Standort: science.ORF.at / Meldung: "Der Barsch im Schafspelz"

Schuppenfresser Plecodus straeleni unter Wasser

Der Barsch im Schafspelz

Ein Buntbarsch aus dem afrikanischen Tanganjikasee hat eine besonders ausgefuchste Methode entwickelt, um seinen täglichen Kalorienbedarf zu decken: Er "verkleidet" sich als harmlose Spezies, nähert sich anderen Fischen - und frisst ihnen die Schuppen vom Leib.

Verhalten 23.09.2015

Wer meint, die Kunst der Imitation habe erst durch Rolex-Uhren und Louis-Vuitton-Taschen ihre Blüte erreicht, sollte einen Blick ins Tierreich riskieren. Dort gibt es Imitate schon seit Millionen Jahren, mitunter sind Kopie und Original selbst für Kenner der Materie kaum zu unterscheiden.

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet auch "Wissen aktuell", 24.9.2015, 13.55 Uhr.

Etwa bei Schmetterlingen aus den Familien der Edelfalter und Weißlinge. Unter ersteren gibt es einige, die giftig sind oder zumindest ekelhaft schmecken. Vögel merken sich das und streichen die ungenießbaren Arten aus ihrem Speiseplan, denn zu erkennen sind sie aufgrund ihrer typischen Musterung recht einfach. Ein Umstand, den sich wiederum die ungiftigen Weißlinge zu Nutze machen.

Sie gleichen den Edelfaltern äußerlich bis aufs Haar, bzw. in diesem Fall: bis auf die Schuppe - und werden daher ebenfalls von den Vögeln in Ruhe gelassen. "Mimikry" nennen Zoologen derlei Täuschungsmanöver.

Lieblingsspeise: Schuppen

Es geht auch umgekehrt. Der Buntbarsch Plecodus straeleni gibt sich harmlos, ist aber in Wahrheit ein unangenehmer Zeitgenosse - zumindest für jene Fischarten, an denen er sich gütlich tut. Plecodus frisst nämlich die Schuppen von anderen Fischen: Diesen nähert er sich möglichst unauffällig von hinten, stößt dann blitzartig zu und reißt ihnen ein paar Schuppen aus der Flanke (siehe Video).

(c) Video: H. Büscher/Uni Basel

Video abspielen

Und nachdem sich das die anderen Fische nicht so ohne weiteres gefallen lassen, muss die Aktion schnell und sauber vor sich gehen. Das stellt der Tanganjika-Schuppenfresser durch diverse Anpassungen im Dienste des Angriffs sicher. Die Zähne sehen aus wie kleine Rechen, der Mund ist asymmetrisch gebaut, damit das seitliche Zuschnappen noch präziser funktioniert. Wie Walter Salzburger von der Uni Basel herausgefunden hat, gibt es bei dieser Art sogar zwei unterschiedliche Typen: Die einen greifen nur von links an, die anderen von rechts, und ihre Mäuler sind dementsprechend geneigt.

Blaue Streifen als Verkleidung

Damit der Schuppenfresser überhaupt so nahe an seine Beute herankommen kann, bedarf es freilich entsprechender Tarnung. Plecodus trägt blaue Streifen - die gleichen wie zwei andere Buntbarscharten namens Neolamprologus sexfasciatus und Cyphotilapia gibberosa. Warum? Naheliegende Vermutung: weil er es auf die Schuppen der beiden abgesehen hat. Das hat Salzburger nun überprüft.

Der aus Österreich stammende Zoologe hat Schuppenfressern den Bauch aufgeschnitten und nachgesehen, welche Schuppen sie tatsächlich fressen. "Unsere Methode könnte man forensische Zoologie nennen", sagt Salzburger im Gespräch mit science.ORF.at. Denn äußerlich erkennen könne man an den Schuppen im Magen nicht mehr viel, sehr wohl aber an ihrem genetischen Fingerbadruck. Dieser zeigt: Plecodus frisst sich gewissermaßen durch das ganze Artenspektrum des Tanganjikasees, von wem die Schuppen stammen, dürfte ihm mehr oder weniger egal sein.

Dass er sich die blauen Streifen zugelegt hat, dürfte wohl mit der Ernährungsweise seiner optischen Vorbilder zu tun haben. Die beiden Arten fressen Schnecken bzw. Shrimps und gelten in der Fischgemeinschaft daher als harmlos. Von diesem friedfertigen Image profitiert wiederum der Schuppenfresser, er ist quasi ein Wolf im Schafspelz, nur eben in aquatischer Ausführung.

"Stimmt nicht ganz", sagt Salzburger. "Dieser Wolf frisst nur ganz selten Schafe. Er ist eher ein Wolf im Schafspelz, der Ziegen jagt." Diesen Satz hatte Salzburger auch in seinem ersten Entwurf des Forschungsberichts notiert. Doch die Reviewer des Fachblatts "Biology Letters" strichen ihn wieder, erzählt der Zoologe: "Es war ihnen wohl zu wenig wissenschaftlich."

Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: