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Illustration des Ur-Stonehenge

"Ur-Stonehenge" mit 200 Steinen entdeckt

Die Steinkreise von Stonehenge im Süden Englands sind nicht die einzigen: Schon im Vorjahr berichteten Forscher von einem drei Kilometer entfernten "Ur-Stonehenge". Nun bestätigen und präzisieren sie das: Das steinzeitliche Gebilde bestand aus zumindest 200 bis zu 4,5 Meter hohen Steinen, ein Teil davon ist noch vorhanden.

Archäologie 07.09.2015

Es liegt unterhalb der steinzeitlichen Anlage von Durrington Walls. Gefunden haben die Wissenschaftler das Steinmonument ganz ohne Schaufel. Seit 2010 analysieren sie im Rahmen des Projekts "The Stonehenge Hidden Landscapes" ein zehn Quadratkilometer großes Gelände rund um Stonehenge Meter für Meter mit Bodenradar und Magnetometer. Diese geophysikalischen Methoden liefern unter anderem detailreiche 3-D-Bilder unterirdischer Gebäude und Anlagen.

Durrington Walls - das größte Steinmonument?

Bei "Henges" handelt es sich um steinzeitliche Anlagen, die aus einem runden oder ovalen Erdwall und einem innen liegenden Graben bestanden. Auf der Fläche im Inneren standen oft Stein- oder Holzpfahlkreise. Die wohl bekannteste derartige Anlage ist Stonehenge.

Knapp drei Kilometer von Stonehenge entfernt liegt Durrington Walls: Mit einem Durchmesser von 500 Metern (Stonehenge: 110 Meter) zählt es zu den größten Henge-Monumenten. Die Anlage besteht aus einem 1,5 Kilometer langen, 30 Meter breiten und bis zu drei Meter hohen Wall und einem innen liegenden, knapp 18 Meter breiten Graben. Im Inneren wurden bei früheren Grabungen die Überreste von zwei Holzpfahlkreisen ("timber circles") und Häusern gefunden.

Das Projekt

Das Forschungsprojekt ist eine Kooperation der Universität Birmingham, des Ludwig Boltzmann Instituts für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie (LBI) und der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien.

Sendungshinweis

Über das Thema berichteten auch die Ö1 Journale, 7.9., 7.00 Uhr.

Das Forschungsgelände in Stonehenge

LBI ArchPro, Wolfgang Neubauer

Das Forschungsgelände im Überblick

"Wir haben Hinweise, dass die Anlage von Durrington Walls in ihrer westlichen Hälfte von zumindest 200 Steinen umgeben war, wodurch sie das größte Steinmonument in Großbritannien darstellen würde", sagte Klaus Löcker von der ZAMG und dem LBI.

Tatsächlich vorhanden sind allerdings nur noch rund 40 bis zu 4,5 Meter hohe Steine, sonst sind nur mehr die Gruben zu erkennen, in denen sie aufgestellt waren. Aufrecht steht laut Löcker kein einziger Stein mehr, sie dürften umgelegt worden sein, als der Erdwall darüber errichtet wurde.

Steine liegen unter dem Wall

Bisher wurden nur im westlichen Teil des 1,5 Kilometer langen Walls Steine bzw. deren Überreste gefunden. Der Direktor des LBI, Wolfgang Neubauer, geht aber davon aus, dass nicht unter dem gesamten Wall Steine verborgen sind. "Ich bin überzeugt, dass das eine Steinreihe war, wie wir sie aus Carnac in Frankreich kennen", sagte er.

Bodenradaraufnahmen und eine Aufnahme durch elektrische Widerstandsmessung (r. oben) der untersuchten Fläche, auf der sich die Steine befanden

LBI ArchPro

Bodenradaraufnahmen und eine Aufnahme durch elektrische Widerstandsmessung (rechts oben) der untersuchten Fläche, auf der sich die Steine befanden

In unmittelbarer Nähe zu den im Untergrund verborgenen Steinen befindet sich eine noch heute erkennbare halbkreisförmige Kreidegesteinböschung, die von einem eiszeitlichen Fluss geformt wurde. In dieser Böschung finden sich leicht abbaubare Feuersteinbänke - für Neubauer der Grund, warum sich hier Menschen ansiedelten. Offensichtlich würdigten sie diese damals so wertvolle Ressource mit dem nun entdeckten Steinmonument, so die Interpretation der Archäologen.

Wohin die im Untergrund nicht mehr vorhandenen Steine verschwunden sind, von deren Existenz nur mehr die Fundamentgruben zeugen, ist unklar. Löcker hält es für "unwahrscheinlich, dass Steine, die in einer rituellen Landschaft wie Stonehenge schon einmal in Verwendung waren, nicht weiter genutzt wurden".

Älter als Stonehenge

Aufgrund der Radardaten gehen die Forscher davon aus, dass es sich bei den Monolithen im Untergrund von Durrington Walls mit hoher Wahrscheinlichkeit um Sarsensteine aus der Region handelt. Diese wurden auch für die eindrucksvollen Konstruktionen mit zwei Trag- und einem Deckstein (Trilithen) von Stonehenge verwendet.

Dass es weitere Steinmonumente im Umkreis von Stonehenge gab, wusste man bereits. So wurde vor einigen Jahren am Ende der sogenannten Stonehenge Avenue, die den berühmten Steinkreis mit dem Fluss Avon verband, das "Bluestonehenge" entdeckt - eine aus 27 Blausteinen bestehende Anlage. Allerdings sind davon keine Steine, sondern nur noch die Fundamentlöcher vorhanden.

Ein Forscher sucht den Boden mit einem Radargerät ab

LBI ArchPro - Gert Verhooven

Ein Forscher sucht den Boden mit einem Radargerät ab

"Mit den Steinen unter Durrington Walls haben wir also das erste große Steinmonument außer Stonehenge in der ganzen Landschaft entdeckt, wobei es mit zumindest 200 Steinen das größte Steinmonument in Großbritannien darstellt", so Löcker. Die neu entdeckte Anlage ist nach Meinung Neubauers "mit größter Wahrscheinlichkeit weit älter" als das 4.000 bis 4.500 Jahre alte Stonehenge.

science.ORF.at/APA

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