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Knochenfragment eines Dinosauriers

75 Millionen Jahre alte Dinoblutzellen entdeckt

Organische Überreste in Fossilien ausgestorbener Tiere haben bisher als absolute Ausnahme gegolten. Nur bei besonders gut erhaltenen Exemplaren kann man laut Experten fündig werden. Nun fanden Forscher Überreste von Blutzellen und Gewebe in "durchschnittlichen" Knochen eines vogelartigen Sauriers - zumindest sehen sie ganz danach aus.

Paläontologie 10.06.2015

Wenn tote Tiere im Laufe von Millionen Jahren zu Fossilien werden, verschwindet nach und nach das gesamte organische Material. Gewebe, Haut und Blutzellen verwesen und zersetzen sich, übrig bleiben versteinerte Knochen. Bei mumifizierten Lebewesen wird sogar das Gewebe zu Stein. Weichteile sucht man vergeblich - dachte man zumindest noch bis vor wenigen Jahren.

Die Studie:

"Fibres and cellular structures preserved in 75-million-year-old dinosaur specimens" von Sergio Bertazzo et al. ist am 9. Juni 2015 im "Nature Communications" erschienen.

Was bleibt tatsächlich?

2005 veröffentlichten Forscher um Mary H. Schweitzer von der North Carolina State University dann eine Studie in "Science", die diese Grundprinzipien der Fossilbildung von Grund auf infrage stellen. Die Paläontologin fand Blutgefäße und Weichgewebe in den Knochensplittern eines T. rex. In den Jahren darauf wurde Schweitzer auch bei anderen Fossilien fündig, beispielsweise entdeckte sie 2009 intaktes Eiweiß in den Überresten eines Hadrosauriers.

Nach anfänglichem Widerstand gab es allmählich auch Zustimmung in der Forschergemeinde - mittlerweile identifizierten auch andere Kollegen Hautreste, Federn, Muskelfasern und andere Weichteile bei gut konservierten Fossilien. Manche Kritiker konnte die Forscherin dennoch bis heute nicht überzeugen: Die organischen Spuren könnten genauso gut von Verunreinigungen stammen, so deren Einwand.

Unwahrscheinlicher Fund

Wie die Forscher um Sergio Bertazzo vom Londoner Imperial College in ihrer aktuellen Arbeit schreiben, würden die Erklärungen für die ungewöhnliche Konservierung jedenfalls nahelegen, dass diese wenn, dann nur extrem selten stattfinde. Die meisten Forscher argumentieren, Weichteile längst ausgestorbener Tiere könnten nur unter idealen Bedingungen erhalten bleiben, z. B. bei besonders gut in der Gesteinsschicht eingeschlossenen Fossilien. Denn nach wie vor geht man davon aus, dass die Moleküle von Proteinen nicht mehr als vier Millionen Jahre überleben können. Man sei sich daher einig, dass maximal Reste davon übrig bleiben könnten.

Der Unwahrscheinlichkeit zum Trotz untersuchte das Team für die Studie acht etwa 75 Millionen Jahre alte Dinosaurierknochen aus der Kreidezeit, die seit zehn Jahren im Natural History Museum in London lagern und nicht besonders gut erhalten sind. Sie verwendeten ein Elektronenmikroskop und einen gebündelten Ionenstrahl, um in das Innere der Gebeinsfragmente zu schauen.

Spuren des frühzeitlichen Tierlebens

In einer Dinoklaue identifizierten sie eiförmige Strukturen mit einem dichten inneren Kern. Den Forschern zufolge sehen diese aus wie Blutzellen von Vögeln. Eine Zusatzanalyse mit einem Massenspektrometer ergab eine große Ähnlichkeit mit dem Blut von Emus - flugunfähigen australischen Laufvögeln. Das sei eine Indiz dafür, dass es sich um ein Tier mit vogelähnlichem Stoffwechsel handelt. In vier anderen Knochen fanden sie faserartige Formen, die demnach strukturell stark an Kollagenfasern erinnern.

Elektronenmikroskopaufnahme von vermeintlichen Kollagenfasern in Dinoknochen

Sergio Bertazzo

Vermeintliche Kollagenfasern unter dem Elektronenmikroskop

Alte organische Reste wie diese könnten der Forschung zu völlig neuen Einsichten über ausgestorbene Tiere verhelfen. Durch die Blutzellen ließe sich beispielsweise einiges über deren Stoffwechsel erfahren. Die Kollagenstrukturen könnten zudem Licht in die frühzeitlichen Verwandtschaftsverhältnisse bringen, denn sie variieren sehr stark je nach Tierfamilie.

Und wenn die Ergebnisse stimmen, sind organische Überreste in Fossilien vermutlich viel häufiger als gedacht. Noch sind die Forscher sehr vorsichtig - im Bewusstsein, wie umstritten derartig alte organische Reste nach wie vor sind. "Wir müssen noch weiter forschen, was wir da in den alten Knochen sichtbar gemacht haben. Große Ähnlichkeiten mit Blutzellen und Gewebsfasern gibt es in jedem Fall. Aber wenn sich die Ergebnisse erhärten, könnten wir letztlich mehr darüber erfahren, wie diese Tiere einst lebten und sich entwickelt haben", so Bertazzo in einer Aussendung.

Bisher keine fossile DNA

Fossile DNA fanden die Forscher keine in den Knochen. Die Koautorin Susannah Maidment schließt gegenüber der BBC aber nicht völlig aus, dass das irgendwann in der Zukunft bei anderen Überresten der Fall sein könnte. Bis jetzt fand allerdings noch niemand brauchbares Material, um die Vision von "Jurassic Park" wahr werden zu lassen. Daran ändert auch diese Studie nichts. Und bis auf Weiteres wird man lebendige Saurier nur auf der Leinwand sehen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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