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Frau sitzt im Bett und isst Pizza und Chips

Essverhalten wird zunehmend chaotischer

Frühstück, Mittag- und Abendessen - das war einmal. Zumindest in den USA essen heute die meisten Menschen völlig unregelmäßig und über einen Zeitraum von mehr als 15 Stunden hinweg. Das zeigt eine Studie, bei der Forscher das Essverhalten Freiwilliger per Handy-App dokumentiert haben.

Erratisch 25.09.2015

Für die Untersuchung baten Wissenschaftler des Salk Institute for Biological Studies in San Diego (Kalifornien) mehr als 150 Personen, ihr Essen über drei Wochen hinweg zu fotografieren. Zugleich sammelten sie mittels einer App die zeitlich und örtlich exakten Ernährungsdaten der Teilnehmer ein.

"Wir haben überraschenderweise keine überzeugenden Studien gefunden, die zeigen, was Menschen wirklich essen", sagte Studienautor Satchidananda Panda. "Bisher fragten die meisten Ernährungsstudien bloß Frühstück, Mittagessen, Nachtmahl und Snacks ab." Durch die Foto-App sei nun der tatsächliche Konsum aufgezeichnet worden - mit überraschenden Ergebnissen.

Die Studie

"A Smartphone App Reveals Erratic Diurnal Eating Patterns in Humans that Can Be Modulated for Health Benefits" ist am 24. September 2015 im "Cell Metabolism" erschienen.

Esstisch, Handy und Diagramm

Artwork: Jamie Simon, Salk Institute; Data: Shubhroz Gill and Satchidananda Panda

Mit der App myCircadianClock haben Forscher Diagramme erstellt, in denen Mahlzeiten, Tageslicht und körperliche Aktivitäten verzeichnet sind.

Essen im Bett, am Klavier und beim Tanken

Den Ergebnissen zufolge aßen mehr als die Hälfte der Teilnehmer sehr unregelmäßig und praktisch über die gesamte Wachphase hinweg. Nur ein Viertel der Kalorienmenge nahmen sie bis zum Mittag zu sich, dafür mehr als ein Drittel nach 18.00 Uhr.

Für zusätzliches Durcheinander beim Essverhalten sorgte die Verschiebung zwischen Werktagen und Wochenende. "Auch der Kontext der Fotos sprach Bände", sagte Shubhroz Gill, der Erstautor der Studie. So seien Mahlzeiten am Klavier, im Bett, auf der Fernsehcouch und beim Tanken eingenommen worden.

Einblicke gibt die Studie auch in US-amerikanische Ernährungsvorlieben: in der Früh Milchkaffee und Joghurt, tagsüber Tee, Sandwiches und Burger, abends Alkohol, Gemüse und Eiscreme - Schokolade und jede Art Süßes wurden bereits ab 10.00 Uhr dokumentiert.

Abnehmen durch Zeitbeschränkung

Acht übergewichtigen Teilnehmern machten die Forscher dann das Angebot, mit Hilfe der App ihre Essenszeiten über 16 Wochen hinweg auf zehn bis elf Stunden zu beschränken - ohne irgendwelche Auflagen bei der Kalorienmenge zu machen. Wöchentlich bekamen dann die Teilnehmer rückwirkend ihr Ernährungsprofil zugeschickt. Das Ergebnis: Nach 16 Wochen verloren sie im Schnitt 3,5 Prozent ihres Gewichts und gaben auch an, besser zu schlafen. "Trotzdem sollte man nun nicht den Schluss ziehen, dass eine Änderung der Esszeiten die einzige Methode ist, seine Gesundheit zu verbessern", so Panda.

Krankhaftes Übergewicht ist ein großes Problem: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht Adipositas (Fettleibigkeit) als weltweite Epidemie. 1,9 Milliarden Erwachsene (39 Prozent) gelten als übergewichtig, ein Drittel davon als fettleibig. Betroffene leiden oft an Diabetes, Bluthochdruck und Gelenkproblemen.

Der Anteil der krankhaft Übergewichtigen liegt einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge in den USA bei 34 Prozent aller Erwachsenen, in Deutschland und Österreich bei rund 15 und in Japan bei vier. Unter Kindern sind zunehmend solche aus armen und Schwellenländern betroffen.

science.ORF.at/dpa

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