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Eine chinesische Mutter und ihr Kind machen ein Selfie

Die Angst, vom Handy verlassen zu werden

Egal, ob im Menschengewühl, beim Essen oder im Kino: Viele Zeitgenossen starren auf ihr Handy, auch wenn es unangebracht ist. Ihre Angst ist groß, nicht erreichbar zu sein oder Nachrichten zu versäumen. Besonders verbreitet ist diese Angst in Asien, heißt es in einer neuen Studie. Und die Betroffenen werden zunehmend jünger.

Nomophobie 10.09.2015

Diese Angst, von seinem Smartphone abgekappt und deshalb nicht up to date zu sein, hat bereits einen Namen bekommen: Nomophobie, ein Kunstwort, zusammengesetzt aus "No-Mobile-Phone-Phobie" und 2008 geprägt von der britischen Post, die das Verhalten ihrer Handykunden untersucht hatte. Bei der Studie mit mehr als 2.000 Teilnehmern erwies sich mehr als die Hälfte als "nomophob", Männer waren es noch stärker als Frauen. Nachfolgestudien kamen zu ähnlichen Ergebnissen mit zum Teil noch höheren Zahlen von Betroffenen.

Die Symptome der Nomophobie beschreibt Christa Pölzlbauer, die Vizepräsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie, so: "Entzugserscheinungen, wenn das Handy nicht vorhanden ist, extreme Unruhe, Nervosität, das Gefühl, dass man verlassen und unerreichbar ist, negative Gefühle bis hin zu Konzentrations- und Schlafstörungen."

Ein Viertel der Kinder Südkoreas ist handysüchtig

Die neue Studie zeigt, dass Nomophobe – zumindest in Asien – jünger werden. Laut dem Kommunikationswissenschaftler Jeong Se Hoon von der Korea University in Seoul und seinem Team besitzen 72 Prozent der Kinder im Alter von elf und zwölf Jahren in Südkorea ein Smartphone. Ein Viertel ist ihnen zufolge als handysüchtig zu bezeichnen. Kinder mit weniger Selbstkontrolle und einer größeren Anfälligkeit für Stress seien eher davon betroffen. Am meisten süchtig mache das Benutzen Sozialer Netzwerke wie Facebook und Twitter, schreiben die Forscher. Aber auch Spiele und andere Unterhaltung erhöhen das Risiko für Nomophobie.

In Asien ist das Phänomen besonders stark verbreitet, berichtete vor Kurzem die BBC. Slapstickartige Beispiele aus den vergangenen Jahren betrafen eine Chinesin aus der Provinz Sichuan, die durch ihr Handy abgelenkt in einem Kanaldeckel hängen blieb, und eine Taiwanesin, die von einem Pier in Australien ins Meer fiel, weil sie gerade auf Facebook war.

Die Studien

"What type of content are smartphone users addicted to?: SNS vs. games" von Jeong Se Hoon und Kollegen ist im September 2015 in der Fachzeitschrift "Computers in Human Behavior" erschienen, " Exploring the dimensions of nomophobia: Developing and validating a questionnaire using mixed methods research" auf der Website der Iowa State University (PDF).

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 10.9., 13:55 Uhr.

Ein kleiner chinesischer Bub macht auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking ein Selfie mit einem Selfie-Stick

APA/EPA/How Hwee Young

Ein Bub auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking

2,7 Milliarden der weltweit 4,7 Milliarden Handybenutzer leben in Asien, und nirgendwo ist der Anteil junger Menschen so groß wie dort. Das Handy wird oft zum einzigen Mittel für menschlichen Kontakt. "In manchen asiatischen Gesellschaften, in denen Schüler und Schülerinnen schwierige und zeitraubende Hausarbeiten schreiben müssen, und das ganz alleine, wird das Telefon zur einzigen Verbindung zu Freunden und zur einzigen Unterhaltungsquelle", schreibt die BBC. "Und deshalb kann es eine überproportionale Bedeutung erlangen."

In Österreich noch wenig Bewusstsein

Doch nicht nur Asien ist von dem Phänomen betroffen. Es tritt überall auf, wo es Handys gibt, also rund um den Globus. Wie viele Menschen es in Österreich sind, sei unklar, sagte Pölzlbauer gegenüber science.ORF.at. Es gebe dazu bisher keine Studien, aber eventuell auch ein fehlendes Bewusstsein. "Die ständige Erreichbarkeit wird oft als sinnvoll angesehen, sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich. Um sie zu garantieren, kann man leicht Vorsorge treffen, etwa indem der Akku des Handys immer aufgeladen ist. Das Bewusstsein, dass sich das zu einer Suchtkrankheit steigern kann, ist noch nicht stark verbreitet", sagte die Psychotherapeutin. Auch andere Abhängigkeiten wie die Internet- und Spielsucht hätten eine Zeit gebraucht, bis sie als Krankheiten problematisiert und entsprechende Therapien angeboten wurden.

Doch wo beginnt die Abhängigkeit vom Handy? Das ist wie so oft eine Frage der Menge. "Wenn man das Handy auch einmal weglegen kann, ist das ein guter Umgang. Wenn es aber Stress bedeutet, einmal ohne Handy zu sein und noch andere Symptome dazukommen wie Unruhe und Nervosität, dann wäre es gut, sich zu überlegen, wie man vernünftig damit umgeht, eventuell im Rahmen einer Kurztherapie", so Pölzlbauer.

Als ersten Hinweis könnte man einen Test verwenden, den die Universität von Iowa vor Kurzem präsentiert hat. Jener für das Nomophobierisiko beinhaltet Selbsteinschätzungen wie "Wenn der Akku meines Handys leer ist, macht mir das Angst" und "Wenn ich mein monatliches Datenlimit erreiche, gerate ich in Panik".

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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