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Porträtfoto der Byzantinistin Claudia Rapp

"Austro-Nobelpreis" an Byzantinistin Rapp

Der Wittgenstein-Preis 2015 geht an die Byzantinistin Claudia Rapp (53) von der Universität Wien. Der "Austro-Nobelpreis" ist mit 1,5 Mio. Euro dotiert und damit der höchste Wissenschaftsförderpreis in Österreich. Er wurde Montagabend in Wien gemeinsam mit den mit jeweils bis zu 1,2 Mio. Euro dotierten Start-Preisen an acht Nachwuchsforscher verliehen.

Auszeichnung 09.06.2015

Die Preise werden vom Wissenschaftsministerium finanziert und vom Wissenschaftsfonds FWF vergeben - entschieden hat eine Jury ausländischer Wissenschaftler. Rapp ist für Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) "ein Beleg für die exzellente Geistes- und Kulturwissenschaft in Österreich".

Für FWF-Präsidentin Pascale Ehrenfreund stehen das Wittgenstein- und Start-Programm "seit 20 Jahren für wissenschaftliche Exzellenz", es beweise, welch hohes Potenzial Österreich in der Grundlagenforschung habe.

Wittgenstein-Preis

Mit dem vom Wissenschaftsministerium finanzierten Wittgenstein-Preis werden hervorragende und international anerkannte Forscher ausgezeichnet. Die Förderung soll ihnen laut FWF "ein Höchstmaß an Freiheit und Flexibilität bei der Durchführung ihrer Forschungstätigkeit garantieren, um eine außergewöhnliche Steigerung ihrer wissenschaftlichen Leistungen zu ermöglichen".

Sendungshinweise

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Ö1 Frühjournal: 8.6., 7 Uhr. Highlights der Preisverleihung sind am Mittwoch (10.6., 21.45 Uhr) auf ORF III in einer Spezial-Ausgabe des science.talk zu sehen. Claudia Rapp ist anschließend Gast im science.talk.

Links:

Acht Start-Preise an Jungforscher

Acht Forscher wurden Montagabend mit dem Start-Preis des Wissenschaftsfonds FWF ausgezeichnet. Mit jeweils bis zu 1,2 Mio. Euro ist dies die höchstdotierte Förderung für Jungforscher in Österreich. Es handelt sich dabei um den Mathematiker Christoph Aistleitner, von der Universität Linz, die Informatikerin Ivona Brandic von der TU Wien tätig, die beiden Physiker Marcus Huber und Peter Lanyon vom Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, den Physiker Gareth Parkinson von der TU Wien, den Forstwirt Rupert Seidl von der Universität für Bodenkultur (Boku), die Politikwissenschafterin Kristina Stöckl von der Uni Wien und die Mathematikerin Caroline Uhler vom Institute of Science and Technology (IST) Austria in Klosterneuburg (NÖ).

Erstmals wurde am Montag auch der von der "Dr. Gottfried und Dr. Vera Weiss Wissenschaftsstiftung" finanzierte und vom FWF abgewickelte Weiss-Preis an den Meteorologen Kay Helfricht vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der ÖAW vergeben.

Im "Schlaraffenland der Byzantinistik"

Rapp, geboren am 20. Juni 1961 in Gießen (Deutschland), ist seit 2011 Professorin für Byzantinistik an der Universität Wien und seit 2012 Leiterin der Abteilung Byzanzforschung am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Zuvor war sie 17 Jahre an der University of California in Los Angeles (UCLA) tätig. Wien bezeichnete sie im Gespräch mit der APA als internationalen Top-Forschungsstandort ihres Fachs, als "Schlaraffenland der Byzantinistik", angesichts der Tradition und der Vielzahl an ausgewiesenen Forschern auf diesem Gebiet.

Claudia Rapp im O-Ton:

Wien blickt auf eine lange Tradition in der Byzantinistikforschung zurück, für die diesjährige Wittgenstein-Preisträgerin Claudia Rapp ist die Stadt ein internationaler Top-Forschungsstandort des Fachs. Mit dem höchsten Wissenschaftsförderpreis Österreichs will sie der Byzanzforschung nun eine "neue Richtung geben", wie sie im Gespräch mit der APA sagte.

Die Byzantinistin Claudia Rapp vor einer digitalisierten Quelle

APA - Herbert Pfarrhofer

Die Byzantinistin Claudia Rapp vor einer digitalisierten Quelle

Für den Laien ist Byzantinistik wenig greifbar und mutet mitunter etwas verstaubt an - was ist spannend an dem Fach?

