Standort: science.ORF.at / Meldung: "Der echte und der literarische Kant"

Szeneausschnitt aus dem Stück "Immanuel Kant" von Thomas Bernhard 2009 im Wiener Burgtheater: Kant feixt und hält einen Finger in die Höhe

Der echte und der literarische Kant

Ein etwas trotteliger älterer Herr, dessen bester Freund ein Papagei ist, der all seine Werke nachplappern kann: So hat Thomas Bernhard den Philosophen Immanuel Kant in seiner gleichnamigen Komödie skizziert. Die Theaterfigur habe nur in Nuancen mit dem echten Kant zu tun, meint die Philosophin Violetta Waibel.

Philosophie 21.09.2015

Bernhards Figur sei aber typisch für eine bestimmte Art, wie Schriftsteller – speziell aus Österreich – mit dem Königsberger Denker umgegangen sind. Generell habe Kant nicht nur seine eigene Zunft inspiriert, sondern auch die Kollegen und Kolleginnen aus der Literatur.

Waibel hat den internationalen Kant-Kongress organisiert, der diese Woche an der Universität Wien stattfindet. In seinem Rahmen wird auch eine Ausstellung eröffnet und ein neues Buch zur Kant-Rezeption in Österreich vorgestellt.

science.ORF.at: In dem Buch erfährt man einige erstaunliche Dinge: Etwa dass Grillparzer eine Kant-Lektüre zur Beruhigung der Nerven empfohlen wurde. Wie medizinisch wertvoll ist es denn, Kant zu lesen?

Violetta Waibel: (lacht) Ich forsche vor allem zu Kants theoretischer und ästhetischer Philosophie. Diese Aspekte, auf die Sie anspielen und die sich im Zuge der Buchrecherche ergeben haben, waren also erst einmal amüsant. Sie regen aber auch zum Nachdenken an. Es war so: Joseph Schreyvogel, der spätere Leiter des Hoftheaters, hat Grillparzer, empfohlen Kant zu lesen. So wie er das selber auch getan hat, quasi als psychologische Kur. Was die beiden fasziniert hat, war die klare Sprache und Rationalität Kants. Die beiden hatten natürlich ein Problem mit ihrer Emotionalität, die Psychoanalyse war noch nicht erfunden. Da war es ein probates Mittel, sich an die Vernunft zu halten, den klaren Geist. Das hat auch Schiller geholfen.

Wie war das bei ihm?

Bei Schiller war es weniger eine Frage dieser Diät. Er hat 1791 intensiv begonnen, Kant zu lesen, und war sehr begeistert. Dann wurde er schwer krank und dachte, er müsse sterben. Im "Sterbebett" ließ er sich Stellen aus der "Kritik der Urteilskraft" vorlesen, bei denen es um Unsterblichkeit geht.

Das hat offenbar gewirkt.

Ja, er kam wieder zu Kräften und hat immerhin noch 14 Jahre lang gelebt. Es ist historisch nicht überliefert, ob das an der Lektüre Kants lag, aber: Wer weiß, was eine gute Stimulierung des Geistes bewirkt, wenn man schwer krank ist?

Violetta Waibel ist Professorin für Europäische Philosophie und Continental Philosophy am Institut für Philosophie an der Universität Wien. Vom 21. bis 25 September findet dort der 12. Internationale Kant-Kongress statt.

Links

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin: 18.9., 19:05 Uhr.

Die Philosophin Violetta Waibel im Ö1 Studio

ORF, Lukas Wieselberg

Violetta Waibel im Ö1 Studio

Schiller und andere Zeitgenossen haben den "klaren Geist" von Kant nicht nur geschätzt, sondern ihm auch vorgeworfen, dass er ein Despot der Vernunft war. Warum?

Das würde ich auch heute noch an Kant kritisieren. Zum einen begründet er die Moral sehr überzeugend in der reinen praktischen Vernunft. Zum anderen lässt er aber diese Vernunft die Emotionen und alle Anfechtungen aus dem Bereich des Sinnlichen beiseiteschieben. Dabei wissen wir seit Spinoza – also lange vor Kant – und erst recht heute, dass das nicht so einfach ist. Kant hat keine Theorie dafür entwickelt, wie man mit seinen Gefühlen umgehen soll. Das blieb Geschäft des Einzelnen. Schiller war der erste, der Kant deshalb moralischen Rigorismus vorgeworfen hat.

