Standort: science.ORF.at / Meldung: "Warum uns Schreie Angst machen"

Junger Mann schreit mit geschlossenen Augen

Warum uns Schreie Angst machen

Der Schrei ist ein Urmotiv der Wahrnehmung - ein Warnsignal, dem sich niemand entziehen kann. Forscher haben nun herausgefunden, warum das so ist: Schreie haben ein einzigartiges akustisches Profil, das im Gehirn automatisch Alarm auslöst.

Psycho-Physik 17.07.2015

Die berühmte Duschszene in Alfred Hitchcocks "Psycho" verdankt ihren Horror einem doppelten Schrei. Da ist einer zu hören, der vom Mordopfer Marion Crane stammt - und dann noch ein künstlicher, instrumenteller: ein schrilles Geigenstakkato, das den Alarm der menschlichen Stimme nachahmt und ihn gleichsam überhöht.

Warum diese Szene so unter die Haut geht, weiß David Poeppel vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik. Der Name des Instituts zeigt an, was Poeppel und seine Kollegen tun. Sie versuchen einen Brückenschlag zwischen Psyche und Physik, sie wollen unsere Empfindungen mit den Methoden der Naturwissenschaft fassen.

Schreien im Labor

Ö1-Sendungshinweis

Diesem Thema widmet sich auch ein Beitrag in "Wissen aktuell", 17.7.2015, 13.55 Uhr.

Die Studie

"Human Screams Occupy a Privileged Niche in the Communication Soundscape" von Luc Arnal und Kollegen ist am 16. Juli 2015 in "Current Biology" erschienen.

"Wenn man jemanden fragt, was das Besondere an einem Schrei ist", sagt Poeppel, "dann antworten die meisten: Er ist laut und er hat eine hohe Tonlage. Das stimmt natürlich, aber es gibt viele Töne, die laut und hoch sind." Das, so Poeppel, könne also nur ein Teil der Wahrheit sein. Der Schrei muss noch andere Eigenschaften besitzen, die ihn vom Rest der akustischen Umwelt abheben. Ansonsten könnte er sich nicht so mühelos Zutritt zu unserer Wahrnehmung verschaffen.

Um herauszufinden, wie er das tut, analysierten Poeppel und seine Mitarbeiter Schreie aus Filmen, YouTube-Videos sowie Aufnahmen, die die Forscher mit Probanden im Labor gemacht hatten. Resultat: Der Schrei (genau genommen: nur der Alarm-Schrei) hat ein akustisches Alleinstellungsmerkmal, das Physiker "Roughness" bzw. "Rauigkeit" nennen.

Hörbeispiele aus der Studie: Der erste Schrei (oben) hat eine geringe Rauigkeit, der zweite eine hohe.

Damit ist das An- und Abschwellen der Lautstärke gemeint - und die ändert sich beim Schrei extrem schnell, nämlich 30 bis 150 Mal pro Sekunde. Der psychologische Effekt der Rauigkeit ist simpel und direkt: Er alarmiert unsere Sinne. Bei gesprochener Sprache gibt es solche Modulationen zwar auch, doch hier variiert die Lautstärke gemächlich, höchstens fünf Mal pro Sekunde. Normale Sätze haben, um beim Bild zu bleiben, eine glatte Akustik. Sie klingen unaufgeregt.

Angstzentrum im Gehirn wird aktiv

Wie die Forscher vom Frankfurter Max-Planck-Institut herausgefunden haben, gibt es im Gehirn auch spezielle Nervenzellen, die durch Schreie besonders stark angeregt werden. Erwartungsgemäß wurde das Hörzentrum aktiv, "aber es sprach auch die Amygdala an. Das ist jenes Zentrum, das die Verarbeitung von Angst steuert", sagt Poeppel. "Das Interessante daran ist: Je beängstigender, fieser oder irritierender die Schreie wahrgenommen wurden, desto stärker fiel die Reaktion in der Amygdala aus."

Diese typische Erregung von Nervenzellen konnte normale Sprache nicht erzeugen. Auch künstliche Geräusche nicht. Einzige Ausnahme: Alarmanlagen, Sirenen und Wecker. Sie haben, wie die Versuche zeigen, eine ähnliche Wirkung auf das Gehirn wie Schreie. Und sie sind ihnen auch physikalisch nicht unähnlich. Die Signatur der Roughness ist hier ebenfalls nachzuweisen.

Technische Anwendung: Eine Prise Alarm

Diese Erkenntnis eröffnet Möglichkeiten für einige technische Spielereien. Man kann damit etwa die unangenehme Wirkung von Alarmsirenen noch verstärken. Selbst harmlos klingende Stimmen bekommen mit einer am Computer hinzugefügten Prise Roughness eine etwas unangenheme Tönung.

Hörbeispiele aus der Studie: Natürliche Stimme (oben) vs. die am Computer bearbeitet Version.

Und natürlich ließe sich das auch bei Gesang bewerkstelligen. Poeppel hat hier einige kuriose Versuche durchgeführt, die nicht Eingang in die offizielle Studie gefunden haben. Bei Steven Tyler, dem Frontmann von Aerosmith, fiel Poeppel etwa auf, dass er von Natur aus "rough" klingt. "Wenn man Tyler beim Singen zuhört - das ist echtes Geschrei."

Und die Geigen in der Duschszene von "Psycho"? "Natürlich haben auch die eine ausgeprägte Roughness", sagt Poeppel. "Ich würde das als audio-visuelles Enhancement der Gefahr bezeichnen."

Nicht unähnlich muss das Alfred Hitchcock anno 1959 empfunden haben. Er wollte die Szene ursprünglich ohne musikalische Begleitung gestalten. Doch als er die beängstigende Untermalung des Komponisten Bernard Herrmann hörte, soll er so begeistert gewesen sein, dass er dessen Honorar postwendend verdoppelte.

Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: