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Alter Mann greift sich an den Kopf

Hängen Diabetes und Alzheimer zusammen?

In 15 Jahren werden rund 260.000 Menschen in Österreich dement sein - doppelt so viele wie heute. Eine mögliche Ursache: Immer mehr Menschen leiden an Übergewicht und erhöhtem Blutzuckerspiegel. Letzterer könnte Gehirnzellen schädigen und zu Alzheimer führen.

Medizin 21.09.2015

Bei der bis heute unheilbaren Krankheit Alzheimer sterben Hirnzellen ab, das Gedächtnis geht verloren, das Wesen des Betroffenen verändert sich. Seit langem versucht die Wissenschaft zu verstehen, warum das so ist. Jetzt legen Studie nahe, dass es einen direkten Zusammenhang bei der Entstehungsgeschichte von Diabetes und Alzheimer gibt. Der Zusammenhang sei vermutlich die sogenannte Insulin-Resistenz, sagt Stoffwechselexperte Bernhard Ludvik:

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet auch das Ö1-Mittagsjournal, 21.9.2015, 12.00 - 13.00 Uhr.

"Das Insulin soll Zucker in die Zelle schleusen. Bei Diabetes wussten wir das ja bereits, dass Resistenzen gegenüber Insulin auftreten können. Das ist deutlich bewiesen für das Fettgewebe, für das Muskelgewebe und auch für die Leber. In der letzten Zeit zeigt sich, dass dieser Mechanismus auch für das Gehirn gilt, das heißt: Wir beobachten auch in Neuronen Insulinresistenzen - und dadurch eine verschlechterte Verstoffwechselung von Glucose, also von Zucker."

Zellen sterben an "Überflutung"

Auch Andreas Winkler, Neurologe und Demenz-Experte, kennt die aktuellen Studien. Wenn das Gehirn Zucker nicht mehr richtig verarbeiten kann, ist auf einmal zu viel Zucker im Gehirnstoffwechsel vorhanden. Die Folge: Die Zellen können absterben.

"Der Glucose-Stoffwechsel führt dazu, dass letztendlich die Nervenzellen ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen können dadurch untergehen. Der Zusammenhang dürfte sein, dass eine permanente langjährige Überflutung durch Glucose den Insulinrezeptor schädigt und dieser seine Funktion einstellt." Eine weitere Folge des gestörten Gehirnstoffwechsels sind Eiweißablagerung, sogenannte Amyloid-Plagues, die typisch für das von Alzheimer betroffenem Gehirn sind.

Gesunder Lebensstil hilft

Diese aktuellen Erkenntnisse - sagt Neurologe Andreas Winkler - heißen aber nicht automatisch, dass jeder Übergewichtige oder Diabetiker Alzheimer bekommen wird. Andere Faktoren, wie Bluthochdruck, Blutfette und Bewegungsmangel seien ebenfalls relevant. Ebenso die Genetik, sagt Stoffwechsel-Experte Bernhard Ludvik, die aber nur im geringen Ausmaß:

"In höherem Alter ist Demenz natürlich recht häufig. Ich denke aber doch, dass man durch einen gesunden Lebensstil Demenz verhindern oder verzögern kann. Das gleiche gilt natürlich auch für Diabetes - das geht Hand in Hand. Ein gesunder Lebensstil verhindert oder verzögert den Ausbruch von Diabetes und Alzheimer in praktisch gleichem Maß."

Ludvik ist überzeugt, dass man auch im hohen Alter einen relativ normalen Blutzuckerspiegel haben kann und nicht Gefahr läuft, dement zu werden.

Gudrun Stindl, Ö1-Wissenschaft

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