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1936: Schild mit Aufschrift "Juden verboten!"

"Ich wünsche Ihnen viel Glück im Ausland!"

Die wenigen jüdische Studierenden, die nach dem "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland noch promovieren konnten, wurden mit einem Berufsverbot belegt. Die Folgen zeigen die Biografien zweier Mediziner: Roman Kawalek machte Karriere in den USA. Rita Smrčka landete im Konzentrationslager und überlebte dort den Krieg.

650 Jahre Uni Wien 24.07.2015

Unzählige jüdische Studenten und Studentinnen wurden nach dem März 1938 von der Universität Wien vertrieben. Zumindest einige, die ihr Studium zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen hatten, konnten in den Monaten danach an einer "Nichtarierpromotion" teilnehmen. Zu dieser Gruppe gehören die beiden Mediziner Rita Smrčka und Roman Kawalek. "Beide konnten zwar promovieren", sagt die Wissenschaftshistorikerin Katharina Kniefacz vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, "aber die Verleihung war mit zahlreichen symbolischen Diskriminierung verbunden und einem Berufsverbot im Deutschen Reich".

Berufsverbot im Deutschen Reich

Der Rektor erschien zu diesen "Nichtarierpromotionen" nicht im Talar, sondern im Anzug oder in der Tracht. Die Zeremonie wurde nicht in lateinischer Sprache abgehalten, sondern eine schlechte deutsche Übersetzung vorgetragen. Es durften weder Freunde noch Familie zur Feier eingeladen werden. "Ein Absolvent der Universität hat uns berichtet, dass ihnen der Rektor nur kurz die Hand geschüttelt, mit den Worten: Ich wünsche Ihnen viel Glück im Ausland!", berichtet Katharina Kniefacz.

Ö1-Sendungshinweis:

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Biografien:

Beide, Rita Smrčka und Roman Kawalek, versuchen nach ihrer Promotion, als Mediziner in Wien zu arbeiten. Das gelingt ihnen schließlich, zumindest kurzfristig, im Rothschildspital der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Doch beide wollen wegen der gefährlichen Situation emigrieren. Roman Kawalek gelingt es, im Juli 1939 über England in die USA zu fliehen. Sein Medizinstudium wird dort schnell angerechnet und er tritt der US-Armee als kommandierender medizinischer Offizier bei.

Gegen "Rassegesetze" verstoßen

Rita Smrčka gelingt es 1939 nicht, Österreich zu verlassen. Sie und ihr Lebensgefährte, Walter Krause, leben in ständiger Angst als Paar denunziert zu werden. Wegen der nationalsozialistischen Rassengesetze dürfen sie nicht heiraten.Sie ist Jüdin, er ein offener Gegner des Nationalsozialismus. Als solcher hat er mit dem "Anschluss" seinen wissenschaftlichen Posten an der ersten Anatomischen Lehrkanzel der medizinischen Fakultät verloren.

1940 bewahrheitet sich ihre Angst: Sie werden bei der GESTAPO anonym denunziert. Vor Gericht stehen beide zu ihrer Beziehung und sprechen sich explizit gegen den Nationalsozialismus aus. Walter Krause wird zu 18 Monaten Zuchthaus verurteilt und danach zu Wehrmacht abkommandiert. Er gelangt in amerikanische Kriegsgefangenschaft und bleibt bis zum Ende des Krieges in einem Gefangenenlager im US-Bundesstaat Kentucky.

Als Lagerärztin deportiert

Rita Smrčka wird am 24. September 1942 gemeinsam mit mehr als 1.000 Juden und Jüdinnen nach Theresienstadt deportiert. Nach zwei Jahren wird sie weiter nach Auschwitz gebracht und schließlich in ein Außenlager des KZ Flossenbürg in Bayern überstellt, wo sie Zwangsarbeiterinnen und andere weibliche Häftlinge medizinisch betreut. Eine Aufgabe, die ihr womöglich das Leben rettet. Im April 1945 erlebt sie dort die Befreiung durch die Rote Armee. Rund 200 Kilometer entfernt nimmt Roman Kawalek als kommandierender Offizier der US-Armee an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau teil.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt Roman Kawalek, der zahlreiche militärische Ehren für seinen Einsatz erhält, zurück in die USA. Er arbeitet als Chirurg in New Jersey, wo er 1998 stirbt.

Rita Smrčka und Walter Krause treffen einander 1946 in Wien wieder und heiraten im gleichen Jahr. Er kann seine Tätigkeit am Anatomischen Institut der Universität Wien wieder aufnehmen, wo er 1974 zum Ordinarius ernannt wird. Rita Krause tritt 1946 in den Dienst des Wiener Gesundheitsamtes ein.

"Als Soldat würde ich nicht schießen"

Rita Krause stirbt 2004 nach 58 Jahren Ehe, ihr Mann verstirbt 2007 im Alter von 97 Jahren in Wien. Zu den Dokumenten, die von den beiden couragierten Medizinern erhalten sind, gehören die Gerichtsakten aus dem Jahr 1940.
Darin befindet sich die Zeugenaussage des 30-jährigen Angeklagten Walter Krause: "Ich befinde mich mit dem Judentum nicht im Kriege. Zu der Frage, was ich von diesem Gesichtspunkte aus im Kriege als Soldat machen würde, kann ich nur sagen, ich bin Gott sei Dank Arzt und nicht Soldat. Auch im Kriege habe ich dem verwundeten Feind ebenso zu helfen, wie dem eigenen Verwundeten. Als Soldat würde ich in diesem Kriege nicht schießen."

Marlene Nowotny, Ö1-Wissenschaft

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