Die beiden haben sich aber intensiv auseinandergesetzt und wertgeschätzt. Kant blieb dabei, dass Moral nur in der Vernunft begründet sein kann und Maximen des Handelns reine Vernunfturteile sein müssen. Das hat Schiller akzeptiert, aber ein zusätzliches Angebot gemacht: Nämlich, dass es nicht nur wichtig ist, dass wir uns als Vernunftwesen entwickeln, sondern auch als sinnliche Wesen, die ihre Emotionen kennenlernen. Das war letztlich die Idee seiner ästhetischen Erziehung - eine Balance zu finden zwischen Sinnlichkeit und Vernunft.

Wie hat sich der Einfluss Kants auf die Werke Schillers ausgewirkt?

In seinen späteren Dramen sind überall Figuren zu finden, die auf Basis der Kantischen Moralphilosophie handeln. Etwa die "Jungfrau von Orléans": Sie verstrickt sich in das Für und Wider von reiner Pflicht und Neigung, als sie sich in Lionel verliebt; nach weiteren dramatischen Verstrickungen opfert sie sich schließlich für den Sieg der Franzosen gegen die Engländer und stirbt mit einer inneren Größe und Würde – in einer Art und Weise, wie sich Schiller vorgestellt hat, dass die Kantische Idee des Erhabenen in der Tragödie zur Darstellung zu bringen ist. Johanna akzeptiert, was ihr in dieser Situation an Möglichkeiten geboten ist, sie akzeptiert ihr Schicksal.

Im "Don Carlos" ist der Marquis von Posa eine sehr Kantische Figur, obwohl Schiller zum Zeitpunkt des Verfassens Kant noch gar nicht so genau studiert hatte – aber er war ja selbst ein strenger Moralist. Kant musste ihm wie gerufen kommen. Der Marquis bietet den Mächtigen die Stirn, er lässt sich nicht von Philipp II. "einkassieren", sondern erklärt ihm, dass er unabhängig und frei bleiben will. Hier ist das Kantische Gebot der Selbstbestimmung enthalten. Der Marquis gibt letztlich sein Leben hin, damit er Don Carlos retten kann. Das ist alles sehr im Sinne von Kants Idee einer moralischen Autonomie und Selbstbestimmtheit gehandelt.

Bei Schiller gibt es inhaltliche Anknüpfpunkte, aber wie ist das allgemein bei den Schriftstellern: Verwenden sie Kant eher als Lieferant von Ideen oder interessiert sie eher die Person des Philosophen?

Ich komme ja aus der Idealismusforschung in Deutschland, und da ist es klar, dass ein Schiller, ein Goethe, ein Hölderlin und ein Kleist sehr intensiv Kantische Schriften studiert und daraus ihre eigenen Dinge entwickelt haben. In Österreich scheint mir das anders: Hier haben sich die Schriftsteller nicht so sehr um den Kantischen Buchstaben gekümmert, sondern eher um seine Persönlichkeit. Zudem wird er hier oft als "der Deutsche" oder "der Preuße" wahrgenommen, der im Gegensatz zum Österreichischen steht. Auf der einen Seite die preußische, reine, exakte Vernunft, auf der anderen das österreichische Laissez-Faire.

Besonders zeigt sich das bei Thomas Bernhards Komödie "Immanuel Kant": Die Genauigkeit seines Titelhelden wird dort als Mix zwischen Pedanterie und Irrsinn gezeigt. Bernhards Kant ist sehr nett zu seinem Papagei, der all seine Werke auswendig aufsagen kann, aber sehr herrisch gegenüber seinem Diener. Wie sehr trifft dies Kants wahre Biografie?

Bernhards "Immanuel Kant" ist eine Karikatur, in der man ihn nicht wiedererkennen kann. Es gibt aber ein paar Züge, in denen man Kants Wesen durchscheinen sieht. Man kann die Genauigkeit, mit der er seine Schriften verfasst hat, natürlich auch als Pedanterie betrachten. Kant war sicher nicht so ungut im Umgang mit seinen Mitmenschen, er ist laut seinen Biografen eher ein angenehmer Zeitgenosse gewesen. Er kannte wohl seinen Wert, weshalb ihm auch eine gewisse Eitelkeit nachgesagt wird, hatte aber einen feinen Humor. Er hatte nichts Zynisches oder Böses, das ist eine Zugabe von Bernhard.

