Standort: science.ORF.at / Meldung: "Steinzeitliche Babys aus Krems werden freigelegt"

Eine Detailaufnahme des Skeletts eines Babys aus der Steinzeit.

Steinzeitliche Babys aus Krems werden freigelegt

Sie werden die "Zwillinge von Krems" genannt, jene vor zehn Jahren in Niederösterreich gefundenen Kleinstkinder, die vor 32.000 Jahren liebevoll bestattet wurden. Mit der Freilegung der Knochen und einer DNA-Analyse soll nun mehr über Leben und Sterben in der Steinzeit bekanntwerden.

Anthropologie 15.07.2015

Eines steht aber schon heute fest: Kinder - selbst Neugeborene - waren in der altsteinzeitlichen Gesellschaft geschätzte und respektierte Mitglieder.

Beschützt vom Schulterblatt eines Mammuts

Ausgrabung im Museum:

Alle Freilegungsarbeiten werden im Naturhistorischen Museum in Wien durchgeführt, das Team ist interdiszplinär aus Forscherinnen und Forschern des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und des NHM zusammengesetzt. Alle Arbeiten werden lückenlos dokumentiert, neue Erkenntnisse auch im Rahmen von Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Freilegung des Fundes berichtet auch "Wissen Aktuell" am 15. Juli 2015 um 13.55 Uhr.

"Den Kindern wurde ein Ritual zuteil, das man auch Erwachsenen zugestanden hat. Für uns ist das ein Zeichen einer besonderen Wertschätzung", erklärt die Leiterin der Abteilung für Anthropologie am Naturhistorischen Museum (NHM) in Wien, Maria Teschler-Nicola, anlässlich des Starts der Freilegung am Dienstag.

Damit das Grab nicht von Aasfressern aufgestöbert werden konnte, wurde über die beiden Babys schützend das Schulterblatt eines Mammut gelegt, als Grabbeigabe erhielten sie eine Kette aus Elfenbeinanhängern, ihre Körper wurden sorgfältig mit Rötel bedeckt. In der Steinzeit war das bei Bestattungen durchaus üblich, die rote Farbe sollte vielleicht für Blut bzw. für das Leben stehen, so die archäologische Projektleiterin Christine Neugebauer-Maresch von der Akademie der Wissenschaften.

Älter als gedacht

Ein 3D-Modell der Babyskelette

NHM Wien

Ein 3D-Modell der Babyskelette
Der Streifenscanner tastet die Skelette ab.

ÖAW/NHM

Der Streifenlichtscanner tastet die Skelette ab.

Nachdem das Doppelgrab 2005 in rund sechs Metern Tiefe entdeckt worden war, wurde es in einem kompakten, mit Gipsbandagen gesicherten Block aus dem Sediment Löss geborgen. In den Jahren seither wurde das Alter genauer bestimmt: Statt der ursprünglich angenommenen 27.000 ist das Grab 32.000 Jahre alt. "Es ist das weltweit erste Grab von Kleinstkindern des frühen Homo Sapiens", so Neugebauer-Maresch.

Mit neuer Technologie - unter anderem einem hochauflösenden Streifenlichtscanner - wurde ein 3D-Modell des Grabs und der Babys erstellt (siehe Bild oben). "Die Scans und die Fotos sind die Grundlage, auf der wir nun über den besten Weg zur Freilegung entscheiden", sagt Marc Händel, im Team zuständig für Modellierung und Datenauswertung. Rund vier Wochen werde es dauern, bis alle Knochen frei liegen, schätzt er - wobei es natürlich auch Überraschungen geben könne, schließlich weiß bisher niemand, ob bzw. was sich am Boden des Grabes befindet.

Im Frühling gestorben

Vorsichtig legen die Forscherinnen und Forscher Skelettteile frei.

ÖAW/NHM

Vorsichtig legen die Forscherinnen und Forscher Skelettteile frei.

Es sind vor allem die Details zu Leben und Sterben der Babys, die die Forscherinnen und Forscher in den nächsten Monaten intensiv beschäftigen werden. Denn zu den Neugeborenen selbst weiß man bisher nicht viel: "Sie sind wahrscheinlich zum Zeitpunkt des Todes neun Monate ab Zeugung alt gewesen", so Archäologin Christine Neugebauer-Maresch.

Aber ob sie kurz nach der Geburt gestorben sind oder eventuell Frühgeburten waren und noch ein oder zwei Monate gelebt haben, das könne sie nicht sagen. Die Sterbejahreszeit war wahrscheinlich das Frühjahr, zumindest deuten die gemeinsam mit den Skeletten gefundenen Reste eines sehr jungen Tieres darauf hin.

DNA-Analyse

Neuigkeiten erhofft sich Anthropologin Maria Teschler-Nicola von einer DNA-Analyse, für die erst kürzlich jahrtausendealtes Erbgut eingeschickt wurde. "Waren die Kinder verwandt, eventuell sogar wirklich Zwillinge? Woran sind die Kinder gestorben? Wie sehr sind sie mit dem Neandertaler verwandt?" Alle diese Fragen seien offen, sagt die Forscherin und fügt selbstsicher hinzu: "Derzeit noch."

Elke Ziegler, science.ORF.at

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