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Grippeimpfstoff

"Schlafsucht" durch Schweinegrippe-Impfung

Ärzte stutzten, als vermehrt Kinder mit plötzlichen Schlafattacken - einer seltenen Schlafstörung - in Praxen auftauchten - meist entwickelt sich die Krankheit erst später. Eines einte viele der kleinen Patienten: Sie waren mit demselben Mittel geimpft. Forscher haben nun einen Mechanismus entdeckt, wie Impfung und Krankheit zusammenhängen könnten.

Nebenwirkung 01.07.2015

Dutzende zusätzliche Narkolepsie-Fälle vor allem bei Kindern und Jugendlichen wurden nach der Schweinegrippe-Impfung mit Pandemrix europaweit registriert. Über die Ursache dieser Schlafkrankheit wurde lange gerätselt, nun legen Forscher einen möglichen Mechanismus dar. Auslöser ist demnach ein bestimmtes Virus-Protein, das einer Andockstelle im Gehirn ähnelt. In der Folge richte sich das Immunsystem gegen bestimmte, für das Schlafverhalten wichtige Zellen im Gehirn.

Selten, aber schwerwiegend

Die Studie in "Science Translational Medicine":

Die Ergebnisse unterstrichen, wie wichtig es sei, aus Impfstoffen alle Bestandteile zu entfernen, die vom Immunsystem mit körpereigenen Strukturen verwechselt werden könnten, betonen die Wissenschaftler um Lawrence Steinman von der Stanford University. Die Narkolepsie ist eine seltene Schlaf-Wach-Störung. Typische Symptome sind Tagesschläfrigkeit und sogenannte Kataplexie, ein plötzlicher Verlust des Muskeltonus bei starken Gefühlen. Sie entsteht, wenn bestimmte Zellen im Gehirn verloren gehen, die den Botenstoff Hypocretin herstellen, der das Wachsein steuert. Vor allem Menschen mit einer bestimmten Genvariante in ihrem Erbgut erkranken daran.

Millionen Menschen in der Europäischen Union hatten sich nach Empfehlungen der zuständigen Behörden in der Grippesaison 2009/2010 gegen die sogenannte Schweinegrippe, inzwischen auch Neue Grippe genannt, impfen lassen. Einer der dafür entwickelten Impfstoffe war Pandemrix des Pharmakonzerns GlaxoSmithKline (GSK). Bei weniger als 1 von 10.000 Geimpften sei anschließend eine Narkolepsie registriert worden, schreiben die Forscher. Die Impffolge sei damit zwar selten, für die Betroffenen aber schwerwiegend.

"Wir nehmen die Sicherheit der Patienten, die ihre Gesundheit unseren Impfstoffen und Medikamenten anvertrauen, sehr ernst", heißt es bei dem britischen Pharmakonzern. Ein Sprecher sagte, das Unternehmen erforsche den beobachteten Zusammenhang zwischen Pandemrix und Narkolepsie sowie Wechselwirkungen, die der Impfstoff mit anderen Risikofaktoren im Körper der Betroffenen gehabt haben könnte. Zudem unterstütze GSK die Forschung externer Experten dazu.

Virus-Protein ähnelt Rezeptor

Nicht nur in Europa, auch in China waren im Zuge der Schweinegrippe-Welle mehr Narkolepsie-Fälle registriert worden - dort allerdings bei nicht geimpften Menschen, die an Schweinegrippe erkrankt waren. Das lieferte einen ersten Hinweis, dass das Virus - wie auch der Virusteile enthaltende Impfstoff - Ursache der Erkrankung sein könnte. Grippeimpfstoffe enthalten generell verschiedene Virus-Proteine in variierenden Konzentrationen.

Die Wissenschaftler verglichen nun die Zusammensetzung von Pandemrix mit der des Impfstoffs Focetria der Novartis Pharma Schweiz AG. Dabei stießen sie auf ein Virus-Protein, das in Pandemrix in größeren Mengen ist und in seiner Struktur sehr stark der Andockstelle - dem Rezeptor - für Hypocretin ähnelt. Auch Focetria war 2009/2010 in Europa eingesetzt worden, hatte die Narkolepsie-Häufigkeit aber nicht erhöht.

Erkrankung riskanter als Impfung

Darauf aufbauend analysierten die Forscher Blutproben von 20 finnischen Patienten, die nach der Pandemrix-Impfung eine Narkolepsie entwickelt hatten. Sie fanden Antikörper, die nicht nur an das Schweinegrippe-Virus H1N1 binden, sondern auch an den Hypocretin-Rezeptor. Diese Antikörper würden bei Menschen mit bestimmten Erbgutmerkmalen offensichtlich von dem Virus-Protein aktiviert und attackierten dann die Hypocretin-Andockstellen im Gehirn, schließen die Forscher. Das Ergebnis weise darauf hin, dass das Risiko, Narkolepsie zu entwickeln, bei einer Schweinegrippe-Erkrankung möglicherweise höher sei als nach einer Pandemrix-Impfung.

Weitere Studien seien nötig, um den vorgestellten Mechanismus zu bestätigen, kommentiert Hartmut Wekerle, emeritierter Neuroimmunologe des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie in Martinsried, die Studie. Möglicherweise gebe es weitere, bisher unbekannte Umweltfaktoren, die eine Entstehung von Narkolepsie begünstigen. Auf keinen Fall sei es gerechtfertigt, Schutzimpfungen für Kinder wegen des Pandemrix-Falls generell abzulehnen, warnt Wekerle.

Einige der an der Studie beteiligten Forscher arbeiten in Forschungsabteilungen des Pharmaunternehmens Novartis Vaccines. Dessen Geschäfte wurden Anfang März von GSK übernommen - mit Ausnahme der Grippeimpfstoffe.

science.ORF.at/APA/dpa

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