Claudia Rapp: Ich bezeichne es gerne als das andere Mittelalter: Es geht um eine christliche, mittelalterliche Gesellschaft, die aber unter völlig anderen Vorzeichen funktioniert als der uns besser bekannte lateinischsprachige Westen mit seinen Königreichen. Mit diesem Westen hat diese Gesellschaft aber eine gemeinsame Grundlage in der griechisch-römischen Antike. Diese gemeinsame Grundlage erstreckt sich auch auf die frühislamische Gesellschaft. Das ist ein besonders aktuelles und spannendes Forschungsthema, und wir sehen uns an, wo da die Gemeinsamkeiten sind, wie sich diese im Laufe der Jahrhunderte ausgeformt haben und wie sich die Kulturkontakte zwischen den verschiedenen Bereichen gestaltet haben.

Wie verorten Sie das Byzantinische Reich zeitlich und geografisch?

Am einfachsten ist es, das Byzantinische Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel in Verbindung zu bringen. Diese wurde von Konstantin dem Großen im Jahre 330 eingeweiht und kam 1453 in die Hände der Osmanen. Sie wurde dann zur Hauptstadt des Osmanenreiches und Byzanz hat bis in die ersten Generationen der Osmanenherrscher fortgewirkt. Damit ist Byzanz eines der wenigen tatsächlich tausendjährigen Reiche der Geschichte.

Sie sind 2011 nach fast 20 Jahren in den USA nach Wien gewechselt, was war der Beweggrund?

Wien ist weltberühmt in meinem Fach, wirklich top, ein Schlaraffenland, mit einer Unzahl von ausgewiesenen Forschern, ein Wissenschaftsstandort, der seit mittlerweile drei Generationen besteht. Ich freue mich ganz besonders, dass der Wittgenstein-Preis diese Leistung Österreichs als Forschungsstandort für unser Fach auch anerkennt.

Claudia Rapp vor ihrer Bücherwand

APA - Herbert Pfarrhofer

Claudia Rapp vor ihrer Bücherwand

Was bedeutet der Wittgenstein-Preis für Sie?

Ich freue mich sehr darüber, auch im Sinne einer Auszeichnung für die Grundlagenforschung und die historischen Geisteswissenschaften. Die Tatsache, dass damit eine hoch dotierte Fördersumme verbunden ist, wird es mir möglich machen, zusammen mit den Wissenschaftlern hier in Wien und in internationaler Zusammenarbeit der Byzanzforschung eine neue Richtung zu geben.

Welche?

Mein Forschungsprojekt steht unter der Überschrift "Mobilität, Mikrostrukturen und persönliche Handlungsspielräume", das klingt auf Englisch besser: "Mobility, Microstructures and Personal Agency".

Was konkret wollen Sie dabei erforschen?

Es geht um Mobilität in verschiedener Hinsicht: Einmal kulturelle Mobilität, also Kulturkontakte und Kulturaustausche - Byzanz eingebunden nicht nur in das europäische Mittelalter, sondern auch mit seinen Auswirkungen bis hin nach Asien unter Einbeziehung des Nahen Ostens. Dann geht es um Mobilität im Sinne von sozialer Durchlässigkeit innerhalb der byzantinischen Gesellschaft selbst, also die Möglichkeit, sich persönliche Handlungsspielräume zu erarbeiten und sein Leben selbst zu gestalten und zu verbessern.

Das war damals möglich?

Das wurde lange Zeit nicht wahrgenommen oder nur als Randphänomen betrachtet. Wenn man aber sucht, kann man vieles finden. So beschäftige ich mich in meinem in Kürze bei Oxford University Press erscheinenden Buch mit dem Ritual der Verbrüderung. Dieses ist im spirituell-geistigen Raum entstanden, hat aber dann später in der Aristokratie Fuß gefasst und fand als Strategie zur sozialen Vernetzung auch über soziale, ethnische und religiöse Grenzen hinweg Anwendung, bis heute im gesamten orthodoxen Raum.

Zudem wollen wir uns anschauen, wie Religion und religiöse Praxis auch zur Artikulation von persönlichen Bedürfnissen und Anliegen verwendet werden, konkret über sogenannte Kleine Gebete, die in Gebetsbüchern in großer Zahl erhalten sind und Situationen des Alltagslebens ansprechen. Da geht es um den ersten Bartwuchs eines Mannes ebenso wie darum, was zu tun ist, wenn beim Käsemachen eine Fliege in den Käse fällt, oder welches Gebet zu sprechen ist, wenn bei einem Erdbeben in der Kirche der Altar verrutscht ist. Damit kann man sehr schön durchs Schlüsselloch schauen und Einblick in die verschiedenen Lebensumstände der Byzantiner, auch der Mittel und Unterschichten, gewinnen.

Christian Müller/APA, science.ORF.at

Die Wittgenstein-Preisträger der vergangenen Jahre: