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Ein Schnitt durch Zellgewebe

Wandernde Krebszellen besonders gefährlich

Sobald Krebszellen wandern können, werden sie richtig gefährlich. Denn durch die Bewegung verschaffen sich die Zellen mehr Platz und Nährstoffe, um schnell zu wachsen. Das berichten Forscher um den österreichischen Biomathematiker Martin Nowak von der US-Universität Harvard.

Modellrechnung 27.08.2015

Durch ihre Modellrechnung zeigten die Forscher, dass nicht nur das Stoppen des Wachstums, sondern auch die Einschränkung der Zellbeweglichkeit eine zielführende Krebstherapie sein könnte.

3-D-Modell einer Geschwulst

Die Studie:

"A spatial model predicts that dispersal and cell turnover limit intratumor heterogeneity" ist am 26. August 2015 in "Nature" erschienen.

"Wir haben dafür das erste mathematische Krebs-Modell entwickelt, bei dem die Evolution von Tumorzellen im dreidimensionalen Raum untersucht und dabei genetische Veränderungen berücksichtigt werden", erklärte Harvard-Forscher Martin Nowak im Gespräch mit der APA.

Die Forscher inspizierten anhand des Modells das "Innenleben" einer Krebsgeschwulst. Die vermutlich wichtigste Erkenntnis daraus sei, dass seine Zellen lokal wandern können und dies große Auswirkungen auf die Aggressivität des Tumors hat.

Mehr Platz durch Wanderungen

"Wenn die Zellen nicht kleine 'Wanderungen' durchführen könnten, dann käme es zu einem kugelförmigen und sehr langsamen Wachstum", sagte Nowak. In diesem Fall wäre es nämlich nur für die Tumorzellen an der Oberfläche einer Geschwulst möglich, sich zu teilen - im Inneren würde es ihnen an Platz und Nährstoffen dazu fehlen.

Durch kurze Wanderungen kommen sie aber immer wieder in neue Gebiete, wo sie die nötigen Ressourcen für rasches Wachstum finden, erklärte er. Anstatt eines großen Tumorballes entstünde so ein Konglomerat aus Tumorbällchen, was auch eher der Struktur einer realen Geschwulst entspricht.

Therapie: Beweglichkeit einschränken

Mit dem Modell und der Mobilität der Krebszellen könne man auch erklären, wieso Krebszellen bezüglich ihrer Mutationen sehr einheitlich sind, so Nowak. "Tumorzellen mit sogenannten Driver-Mutationen, das sind jene Veränderungen, die ihnen wirklich einen Vorteil bringen, können rasch wachsen und bald den ganzen Tumor durchdringen", sagte er. Ebenso sei die Zell-Mobilität dafür verantwortlich, dass bei einer Behandlung relativ bald Resistenz-Mutationen gegen zielgerichtete Therapien auftreten, erklärte der Biomathematiker.

Mit diesem Wissen sei es vielleicht möglich, Krebstherapien effektiver zu machen, so die Forscher in einer Aussendung der Harvard Universität. Man könne etwa versuchen, die Beweglichkeit der Krebszellen einzuschränken und nicht nur ihr Wachstum, wie dies bei Standardtherapien geschieht, schrieben sie.

science.ORF.at/APA

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