Szenenausschnitt aus "Immanuel Kant" von Thomas Bernhard im Wiener Burgtheater: Kant im Lehnstuhl, daneben sein Papagei Friedrich

APA - Barbara Gindl

Szenenausschnitt aus "Immanuel Kant" m Wiener Burgtheater 2009: Kant im Lehnstuhl, daneben sein Papagei Friedrich

Eine der wichtigsten und bekanntesten Aussagen Kants ist: "Bediene dich deines Verstands – sapere aude!". Kritisiert Bernhard dieses Aufklärungsmotto auf gefinkelte Weise in der Figur des Papageis, den sein Kant als einzig Ebenbürtigen sieht, weil er ihm alles nachplappert – das Gegenteil davon, sich seines Verstandes zu bedienen?

Ich weiß nicht, inwieweit es Bernhard wirklich um eine Kant-Kritik geht. Für ihn ist Kant eher ein Prototyp für die Vernünftigkeit. Und da würde ich zustimmen, dass der Papagei der Inbegriff dessen ist, was an vernünftigen Gedanken entfaltet worden ist – er hat alle Vorlesungen und Bücher im Kopf. Ich glaube, Bernhard hat da etwas zum Ausdruck gebracht, was typisch ist für viele österreichische Schriftstellerkollegen: Darauf hinzuweisen, dass es nicht ausreicht, große Bücher der Metaphysik zu lesen oder gar bloß zu besitzen, sondern auf das wirkliche Leben hinzuweisen. Und das lernt man nicht aus Büchern.

Dennoch werden Sie vermutlich sagen, dass es auch heute noch wichtig ist, Kants Bücher zu lesen. Warum eigentlich?

Weil er eine bedeutende Philosophie entwickelt hat. Wer heute etwa gegen die Thesen der Neurowissenschaften angehen will – von wegen, "der Mensch habe keine Freiheit" –, der kann bei ihm wichtige Argumente finden.

Welche?

Kant hat gezeigt, dass wir mindestens zwei Ebenen berücksichtigen müssen, wenn wir über Freiheit sprechen. Es gibt den durchgängigen Kausalmechanismus, mit dem wir naturwissenschaftlich vieles erklären können - auch das Gehirn. Aber damit verstehen wir nicht, was wir als geistige und vernünftige Wesen sind, die sich metaphysische Ideen zuschreiben und die daran festhalten wollen. Kant zeigt, dass diese beiden Ebenen miteinander kompatibel gedacht werden können und müssen. Andernfalls reduzieren wir uns auf ein tierisches Bewusstsein.

Was fällt Ihnen als zweites ein, das Kant heute noch wertvoll macht?

Die Schrift "Zum Ewigen Frieden" von 1795: Hier hat Kant ein Weltbürgertum grundgelegt und die Vision einer von Kriegen befreiten Welt entwickelt. Diese Schrift ist maßgeblich verantwortlich dafür, dass sich die Europäische Union entwickelt hat. Ihre Gründungsväter haben von Kant das eine oder andere gelernt. Generell: Wer ein genaues Denken lernen will, ist gut bei Kant aufgehoben. Man muss nicht immer mit seinen Argumenten einverstanden sein. Er hat sie aber so scharf formuliert, dass das eine gute Denkschule ist.

Trotz scharfer Formulierungen: Kant lesen ist alles andere als einfach. Der "Zögling Törleß" von Robert Musil scheitert daran, in "Malina" schreibt Ingeborg Bachmann, dass es dazu einer Leistung von 60 Watt bedürfe. Wieviel Watt haben Sie gebraucht?

In Watt kann ich das nicht genau sagen. Kants Schriften sind nicht ganz einfach zu lesen, weil er eine komplizierte Sprache hat. Aber: Zu seiner Zeit haben die Menschen schon mit fünf, sechs Jahren Latein gelernt. Das entwickelt eine ganz andere Gehirn- und Denkstruktur, als wir heute gewohnt sind. Ich denke, das ist ein wichtiger Hintergrund, warum wir seine Sätze heute für so kompliziert halten. Es ist ein bisschen wie Englisch lernen. Man kann die Sprache schnell erlernen. Um sie aber wirklich gut zu verstehen, braucht es seine Zeit.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: