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Stapel bunter Fachzeitschriften

Niederlande drohen Elsevier mit Boykott

Der weltgrößte Wissenschaftsverlag Elsevier und die niederländischen Universitäten befinden sich auf Konfrontationskurs: Letztere drohen dem Konzern nach gescheiterten Vertragsverhandlungen nun mit Boykott. Die Situation droht zu eskalieren.

Konflikt 16.07.2015

Dass Wissenschaftler auf die großen Fachverlage nicht immer gut zu sprechen sind, ist in der Forschergemeinde kein großes Geheimnis. Fünf Konzerne dominieren das Geschäft - und nutzen ihre Marktposition mitunter beinhart aus, um hohe bis exorbitante Preise für ihre Zeitschriften und Datenbanken verlangen zu können.

Absurd, finden viele Forscher, denn die eigentliche Arbeit würden ohnehin sie, die Forscher, erledigen: die Wissenschaft sowieso, aber auch die Auswahl von Studien als Herausgeber und die fachliche Kontrolle durch das sogenannte Peer Review.

Aber es gibt eben gewisse Abhängigkeiten. Publikationen sind Leistungsnachweis und symbolische Währung der Forschung, wer nichts veröffentlicht, gilt in der Szene nichts. Zumal es auch darauf ankommt, wo man publiziert: Alle wollen ihre Arbeiten in den prominenten Journalen unterbringen. In dieser Situation sitzen, so scheint es, die Verlage immer auf dem längeren Ast.

Ö1-Sendungshinweis

Diesem Thema widmet sich heute auch ein Beitrag in "Wissen aktuell", 16.7.2015, 13:55 Uhr.

Forderung: Open Access

Gerard Meijer ist nun der Kragen geplatzt. "Wissenschaftler sind ja kluge Menschen. Dass sie so etwas mit sich mit sich machen lassen, ist eigentlich erstaunlich. Aber das ist eine philosophische Frage", sagte er gegenüber science.ORF.at.

Der Physiker hatte sich im Laufe des letzten Jahres mit Handfesterem zu beschäftigen: Meijer vertritt die niederländischen Universitäten bei ihren Verhandlungen mit Elsevier, dem größten Wissenschaftsverlag der Welt. Es geht um einen neuen Vertrag, der den Unis weiterhin Zugang zu den Journalen aus diesem Haus ermöglicht - sie stellen immerhin 25 Prozent des Weltmarktes. Die Niederländer wollen außerdem erreichen, dass die Publikationen ihrer Forscher durch Elsevier automatisch frei zugänglich gemacht werden.

Dreistufiger Boykottplan

Nachdem die Verhandlungen schon letztes Jahr nichts gefruchtet haben und man auch heuer bei den Preisvorstellungen "Meilen voneinander entfernt" geblieben ist, hat Meijers Verhandlungsteam nun die Reißleine gezogen und den alten Vertrag mit Ende 2015 brieflich gekündigt. Und außerdem einen dreistufigen Boykottplan vorgestellt, der den Verlagsriesen unter Druck setzen soll.

Maßnahme eins ist gerade in Vorbereitung: "Wir haben unsere Wissenschaftler gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, ihre Herausgeberschaft bei Elsevier-Zeitschriften zurückzulegen", sagt Meijer. "80 Prozent waren dazu in erster Reaktion bereit." Sollte das nicht reichen, sollen die niederländischen Forscher auch ihre Review-Tätigkeiten für Elsevier einstellen und in letzter Konsequenz auch nichts mehr in den verlagseigenen Journalen publizieren.

Der Boykott steht zurzeit als konkrete Drohung im Raum, tatsächlich beginnen wird er allerdings erst mit Jänner 2016. So er denn beginnt. Denn im Hintergrund laufen nach wie vor Gespräche. Bei Elsevier ist man jedenfalls um Deeskalation bemüht. "Die niederländischen Universitäten und wir verfolgen das gleiche Ziel: Wir wollen beide Open Access - also freien Zugang zur Wissenschaft. Entscheidend ist, dass wir einen nachhaltigen Weg zu diesem Ziel finden", sagt Verlagssprecher Hannfried von Hindenburg.

Es geht ums Geld

Hinter dem Wörtchen "nachhaltig" verbirgt sich das eigentliche Problem. Und das ist finanzieller Natur. Die Niederländer sind bereit, so viel zu zahlen wie bisher - allerdings inklusive Open Access. Der Verlag indes argumentiert, dass Open Access die Kosten verdoppeln würde. Eine Ansicht, der zumindest eine aktuelle Studie widerspricht. Forscher der Max-Planck-Gesellschaft haben kürzlich durchgerechnet, was ein flächendeckender Umstieg auf Open Access kosten würde. Fazit: Mit zusätzlichen Ausgaben ist nicht zu rechnen.

Letztlich spießt es sich in den Verhandlungen, weil es keine Kostentransparenz gibt. "Wir haben Elsevier gebeten uns zu erklären, warum die Preise in den letzten fünf Jahren um 25 Prozent gestiegen sind. Antwort haben wir bisher keine bekommen", sagt Meijer. Der Verlag wiederum hält entgegen: Wenn die Arbeiten der niederländischen Forscher in aller Welt frei zugänglich sind, müsse auch jemand für den Rest der Welt bezahlen. Dieses Argument lässt Meijer gelten, "aber nur auf Basis transparenter Zahlen."

So dreht sich die Debatte momentan im Kreis. Dass dem nicht so sein muss, zeigen jene Verträge, die die Niederländer in den letzten Jahren mit anderen Verlagen abgeschlossen haben. Mit Springer, Wiley und Sage hat man bereits eine Open-Access-Regelung gefunden, mit der beide Seiten gut leben können.

Das gelang nicht zuletzt mit Unterstützung der niederländischen Politik, die den freien Zugang zur Wissenschaft schon seit Längerem zum vorrangigen Ziel erklärt hat. "Wissenschaft", resümierte der niederländische Staatssekretär Sander Dekker etwa letztes Jahr, "ist kein Selbstzweck. So wie Kunst erst zur Kunst wird, wenn man sie betrachtet, wird Wissen erst dann zum Wissen, wenn man es teilt."

Österreich wartet ab

In Österreich ist man von solch flächendeckenden Deals noch weit entfernt. Seitens der Universitätenkonferenz lautet die Devise "Abwarten und Beobachten": Verhandlungen mit Springer seien am Laufen, heißt es, solche mit Elsevier stünden in nächster Zeit an. Man beobachte die Vorgänge in den Niederlanden mit Interesse. Auch das Wissenschaftsministerium bekennt sich auf Anfrage zu Open Access, man wolle das Thema nun in den Leistungsvereinbarungen mit Unis "forcieren".

Ob man hierzulande auch gegenüber den Verlagen forciert auftreten wird, ist ungewiss. Meijer jedenfalls sieht keine großen Unterschiede zwischen beiden Ländern. "Was uns in den Verhandlungen stark macht, ist der Umstand, dass alle Universitäten mit einer Stimme sprechen. Ich sehe keinen Grund, warum das nicht auch in Österreich möglich sein sollte."

Robert Czepel, science.ORF.at

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