Standort: science.ORF.at / Meldung: "Aspirin verdoppelt Überlebensrate"

Aspirintablette wird in Wasser getaucht

Aspirin verdoppelt Überlebensrate

Die regelmäßige Einnahme einer niedrigen Dosis an Aspirin nach der Diagnose eines Karzinoms des Magen-Darmtraktes verdoppelt die Fünf-Jahres-Überlebensrate beinahe. Das hat eine niederländische Studie mit rund 14.000 Patienten ergeben.

Krebs 28.09.2015

Allzweckwaffe Aspirin

"Aspirin kam 1897 als Schmerzmittel auf den Markt. In den 1980er-Jahren stellten sich in Studien die Infarkt- und Schlaganfall verhütenden Effekte. In der Folge bemerkte man in diesen wissenschaftlichen Arbeiten auch die Schutzwirkung bei Krebs. Bei Dickdarmkrebs ist sie bereits belegt. Wir haben den Effekt bei allen Karzinomen des Gastrointestinaltraktes (Dickdarm-, Enddarm-, Speiseröhrenkarzinome; Anm.) untersucht", sagte Martine Frouws von der Universität Leiden am Sonntag beim Europäischen Krebskongress (ECC2015) in Wien.

Die Wissenschaftler werteten die Daten von 13.715 Patienten aus, die in den Niederlanden zwischen 1998 und 2011 die Diagnose einer gastrointestinalen Karzinomerkrankung erhalten hatten. "Wir verknüpften dann die Arzneimittelverordnungen mit den Daten zum Krankheitsverlauf", sagte die Studienautorin. Dabei ging es um die Verwendung von niedrig dosierter Acetylsalicylsäure (80 bis hundert Milligramm täglich), wie sie zur Prävention von Herzinfarkt und Schlaganfall von den Ärzten verschrieben werden.

30,5 Prozent der Patienten hatten bereits vor der Krebsdiagnose Aspirin eingenommen, 8,3 Prozent starteten danach, während 61,1 Prozent keine ASS-Mittel einnahmen. Die häufigsten Diagnosen betrafen den Dickdarm (42,8 Prozent), den Enddarm (25,4 Prozent) und die Speiseröhre (10,2 Prozent). Die mittlere Beobachtungszeit betrug 48,6 Monate. Die Kranken, die schon vor der Krebsdiagnose ASS regelmäßig eingenommen hatten, wurden ausgeschieden. Es ging ja ausschließlich um den schützenden Effekt nach der Feststellung einer solchen Krankheit.

Mehrere Effekte

Die Ergebnisse waren frappant. "Karzinompatienten, die nach der Diagnose mit der Einnahme von Aspirin begonnen hatten, wiesen eine Fünf-Jahres-Überlebensrate von 75 Prozent auf. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate der Patienten mit gastrointestinalen Karzinomen ohne Verwendung von Aspirin betrug 42 Prozent", sagte die Studienautorin. Diese retrospektive Studie deutet auf eine starke Wirkung der Acetylsalicylsäure bei solchen Kranken hin, reicht aber für den endgültigen wissenschaftlichen Beweis nicht aus.

"In den Niederlanden wurde jetzt eine prospektive Studie gestartet, bei der Kranke mit Dickdarm- oder Enddarmkarzinomen per Zufall einer Gruppe mit oder Einnahme von ASS zugeteilt werden", stellte die Wissenschaftlerin dar. Damit wird man in relativ kurzer Zeit endgültig wissen, ob ASS in Zukunft bei diesen Krebspatienten zur begleitenden Routinetherapie gehören sollte.

In den vergangenen Jahren wurde bereits ein primär schützender Effekt von ASS vor dem Erstauftreten von Darmkrebs belegt. Das wurde vor allem auf die antientzündliche Wirkung der Substanz - vor allem bei höherer Dosierung als in der Infarktprophylaxe - zurückgeführt. Doch da es sich bei den niederländischen Studienteilnehmern um Menschen gehandelt hat, die das Mittel zur Verhinderung von Herz-Kreislauf-Zwischenfällen bekommen hatten, muss ein anderer Wirkmechanismus vorliegen.

Die Wissenschaftler glauben, dass der positive Effekt von Aspirin bei Krebs auf seinem Anti-Plättchen-Effekt beruht. Blutplättchen haben die Funktion eine Blutung durch Zusammenklumpen und Verstopfen des Gefäßes zu stoppen. Man vermutet, dass zirkulierende Tumorzellen sich durch sie umgebende Plättchen vor der Immunabwehr verstecken. Aspirin hemmt die Plättchenfunktion und zerstört damit auch den Schutz der Tumorzellen vor der Entdeckung durch das Immunsystem.

science.ORF.at/APA

Mehr zum Thema: