Standort: science.ORF.at / Meldung: "Was bei einem Tsunami im Mittelmeer geschieht"

Die Bucht bei Matala an der Südküste von Kreta

Was bei einem Tsunami im Mittelmeer geschieht

Erdbeben und Tsunami im Indischen Ozean haben 2004 mehr als 200.000 Opfer verursacht. Auch im Mittelmeer kam es in der Vergangenheit immer wieder zu derartigen Naturkatastrophen. Was passiert, wenn dort heute ein Tsunami auftritt, haben Forscher nun per Computer simuliert.

Geologie 28.08.2015

Gefährliche Beben alle 100 Jahre

Die Wahrscheinlichkeit dafür ist gar nicht so gering: Durchschnittlich alle 100 Jahre kommt es zu größeren Erdbeben im "europäischen Hausmeer" samt anschließenden Flutwellen, schreibt ein Team um den Geowissenschaftler Achilleas Samaras von der Universität Bologna in einer neuen Studie. Traurige Berühmtheit erlangte das Erdbeben unter der Meerenge von Messina, das 1908 rund 100.000 Opfer forderte.

Die Studie:

"Simulation of tsunami generation, propagation and coastal inundation in the Eastern Mediterranean" von Achilleas Samaras und Kollegen ist am 27. August in der Fachzeitschrift "Ocean Science" erschienen.

Generell sind Tsunamis eher im östlichen Mittelmeer häufig: Hier schiebt sich die afrikanische unter die eurasische Platte und löst dadurch immer wieder starke Erdbeben mit darauffolgenden Flutwellen aus. Vor der griechischen Insel Amorgos wurde 1956 etwa eine rund 25 Meter hohe Welle verzeichnet, auch hier starben Menschen.

Das Risiko für Leib und Leben ist an der Mittelmeerküste besonders hoch, da die Region sehr dicht verbaut ist. Rund 130 Millionen Menschen leben laut den Forschern unmittelbar am Meer. Und die Flutwellen brauchen nicht lange, um vom Epizentrum des Bebens bis an die Küsten zu gelangen – die Vorwarnzeit ist also sehr gering.

Beispiel Kreta

Um die Folgen eines Tsunamis in der Gegenwart zu berechnen, haben die Forscher nun ein neues Rechenmodell entwickelt. Sie gingen von einer Bebenstärke von 7,0 auf der Richter-Skala – das entspricht dem Messina-Beben – und Epizentren östlich von Sizilien bzw. südlich von Kreta aus. Ergebnis für das griechische Szenario: Die Flutwelle würde die Südküste von Kreta nach rund vier Minuten erreichen, die Südküste des griechischen Festlands nach etwas mehr als einer halben Stunde und die lybische Küste nach rund einer dreiviertel Stunde.

Der Tsunami würde sich danach bis Italien und Zypern fortbewegen. Am stärksten betroffen wäre logischerweise der Süden von Kreta: Laut den Forschern würden die unmittelbaren Küstenregionen von einer fünf Meter hohen Welle geflutet werden.

Auswirkungen des simulierten Tsunamis auf die Gegend rund um den Flughafen von Timpaki auf Kreta. Blau markiert sind die überschwemmten Gebiete.

Samaras et al., Ocean Science, Google Earth, 2015

In rot, orange und gelb die Höhenlinien der ausgesuchten Küstenregion

Das Bild oben zeigt die Auswirkungen des simulierten Tsunamis auf die Gegend rund um den Flughafen von Timpaki im Süden Kretas. Ein Gebiet von dreieinhalb Quadratkilometern würde unter Wasser stehen – dargestellt durch die blaue Farbe.

Wie viele Gebäude dabei zerstört oder Menschen ums Leben kommen würden, haben die Forscher nicht berechnet. "Die größte Wissenslücke bestand bisher darin, dass wir nicht wussten, was prinzipiell beim Aufprall eines Tsunamis an Küsten passiert", erklärte Achilleas Samaras gegenüber science.ORF.at. Diese Lücke sei nun gefüllt, allerdings nur für die zwei ausgewählten kleinen Bereiche auf Kreta bzw. Sizilien.

"In Zukunft wollen wir diese Szenarien natürlich auf größere Bereiche anwenden, um die Folgen für Menschen, Gebäude etc. einzuschätzen und den Behörden zu helfen, besonders verwundbare Gegenden besser zu schützen."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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