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Eine Krankenschwester des Zweiten Weltkriegs fährt in einem Jeep

Vertrieben und dann erfolgreich

Nach dem "Anschluss" Österreichs flohen viele jüdische Studierende nach England. Junge Frauen mussten dort oft als Krankenschwester arbeiten. Zwei von ihnen waren Wienerinnen, die später Karriere machten. Annie Altschul wurde eine Vorreiterin der Pflegewissenschaften, Elfriede Pichler-Dubois eine erfolgreiche Sprachwissenschaftlerin.

650 Jahre Uni Wien 14.08.2015

Diese beiden Biografien stehen im Mittelpunkt einer weiteren Folge der Ö1-Sommerserie zum 650-Jahrjubiläum der Universität Wien: "Wissenschaftlich exzellent, menschlich ein Vorbild".

Keine Promotion trotz Doktorarbeit

Als die Hitler-Truppen 1938 in Österreich einmarschieren, steht Elfriede Pichler kurz vor Beendigung ihres Französisch- und Lateinstudiums. Ende des Jahres liegt auch ihre Doktorarbeit fertig vor, doch promovieren kann sie an der Universität Wien nicht mehr. Ihre Mutter erkennt die ausweglose Situation und organsiert für sie einen Ausbildungsplatz als Krankenpflegeschülerin in England.

Elfriede Pichlers Eltern bleiben zurück in Österreich. Beide werden in der Folge deportiert: der Vater in ein polnisches Ghetto, die Mutter in das Konzentrationslager Theresienstadt und weiter nach Auschwitz. Beide werden von den Nationalsozialisten ermordet.

"Dieses Visum hat Elfriede Pichler das Leben gerettet", sagt Katharina Kniefacz vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, "aber es hat sie in den ersten zwei Jahren der Emigration beruflich sehr eingeschränkt." 1941 kann Elfriede Pichler ihr Studium in England wieder aufnehmen und zwar an der Universität Birmingham.

Eine Gruppe von Quäkern, die sich für die Integration von Immigranten engagierte, hatte sich dazu entschlossen, sie finanziell zu unterstützen und ihr eine Unterkunft besorgt. 1945 schließt sie ihr Französischstudium ab und arbeitet unter anderem als Lektorin an der Universität Newcastle. Dort wird sie bis zur ihrer Pensionierung 1978 wissenschaftlich tätig sein.

Drei Abschlüsse in drei Ländern

Porträtfotos von Annie Altschul und Elfriede Pichler-Dubois

Gedenkbuch Uni Wien

Annie Altschul und Elfriede Pichler-Dubois

Ö1 Sommerserie:

Das Dimensionen-Magazin widmet herausragenden Absolventinnen und Absolventen der Universität Wien anlässlich des 650-Jahrjubiläums eine Sommerserie: "Wissenschaftlich exzellent, menschlich ein Vorbild", bis zum 21. August, immer freitags, um 19.05 Uhr, in den Dimensionen.

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Biografien:

Bei einem Forschungsaufenthalten zu ihrem Fachgebiet – französische Literatur des 17. Jahrhunderts – in Paris lernt sie ihren späteren Ehemann kennen, Pierre Dubois. Auch hier beginnt sie ein literaturwissenschaftliches Studium, dass sie mit einem Doktor abschließt.

Und auch an der Universität Wien promoviert sie schließlich 1952 im Fach Romanistik. "Sie hat es geschafft, trotz der widrigen Umstände, drei akademische Titel zu erlangen, in drei europäischen Ländern und drei verschiedenen Sprachen", sagt Katharina Kniefacz, "und das ist wirklich herausragend."

Auch Annie Altschul gelingt es, sich in England eine Karriere als Wissenschaftlerin aufzubauen. Doch sie wechselt, anders als Elfriede Pichler-Dubois, ihren Forschungsgegenstand. An der Universität Wien hatte sie Mathematik und Physik inskribiert. Nachdem sie 1938 gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach London emigriert war, beginnt sie dort als Krankenschwester zu arbeiten. Angetrieben von ihrem großen Interesse für die Pflege psychisch Kranker inskribiert sie in London Psychologie.

"Was erst nur eine Notlösung war, um Österreich verlassen zu können, wird für Annie Altschul nicht nur zum Beruf, sondern auch zu einer Berufung", sagt der Wissenschaftshistoriker Herbert Posch von der Universität Wien.

Pflege psychisch Kranker revolutioniert

Ende der 1940er Jahre arbeitet Annie Altschul bereits als Ausbildnerin im Maudsley Hospital, einem weltbekannten psychiatrischen Zentrum. Sie unternimmt Studienreisen in die USA, nach Kanada und Australien, um dort einerseits wissenschaftlich zu arbeiten und andererseits zu sehen, wie die Pflege in diesen Ländern praktisch organisiert ist.

Bereits 1957 publiziert Altschul einen Klassiker der Pflegeliteratur, "Psychiatric Nursing - Psychiatrische Pflege", und fünf Jahre später ein weiteres Standardwerk, "Psychology for Nurses - Psychologie für Pflegende". Kurz darauf wird sie als Professorin für Pflegewissenschaften an die Universität Edinburgh in Schottland berufen.

In Ihren wissenschaftlichen Arbeiten analysiert Altschul die Beziehung zwischen den Pflegenden und den psychisch Kranken und kommt zu dem Schluss, dass routinemäßige Interaktion notwendig ist, um die Situation der Patienten tatsächlich verbessern zu können. Wissenschaftliche Ergebnisse, die nicht nur die praktische Arbeit des Pflegepersonals verändern, sondern auch die Pflegewissenschaften selbst vorantreiben.

Eine "progressive Vorreiterin"

Nach Österreich kehrt Annie Altschul ausschließlich für Vorträge zurück. "Die Entwicklungsmöglichkeiten, die sie in England hatte, hätte sie als Frau, als Pflegerin in Österreich nicht gehabt", betont Herbert Posch.

Nach ihrer Emeritierung 1983 beginnt Annie Altschul abermals zu studieren: Sie schließt ihr Mathematikstudium, das sie 1937 in Wien begonnen hatte, ab und arbeitet als ehrenamtliche Lehrerin in einer Volkschule. Sie stirbt 2001 in London.

Die britische Zeitung "The Guardian" würdigt sie wenig später mit einem Nachruf, als progressive Vorreiterin in der psychiatrischen Pflege und als lebenslange Fürsprecherin der persönlichen Autonomie.

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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