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Kraftwerksschlote und Rauch vor blauem Himmel

Schadet das Zweigradziel mehr, als es nützt?

Im Kampf gegen die globale Erwärmung gilt das Zweigradziel als der Richtwert schlechthin. Vielleicht sollte man sich dennoch davon verabschieden. Denn es schadet mehr, als es nutzt, meint zumindest der Wissenschaftssoziologe Mathis Hampel in einem Gastbeitrag. Es vermische Wissenschaft mit Politik. Zudem sei es abstrakt und fern genug, um sich dafür nicht anzustrengen.

Klimapolitik 22.06.2015

Zwischen Wissenschaft und Politik

Von Mathis Hampel

Porträt Mathis Hampel

Mathis Hampel

Mathis Hampel, 32, ist promovierter Wissenschaftssoziologe des King's College London. In seiner Dissertation über das sogenannte "Hockeys Stick-Diagramm" des umstrittenen US-Klimaforschers Michael Mann beschreibt er die Wechselwirkung von Klimawissenschaft und Klimapolitik. Zurzeit arbeitet und forscht er ehrenamtlich für das European Policy Network Politheor und das Climate Institute in Hanover, New Hampshire. Er ist zudem ausgebildeter Englischlehrer und als freier Publizist tätig.

"Das Zweigradziel beschreibt das auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse gesetzte Ziel der internationalen Klimapolitik, die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen." (orf.at, 15.06.2015)

Auf die Frage nach ihrer Meinung zur Zweigradforderung würde ein Großteil der Wissenschaftler wohl nicht vergessen, auf den politischen Part dieses Zieles hinzuweisen. Die Autorität der Wissenschaft beruhe nämlich auf dem Beschreiben von Tatsachen, nicht auf dem Vorschreiben irgendwelcher politischen Maßnahmen.

Diese klare Trennung von Beschreiben und Vorschreiben ist ein Ideal der Moderne. In der Moderne gilt es, subjektive politische Entscheidungen mit objektiver wissenschaftlicher Erkenntnis zu legitimieren.

Eine bloße Beschreibung, einen Tatsachenbericht, scheint es aber nicht mehr zu geben - und hat es wohl auch nie. Denn um was handelt es sich etwa bei der Messung von CO2-Konzentration in der Atmosphäre? Um was bei der Beschreibung gefährdeter Tierarten wie jener der Eisbären? Suggeriert ein Ist-Zustand nicht auch einen Soll-Zustand? Eine Beschreibung braucht immer einen Referenzpunkt. Sie erzeugt Resonanz.

Das Zweigradziel als Grenzobjekt

Das Zweigradziel, erstmals präsentiert vom EU-Rat im Jahr 1996, wird in der Wissenschaftssoziologie als "boundary object" bezeichnet: Es existiert an den "boundaries" (Grenzen) zwischen Wissenschaft und Politik, es vereint Ist- und Soll-Zustand in einem gemeinsamen Diskurs. Auf die Frage nach ihrer Meinung zur Zweigradforderung, würde ein Großteil der Politiker wohl auf den wissenschaftlichen Part dieses Ziels hinweisen.

Die Wissenschaftlichkeit der Forderung lässt sich am besten anhand der oben genannten "reinen" Fakten deuten. Denn im Vergleich zur Beschreibung der atmosphärischen CO2-Konzentration und der Eisbärpopulation, welche sich auf empirische Messdaten stützt, basiert das Zweigradziel auf durchaus umstrittene Computersimulationen.

Das computerbasierte Projizieren des Klimawandels und eines globalen Mittelwerts ist ein qualitativ anderes Verfahren als das Messen von CO2-Konzentration. Zwar gilt es als bewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit von Rückkoppelungseffekten mit steigender Temperatur zunimmt, doch wann ein kritischer Punkt überschritten wird, ist noch immer eine Ermessenssache. Ein Ziel kann nicht "entdeckt" werden.

Kritik am Zweigradziel

So viele Anhänger dieses Grenzobjekt als ein von der Wissenschaft "empfohlenes", auf Wissenschaft "basierendes" Ziel hat, so viele Kritikpunkte gibt es.

Erstens besteht eine gewisse Ambiguität, da nicht festgelegt ist, wie das Temperaturziel zu erreichen ist. Höchst umstrittene, intellektuell bankrotte Geoengineering Projekte wie die Injektion von Partikeln in die Stratosphäre könnten herangezogen werden. Zudem ist das Klimasystem viel zu chaotisch, um es auf zwei Grad steuern zu können. Man wird Rückkoppelungseffekte nie genau voraussagen können.

Zweitens suggeriert ein globales Ziel, dass alles Leben räumlich und zeitlich auf einer Ebene abläuft - als gäbe es nur diese eine Art und Weise zu denken, zu leben und zu wirtschaften. Das Ziel reduziert die unzähligen mit dem Klimawandel verbundenen Diskurse - Artenvielfalt, Rechte indigener Bevölkerungen, intellektuelle Eigentumsrechte, etc. - auf diesen einen technokratischen. Als hätte man mit dem Nicht-Überschreiten von zwei Grad außer der Verminderung virtueller Risiken auch nur ein real existierendes Problem gelöst.

Drittens ist es abstrakt - man kann sich nicht viel unter globalen zwei Grad und den verbundenen Risiken vorstellen - und fern genug, um damit verbundene Anstrengungen zu umgehen.

Viertens und vielleicht wichtigster Punkt: Keiner muss dafür verantwortlich zeichnen. Wissenschaftler verweisen auf "die Politik", Politiker verweisen auf "die Wissenschaft". Es ist unmöglich dieses Grenzobjekt demokratisch zu legitimieren.

Im eigenen Interesse

Aus dieser Vielzahl von Gründen sollte sich die internationale Klimapolitik vom Zweigradziel lösen. Vor allem die Autorität der Klimawissenschaft leidet unter dem auf "Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse gesetzten Ziel".

Der Versuch höchst umstrittene Entscheidungen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu legitimieren, birgt die Gefahr, dass Tatsachen der Klimawissenschaft generell für Bewertungen gehalten und somit der Politik zugeordnet werden.

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