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Der Riesenbärenklau ist einer der bekanntesten invasiven Pflanzen in Europa

Vier Prozent aller Pflanzen sind eingewandert

Rund vier Prozent aller Pflanzen weltweit sind laut einer neuen Studie "Einwanderer", waren ursprünglich also an anderen Orten heimisch. Verbreitet werden sie vor allem durch den Menschen. Am meisten betroffen sind Inseln. In Österreich gibt es 300 "Neubewohner" - bei rund 3.000 Pflanzenarten insgesamt.

Botanik 20.08.2015

Was in der Flora (und auch in der Fauna) als "Neubewohner" gilt, hat viel mit Christoph Kolumbus zu tun. Als dieser 1492 seinen Fuß auf "amerikanischen" Boden setzte, hat er nicht nur einen neuen Kontinent entdeckt, sondern war auch Wegbereiter für die Artenwanderung.

Seine Entdeckung verstärkte nämlich den weltweiten Handel, wodurch viele Pflanzen teilweise absichtlich, aber auch unabsichtlich in andere Regionen verbreitet wurden.

Bis heute gilt 1492 als jener Zeitpunkt, der über die Einteilung in ursprüngliche und eingewanderte Pflanzenarten entscheidet, sagt der Biodiversitätsforscher Franz Essl vom Umweltbundesamt und der Universität Wien gegenüber science.ORF.at. Wie groß das Ausmaß der "Pflanzenwanderung" ist, hat Essl nun mit einem internationalen Team untersucht.

Die Studie:

"Global exchange and accumulation of non-native-plants" von Mark van Kleunen und Kollegen ist am 19. August in "Nature" erschienen.

Rund 13.200 Pflanzen eingebürgert

Die Forscher haben für ihre Studie Datensätze aus 481 Regionen auf dem Festland und 362 Inseln zusammengetragen. Aus ihnen ist dann eine globale Datenbank entstanden (GIoNAF): Die Gesamtzahl eingewanderter Pflanzen liegt ihr zufolge weltweit bei rund 13.200. Das entspricht rund vier Prozent der gesamten Anzahl an Arten.

Prozentuell gesehen klingt das zwar nicht nach viel, jedoch übersteigt diese Zahl der eingebürgerten Arten beispielsweise die rund 12.000 ursprünglichen Arten in Europa. Europa an sich ist jedoch vor allem ein großer Exporteur von Pflanzenarten. Durch die Kolonialisierung und in weiterer Folge die Globalisierung wurden viele Pflanzenarten verbreitet. Importiert hat Europa insgesamt ungefähr 4.000 Arten.

Ein Hotspot für eingeschleppte Arten sind vor allem Inseln. Durch die Isolierung und damit verbunden einer relativ geringen Anzahl an Arten bieten sie viele "ökologische Nischen", die von eingewanderten Pflanzen eingenommen werden können. Als Beispiel nennt Essl Hawaii, wo heute mehr nicht-heimische Pflanzenarten zu finden seien als ursprüngliche.

Die Stechginster (Ulex europaeus) in Neuseeland wurde in den frühen Phasen der europäischen Besiedlung eingeführt.

Pieter Pelser

Eine weitere Insel: Die Stechginster in Neuseeland wurde in den frühen Phasen der europäischen Besiedlung eingeführt

Neue Pflanzen in Österreich

Auch in Österreich gibt es neben den ungefähr 3.000 heimischen Arten rund 300 dauerhaft eingewanderte. Die meisten stammen aus Ostasien und Nordamerika. "Beide Regionen haben ein ähnliches Klima, und viele Arten, die dort vorkommen, können sich auch bei uns einbürgern", so Essl.

Die Verbreitung dieser Pflanzen wird in Österreich durch den Klimawandel verstärkt, sagt der Biodiversitätsforscher. "Österreich und auch andere mitteleuropäische Länder sind im Vergleich zu den Hotspots wenig betroffen. Aber es ist ein Phänomen, das sich in Österreich sehr rasant entwickelt." Die Klimaerwärmung mache es möglich, dass Pflanzen auch in höhere Regionen in den Bergen vordringen.

Positive und negative Folgen

Die Auswirkungen auf die ursprüngliche Natur sind unterschiedlich. Während viele Arten sich in einer neuen Region einbürgern, ohne dass man einen Unterschied bemerkt, gibt es auch invasive Pflanzen, die heimische Arten verdrängen, die Landwirtschaft beeinträchtigen oder gesundheitliche Auswirkungen haben.

Das Ragweed (Ambrosien) beispielsweise, das aus Nordamerika zu uns gekommen ist, blüht seit einigen Tagen - und noch bis September. Die Pollen dieser Pflanze beinhalten starke Allergene, die Heuschnupfen, Asthma und sogar Kontaktallergien auslösen können.

Ob eingewanderte Pflanzen nun generell "gut" oder "schlecht" sind, kann laut Essl nur schwer beantwortet werden. Ein gutes Beispiel dafür sei die Robinie. "Dieser Baum wird in Städten gerne als Zierpflanze verwendet, weil sie resistent gegen die Umweltbelastungen in der Stadt ist. Die Robinie kann so oft dort gepflanzt werden, wo heimische Baumarten nicht überleben würden." Außerdem stammt Akazienhonig vorwiegend aus den Blüten der Robinie. Andererseits werde der Baum außerhalb der Stadt zum Problem, weil er dort heimische Arten stark verdrängt.

Essl rät bei dem Thema übrigens zu einer vorsichtigen Wortwahl und verwendet den Begriff "fremde Arten" nicht - um in Zeiten von Asyldebatte und Co nicht politisch vereinnahmt zu werden. Der Fachbegriff tut es auch: Neophyten.

Claudia Chruszczcyk, Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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