschaftler aus aller Welt. Nun ist das ehemalige Fabrikgebäude der Firma Hornyphon endgültig zu klein, sagt Harald Isemann, kaufmännischer Direktor des IMP. Am Limit sei der Bau vor allem wegen des aufwändigen Betriebs all der Mikroskope, Massenspektrometer und Laser, mit denen die Molekularbiologen heutzutage arbeiten.

Und natürlich sei auch die Raumaufteilung nicht mehr zeitgemäß. Vor 30 Jahren waren Molekularbiologen die meiste Zeit im Labor, "heute arbeiten sie bis zu 60 Prozent der Zeit am Computer. Das gilt für die Gruppenleiter ebenso wie für Doktoranden und technische Assistenten", so Isemann.

So habe man sich entschlossen, einen Neubau in unmittelbarer Nähe des alten Gebäudes zu errichten. Kostenpunkt: 50 Millionen Euro. Ende 2016 soll der Neubau fertig sein und 250 Personen Platz bieten. Wie schafft man es, all die Wissenschaftler in Kontakt zu bringen, damit sie ihre Ideen austauschen? Dieses Problem soll ein Atrium lösen. Laut Plänen (siehe Video) werden in der zentralen Halle Brücken quer durch den Raum ragen, um die getrennten Stockwerke näher aneinander zu rücken.

So soll das neue IMP aussehen

Dort sollen sich, so die Idee, auch jene Forscher zufällig begegnen, die sich in einem Gebäude konventionellen Schnitts nicht sehen würden. "Zwanglose Treffen sind ungemein wichtig", weiß Jan-Michael Peters. "Die ungeplanten Gespräche sind meist die besten und stimulierendsten."

Der wissenschaftliche Direktor des IMP ist mit dem Entwurf - erwartungsgemäß - auch in ästhetischer Hinsicht zufrieden. Ein modernes Forschungsgebäude müsse auch Gefühle vermitteln, sagt er. "Es soll zeigen: Das Unmögliche wird hier möglich sein."

Jeder sieht jeden

Bis in die 50er Jahre waren Laborgebäude konventionell bis ideenlos gebaut. Mit langen Gängen, die Büros Tür an Tür. "Das einzige, was man von ihnen erwarten konnte, war", formulierte es der britische Kunsthistoriker Martin Kemp vor ein paar Jahren, "dass sie Raum zur Verfügung stellten, der sich nach kürzester Zeit als inadäquat erwies."

Moderne Forschungszentren wie etwa das Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie in Dresden, das Biochemie-Gebäude der Oxford University oder das Clark-Center der Stanford University gehen einen radikal anderen Weg.

Die alten kleinteiligen Territorien existieren nicht mehr, die offenen Räume gleichen einem Panopticon, in dem jeder jeden sieht. Das erleichtert den Kontakt. Allerdings hört auch jeder jeden. Und das ist, wie Forscher berichten, mitunter mühsam. Nicht selten tragen die Wissenschaftler denn, wenn sie wirklich konzentriert arbeiten müssen, Kopfhörer.

Die Kreativitätsmaschine

Dem Heureka! auf die Sprünge helfen will man auch am Centrum für Molekulare Medizin in Wien (CeMM). Das Akademiegebäude am Gelände des AKH sticht aus der umgebenden Mixtur aus baufälligen historischen Pavillons und medizinischen Zweckbauten heraus.

Die gläserne Fassade wurde von Peter Kogler gestaltet, Kunst ist auch im Inneren präsent. Im Dachgeschoß des Gebäudes hat CeMM-Direktor Giulio Superti-Furga eine "Brain Lounge" errichten lassen. Der futuristisch anmutende Raum wurde vom Künstler-Duo "Walking Chair" konzipiert. Sein Herzstück ist ein runder Konferenztisch, von dem aus man über den neunten Bezirk blickt - und der sich, sofern man per Fernbedienung einen Motor aktiviert, um die eigene Achse dreht.

Futuristischer Raum: Brain Lounge am CeMM

Walking Chair

Hier rotieren die Gedanken: Brain Lounge am Cemm

Das Tempo ist gemessen, neun Minuten dauert eine volle Umdrehung. Schließlich soll der Tisch auch kein Konferenzringelspiel sein, sondern vielmehr den Blick der Diskutanten vom Offensichtlichen lösen und ihre Gedanken für Neues öffnen. Wenn er mit Fachkollegen an dem Tisch sitze, sagt Superti-Furga, "fühlt es sich an, als würden wir alle gemeinsam in einem dieser alten Zugabteile sitzen und miteinander plaudern".

Ihm selbst seien in der Brain Lounge schon einige gute Ideen eingefallen, erzählt der italienische Proteinforscher, gesteht aber zu: Seine beste wissenschaftliche Idee hatte er nicht hier, sondern in einem ganz konventionellen, bloß sechs Quadratmeter großen Besprechungszimmer.

Nächtliche Einfälle

Oriol Romero-Isart hat seine besten Einfälle meist zu Hause, genauer gesagt: im Bett. "Es passiert mir öfter, dass ich von gewissen Problemen gefesselt bin. Dann wache ich mitten in der Nacht auf und denke weiter", sagt der Physiker vom Institut für Quantenoptik und Quanteninformation in Innsbruck (IQOQI). Was darauf hinweist, dass man zwischen Anbahnung und Geburt einer Idee unterscheiden sollte.

"Aus meiner Sicht ist das ein zweistufiger Vorgang", sagt Romero-Isart. Die Inspiration entstehe durch die Diskussionen mit Fachkollegen. "Sie bereiten den Geist vor, dann kommen die Ideen ganz natürlich."

Das IQOQI gilt als eines der erfolgreichsten Forschungsinstitute des Landes: Hier orientiert man sich an den Besten des Faches, dem MIT etwa oder den deutschen Max-Planck-Instituten, und konkurriert mit ihnen auf Augenhöhe. Das ist in der Quantenoptik nur mit beträchtlichem Materialeinsatz möglich. Im Keller des IQOQI stehen mächtige, durch Luftpolster geschützte Experimentaltische, auf denen die Forscher Lichtteilchen und ultrakalte Ionen manipulieren. Das Langzeitziel ihrer Versuche ist eine zweite Computerrevolution: Der Quantencomputer soll dereinst Probleme lösen können, die mit herkömmlichen Rechnern nicht einmal theoretisch in den Griff zu kriegen sind.

Oper als erweiterte Infrastruktur

Im Vergleich dazu nimmt sich der Materialbedarf von Herlinde Pauer-Studer bescheiden aus. Die Philosophin von der Universität Wien hat 2010 einen ERC-Grant zum Thema "Verzerrungen der Normativität" gewonnen. Für ihr im Juni auslaufendes Forschungsprojekt hatte ihr die Uni Wien eine Altbauwohnung im ersten Bezirk zur Verfügung gestellt. Die notwendigen Ressourcen sind in den Geisteswissenschaften überschaubar.

Ansonsten sieht Pauer-Studer wenige Unterschiede zu den Naturwissenschaftlern. "Ich glaube, dass alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler recht ähnlich arbeiten. Man beginnt in der Früh nach dem Aufstehen zu denken - bis abends, wenn man sich vor dem Einschlafen eine Pause gönnt. Das Instrumentarium ist immer das Gleiche: Es sind die menschlichen Einfälle."

Das Neue Institutsgebäude der Uni Wien

„Universitätsstraße 04“ von Buchhändler - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

Das NIG im ersten Wiener Gemeindebezirk

Um Philosophie auf internationalem Niveau betreiben zu können, brauche es vor allem eines: Gastforscher aus dem Ausland. Und die gewinne man nicht nur mit Honoraren, sondern auch mit einem attraktiven kulturellen Angebot. "Die Wiener Oper", sagt Pauer-Studer, "ist das Beste, was der Universität Wien passieren konnte."

Einen ERC-Grant hat auch ihr Fachkollege Martin Kusch an Land gezogen. Sein Büro hat der Wissenschaftstheoretiker nicht weit entfernt, im sogenannten Neuen Institutsgebäude (NIG) - ein aus dem 19. Jahrhundert stammendender Komplex in der Wiener Universitätsstraße, in dem zu Zeiten der Monarchie und der Ersten Republik Heeresdienststellen untergebracht waren.

Vor ein paar Jahren gab es hier noch einen der letzten Paternoster der Stadt. Das verlieh dem Gebäude einen gewissen anachronistischen Charme. Allerdings hat der Charme, wie Kusch zu erzählen weiß, auch seine Grenzen. "Im Sommer sind die Temperaturen hier einfach unerträglich." Zu Hause arbeiten, wie manche seiner Kollegen es tun, wolle er dennoch nicht. Denn auch in der Wissenschaftstheorie seien die Gespräche mit anderen das A&O.

Innovationen an Nebenorten

Von richtungsweisender, sozialer inspirierter und inspirierender Architektur, wie sie am IMP entstehen soll, kann man am Neuen Institutsgebäude nur träumen. Die leeren, kahlen Gänge mit den vielen geschlossenen Bürotüren laden nicht zum Verweilen ein. Eine Zone der Begegnung könnte im Prinzip die Mensa im Dachgeschoß des NIG sein.

"Man müsste bloß besseres Essen anbieten, zum Beispiel Currys und Suppen, so wie im Hauptgebäude der Uni. Dann würden sich die Wissenschaftler schon treffen", sagt Kusch - und hat für diesen Satz auch gleich eine Fußnote aus der Fachliteratur parat. Die britische Anthropologin Lucy Suchman wies bei Forschungen am Xerox-Forschungscenter in Palo Alto nach, dass die meisten Innovationen nicht im Konferenzraum ihren Ausgang nehmen, sondern bei informellen Gesprächen: am Gang, im Aufzug, beim Kopierer.

So hätte Kusch denn auch ein paar einfache Vorschläge, wie man die verwaisten Nebenorte des NIG zu sozialen Inseln aufwerten könnte. "Man könnte am Gang Wasserspender aufstellen und Bilder aufhängen. Der wichtigste Ort für Informationstransfer ist die Kaffeemaschine."

Robert Czepel, science.ORF.at

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