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Künstlerische Darstellung eines Neurons beim Informationsaustausch

80.000 Österreicher mit "Gewitter im Gehirn"

Epilepsie ist keine Krankheit mit Seltenheitsstatus: Rund 80.000 Menschen in Österreich erleben immer wieder epileptische Anfälle. Die Behandlung hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht - nicht so aber die Einstellung der Gesellschaft, kritisierten Experten heute bei einer Pressekonferenz in Wien.

Epilepsie 21.07.2015

Nicht immer Zuckungen

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Ö1 Sendungshinweis:

Über Epilepsie berichtete auch das Mittagsjournal sowie Wissen Aktuell am 21. Juli 2015.

Sucht man ein Bild, um einen epileptischen Anfall zu verdeutlichen, kommt man meist auf das "Gewitter im Gehirn". Denn ähnlich wie bei einem Blitzschlag in freier Natur, kommt es bei Epilepsie plötzlich zu einer elektrischen Entladung der Nervenzellen, die im Gehirn eine Art Kurzschluss zur Folge hat.

In der Öffentlichkeit kursieren noch immer viele falsche Bilder von Epilepsie, und deshalb hält der Neurologe Gerhard Luef von der Universitätsklinik in Innsbruck fest: Nicht immer haben solche Kurzschlüsse jene krampfartigen Zuckungen zur Folge, die gemeinhin mit Epilepsie verbunden werden.

Denn je nachdem, in welchem Gebiet des Gehirns dieser Kurzschluss auftritt, verändert sich auch die Wahrnehmung des betroffenen Menschen. "Es kann zu Seh-, Hör-, Geruchs- oder Geschmacksstörungen kommen - das kommt auf das Gehirnareal an, in dem der Kurzschluss stattfindet", so Gerhard Luef.

Medikamente helfen bei einem Drittel nicht

In der Behandlung wurden in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht: Zwei Drittel der Patienten können mit Medikamenten so gut therapiert werden, dass ihre Anfälle auf Dauer verschwinden. Einige können die Medikamente nach einer gewissen Zeit sogar wieder absetzen.

Einem Drittel aber helfen die Medikamente nicht. Bei ihnen sei eine Operation eine Option. Dabei muss jenes Gebiet im Gehirn, das die Anfälle verursacht, exakt vom Rest des Gehirns abgrenzbar sein, damit es im Rahmen eines Eingriffs entfernt werden kann.

Gute Ergebnisse bei Klein(st)kindern

Auch bei Kleinkindern wird das heute gemacht, so die Leiterin der Epilepsieambulanz am AKH in Wien, Martha Feucht: "Man hat sich lange vor solchen Eingriffen bei Kindern gefürchtet. Die Operationstechniken sind aber in den letzten Jahren deutlich besser geworden und die Komplikationsraten gesunken."

Außerdem wisse man heute genauer, wodurch sich Epilepsie schon bei sehr kleinen Babys zeigt: "Bei sehr kleinen Babys ist das beispielsweise eine veränderte Hautfarbe, ein anderer Atemrhythmus - je größer das Kind wird, desto häufiger ist dann auch die Motorik betroffen und man sieht ein Zucken von Hand oder Bein."

300 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen drei Monaten und 18 Jahren wurden im AKH in Wien in den letzten Jahres operiert - und gerade bei Babys und Kleinkindern erzielte man gute Ergebnisse, so Fachärztin Martha Feucht, "weil man den Einfluss einer chronischen Erkrankung stoppen kann - nicht nur die Anfälle, sondern auch deren Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes. Im günstigsten Fall - und wir haben am AKH solche Patienten - ist eine unbeeinträchtigte Schulkarriere und ein anfallsfreies Leben möglich."

Viele Vorurteile

Die Behandlungen - sei es nun mit Medikamenten oder mit einer Operation - wurden also in den letzten Jahren immer besser, jetzt muss nur noch die Gesellschaft nachziehen, so die Expertinnen und Experten: Denn immer noch werde Epilepsie von großen Teilen der Bevölkerung mit geistiger Einschränkung in Verbindung gebracht.

Den Eltern betroffener Kindern etwa werde noch immer der Besuch einer Sonderschule nahe gelegt, obwohl diese Kinder ein unbeeinträchtigtes Leben führen können. "Aufgrund der Angst in Schulen und auch in Kindergärten werden diese Kinder dann nicht zu Ausflügen, Sportveranstaltungen etc. mitgenommen bzw. wird ihnen der Besuch von Sondereinrichtungen empfohlen. Hier versuchen wir, bei entsprechenden Weiterbildungsveranstaltungen aufzuklären", so Martha Feucht vom AKH Wien.

Aber auch Erwachsene sind von Stigmatisierung betroffen, viele wagen es laut Experten nicht, den Arbeitgeber von der Erkrankung zu informieren. Frauen verzichten auf Kinder, obwohl eine Schwangerschaft bei guter medikamentöser Betreuung möglich ist. "Aufklärung" sei hier gefragt, so der Tenor, damit Epilepsie als behandelbare Krankheit akzeptiert wird.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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