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Mammuts und Mensch im Dämmerlicht

"Lebende Mammuts wären möglich"

George Church gilt als einer der Vorreiter der synthetischen Biologie. Er hält es für möglich, Neandertaler wieder zum Leben zu erwecken. Durch Klonen ließen sich auch Zoos mit ausgestorbenen Tieren à la "Jurassic Park" füllen, Mammuts inklusive. In einem Interview spricht er über Nutzen und Risiken des Manipulierens lebender Organismen.

Biologie 17.09.2015

APA: Kürzlich meldeten sich nach einem Interview - und dem Missverständnis, dass dies bereits möglich sei - Hunderte Frauen bei Ihnen, dass sie als Leihmütter für geklonte Neandertaler-Babys zur Verfügung stünden. Offensichtlich unterstützen die Leute diese Idee, die Sie in ihrem Buch "Regenesis" aufgebracht haben. Würden Sie so etwas tun, wenn es schon möglich wäre?

George Church im Porträt

Associated Press

George Church forscht an der Harvard Medical School (USA). Er war etwa am "Human Genome Project" beteiligt und machte sein eigenes Erbgut im "Personal Genome Project" als erstes öffentlich. Am Mittwoch hielt er am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien eine Vorlesung und spricht heute, Donnerstagabend an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

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George Church: Das passierte nach einem Interview im "Technology Review", einem Magazin meiner eigenen Institution. Die Leute dort glaubten, es sei ein so offensichtlicher Scherz, dass dies alle verstehen würden, und schrieben als Schlagzeile: "Gesucht: Leihmutter für Neandertaler-Baby". Ich glaube, so etwas würde aber zurzeit kein Wissenschaftler machen. Das aktuelle Umfeld unterstützt keine Art von menschlichem Klonen. Wir diskutieren ja sogar die Keimbahntherapie bei sehr kranken Kindern, um sie vor Sachen wie Thalassämien (genetische Erkrankungen der roten Blutkörperchen, Anm.) zu bewahren.

Erst wenn wir extrem vertraut mit dieser Art von Medizin sind, können wir überhaupt daran denken, Menschen zu klonen. Für alles, was risikoreich ist, braucht man einen wirklich guten Grund. Und den gibt es hier aktuell nicht. Man könnte damit die ethnische Vielfalt erhöhen, aber das ist im Vergleich zum derzeit sehr hohen Risiko viel zu vage. Wenn das Risiko sinkt und wichtige Gründe auftauchen, werden die Leute solche Sachen aber sicherlich noch einmal überdenken.

Wäre es denn technisch schon möglich, ausgestorbene Menschenarten und Tiere zu klonen und damit wiederzuerwecken?

Wir glauben in der Tat, dass es schon möglich ist, ausgestorbene DNA wieder zum Leben zu bringen. Darum haben wir sechzehn Allele (Anm.: Genvarianten) vom Mammut in Elefantenzellen gebracht. Diese Teile ausgestorbener DNA sind nun in Zellen wieder lebendig. Damit könnte man zum Beispiel Kälte-resistente Elefanten machen, und die Gebiete der asiatischen Elefanten, die aktuell bedroht sind, vergrößern, um ihnen eine neue Heimat zu bieten. Ich glaube, das wäre innerhalb der heutigen technischen Möglichkeiten machbar.

In Ihrem Buch schlagen Sie auch einen Tierpark für ausgestorbene Arten wie das Mammut vor. Wird so etwas in den kommenden Jahrzehnten Realität?

Wie schnell so etwas passieren kann, hängt davon ab, wie begeistert die Leute darüber im ökonomischen Sinn werden. Die Bisons waren zum Beispiel fast ausgestorben, und es gab auf der ganzen Welt nur mehr ein paar Hundert davon. Nun sind es eine halbe Million, weil die Leute die wirtschaftlichen Möglichkeiten damit entdeckten.

George Church hinter einem Computer

Associated Press

George Church an der Harvard Medical School

Gibt es große Nutzen, die man von der synthetischen Biologie in der nahen Zukunft erwarten kann?

Die offensichtlichste Sache ist meiner Meinung nach, dass man mit einer Technik namens "Crispr" die Gentherapie bei Menschen präziser machen konnte, als je zuvor. Ein großer Teil der Krankheiten kommen von seltenen Genvarianten, die man so ändern könnte. Aber auch Allele, die wir alle gemeinsam haben, wie etwa fürs Altern. Es wäre doch sehr effektvoll, wenn man die Alterungsprozesse beim Menschen umkehren könnte. Ich glaube, die synthetische Biologie bietet solche Möglichkeiten.

Zum Beispiel werden auch Schaltkreise derzeit so winzig, dass man sie mit den Methoden der Elektronik kaum mehr herstellen kann. Die synthetischen Biologie und ihre molekulare Techniken könnten uns helfen, dass wir bessere Computer bekommen. Der großartigste Computer auf dieser Welt ist ja das menschliche Hirn, und das ist ein solcher molekularer Computer.

Natürlich gibt es auch Bedenken, lebendige Organismen zu manipulieren und damit Dinge zu konstruieren - in Europa vielleicht mehr als anderswo. Wie berechtigt ist für Sie solche Kritik?

Ich finde, Europa ist bei genetisch veränderten Organismen (GVO) eigentlich sehr progressiv. Es hat den Ruf, GVO nicht zu mögen, aber man hat hier eigentlich alles davon begrüßt, was irgendeine medizinische Bedeutung hat. Es gibt dutzende therapeutische Proteine, die in Bakterien oder anderen Zellen hergestellt werden, wie Erythropoetin (EPO), Insulin oder der Blutgerinnungsfaktor A. Sie werden hier täglich von Menschen eingenommen, die so etwas benötigen. Europa ist auch der erste Ort, wo Gentherapien zugelassen wurden. 2000 davon sind im klinischen Versuchsstadium, aber nur eine wurde zugelassen, und zwar mit "Glybera" (dies kann eine seltene genetische Störung beheben, die schwere Bauchspeicheldrüsenentzündungen hervorruft, Anm.).

Von diesem Standpunkt aus führt Europa bei den genetischen Veränderungen. Was man hier aber kritisiert, ist gentechnisch verändertes Essen. Das ist nur eine sehr spezielle Nische. Und ich muss zustimmen, gentechnisch veränderte Nahrungsmittel haben einen sehr geringen Nutzen. Ihr Risiko ist zwar nahe Null, aber nicht ganz bekannt. Ich selbst konzentriere mich auf Sachen, die einen hohen Nutzen haben, dann muss man nicht ein Null-Risiko erreichen, sondern man kann mit einem angemessenen Risiko arbeiten.

Könnte man die Leute überhaupt davon abhalten, lebendige Organismen für verschiedene Anwendungen zu verändern? Wenn es in einem Land nicht möglich ist, würden sie es in einem anderen tun.

Die Gesetze sind weltweit recht einheitlich. Wenn man nach China, Europa und die USA sieht, gibt es hier kaum Unterschiede. Was vielleicht nicht so gut durchgesetzt werden kann, sind die Regeln zur Stammzelltherapie. Aber ich denke, auch hier werden die Behörden aufholen. Wir sollten dafür sorgen, dass ihre Standards in der ganzen Welt so einheitlich wie möglich sind. Nicht nur bezüglich der menschlichen Gesundheit, sondern auch für den Umweltschutz.

Die synthetische Biologie hat, seitdem es dieses Konzept gibt, die Erwartungen stets hoch gehalten. Die Resultate kamen nicht immer so schnell, wie versprochen. Mussten die Bio-Ingenieure erst lernen, dass der Fortschritt langsamer kommt, als zunächst angenommen?

Langsam ist gut! Ich mag langsam. Ich mag Regulationen. Aber ich glaube, "langsam" ist nicht, wie es derzeit passiert. Die Kosten für das Sequenzieren und Synthetisieren sinken exponenziell. Das ist gut, von einem egalitären Standpunkt aus gesehen, denn die guten Techniken sind damit nicht nur den Reichen vorbehalten. Aber dadurch geschehen die Dinge schneller, als wir und unsere Politiker sie in den Griff bekommen können. Das spricht für eine besser informierte Bevölkerung und mehr Wissenschaftler und Technologen in politischen Büros. Es wäre gut, wenn wir die Entwicklung etwas verlangsamen könnten.

Bei der Gentherapie war man vielleicht etwas langsamer als angenommen. Aber wenn man daran denkt, wie wichtig es ist, sie medizinisch einwandfrei hinzubekommen, ging auch das recht rasch. 2003 gab es die ersten Misserfolge, und 2015 haben wir 2.000 klinische Versuche, die erfolgsversprechend aussehen. Ich glaube das ist nicht schlecht, für ein bisschen mehr als eine Dekade.

Auch bei gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln ließen die Vorteile auf sich warten. "Golden Rice" (er enthält durch eine gentechnische Veränderung mehr Provitamin A, um den in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern häufigen Vitamin-A-Mangel zu bekämpfen, Anm.) ist hier vielleicht die erste Anwendung, die wirklichen Nutzen bringt. Die meisten anderen hatten recht abstrakte Vorteile, etwa Kostenvorteile für die Bauern und Saatguthersteller. Aber "Golden Rice" kann tatsächlich Menschenleben retten.

Interview: Jochen Stadler/APA

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