Standort: science.ORF.at / Meldung: "Chemienobelpreis an DNA-Forscher "

Stilisierter DNA-Strang

Chemienobelpreis an DNA-Forscher

Der Nobelpreis für Chemie geht in diesem Jahr an den Schweden Thomas Lindahl, den US-Amerikaner Paul Modrich und den Türken Aziz Sancar. Sie werden für ihre Arbeiten zur DNA-Reparatur in der lebenden Zelle ausgezeichnet. Das gab die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm bekannt.

Auszeichnung 07.10.2015

Die Arbeiten hätten fundamentale Erkenntnisse geliefert, wie lebende Zellen funktionieren - was unter anderem für die Entwicklung von Krebsmedikamenten wichtig sei. Die höchste Auszeichnung für Chemiker ist mit umgerechnet rund 850.000 Euro (acht Mio. schwedische Kronen) dotiert. Der Preis wird am 10. Dezember, dem Todestag des 1896 gestorbenen Preisstifters Alfred Nobel, verliehen.

"Schäden an DNA können sehr ernsthafte Folgen haben", sagte Nobeljuror Claes Gustafsson. "Tomas Lindahl spekulierte, dass es ein Reparatursystem geben muss, und machte sich auf die Suche. Und er fand tatsächlich eines." Die Entdeckungen der drei Forscher hätten enorme Konsequenzen gehabt, betonte die Chefin der Nobeljury, Sara Snogerup Linse. "Das Leben, wie wir es heute kennen, ist vollständig abhängig von DNA-Reparaturmechanismen."

Der Werkzeugkasten der Zelle

Die DNA ist der Träger des Erbguts aller höheren Lebewesen. Wenn sich Zellen teilen, versuchen sie das Erbgut perfekt nachzubilden - doch das System ist nicht perfekt: Bei der Zellteilung und der Verdoppelung der DNA kommt es mitunter zu Fehlern. Hinzu kommt, dass auch äußere Einflüsse wie UV-Licht und Tabakrauch die DNA beschädigen.

Links

Ö1-Sendungshinweise

Die Ö1-Journale und "Wissen aktuell" berichten in der Nobelpreiswoche von 5. bis 9. Oktober über alle Auszeichnungen.

PK an der Schwedischen Akademie der Wissenschaften: Bekanttgabe der Chemienobelpreisträger 2015

AFP PHOTO / JONATHAN NACKSTRAND

Pressekonferenz an der Schwedischen Akademie, Hauptdarsteller: das Erbmolekül

Um das zu verhindern, setzt die Zelle Werkzeuge - in der Regel Proteine - ein, die den Aufbau des Erbmolküls kontrollieren und ihn gegebenenfalls auch wiederherstellen. Die Grundlage für diese Erkenntnis legte Anfang der 70er Jahre Lindahl, der die ersten Reparaturenzyme entdeckte. Lindahl war davon ausgegangen, dass Zellen solche Werkzeuge besitzen müssen, weil andernfalls das Leben auf der Erde nicht langfristig exsitieren könnte.

Sancar entdeckte jene Moleküle, die durch UV-Strahlung hervorgerufene DNA-Schäden reparieren. Menschen, bei denen dieser Mechanismus nicht funktioniert, können bei starker Sonneneinstrahlung Hautkrebs entwickeln. Modrich wiederum zeigte, wie Zellen DNA-Schäden korrigieren, die während der Zellteilung entstanden sind. Funktioniert das nicht, kann es zu verschiedenen Formen von vererbbarem Darmkrebs führen.

"Wusste, dass ich in Betracht komme"

Der in Stockholm geborene Lindahl (77) arbeitete u. a. am Karolinska-Institut, an der Universität Göteborg, forschte für den Imperial Cancer Research Fund in London und ist derzeit noch am Francis Crick Institute in Hertfordshire (Großbritannien) tätig.

"Ich wusste, dass ich über die Jahre für den Preis in Betracht gezogen worden bin, aber das sind hundert andere genauso", sagte Lindahl am Telefon bei der Nobelpressekonferenz. "Ich fühle mich sehr glücklich und bin stolz darauf, heute ausgewählt worden zu sein."

Thomas Lindahl, Paul Modrich und Aziz Sancar

AFP/JONATHAN NACKSTRAND, HHMI, EPA/MAX ENGLUND

Die Laureaten im Fach Chemie: Thomas Lindahl, Paul Modrich und Aziz Sancar

Modrich (Jahrgang 1946) studierte am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Stanford University. Er arbeitet derzeit am Howard Hughes Medical Institute an der Duke University in Durham (US-Bundesstaat North Carolina).

Sancar, geboren 1946 in der Türkei, studierte an der Universität Istanbul und machte sein Doktorat an der University of Texas. Er ist derzeit Sarah-Graham-Kenan-Professor für Biochemie und Biophysik an der University of North Carolina in Chapel Hill. Seine Auszeichnung ist übrigens die erste, die an einen türkischen Wissenschaftler geht. Bisher gab es nur einen Nobelpreisträger aus der Türkei: 2006 erhielt Orhan Pamuk ("Schnee") den Preis für Literatur.

Als die Nachricht aus Stockholm kam, habe er noch geschlafen, sagte Sancar in einem Interview mit dem Nobelkomitee. "Meine Ehefrau hat den Anruf angenommen und mich aufgeweckt. Ich hatte das nicht erwartet, also war ich sehr überrascht. Ich habe dann mein Bestes gegeben, schlüssig zu sprechen, aber ich schlief ja eigentlich fast noch." Ende des Monats fange er wieder an zu lehren, sagte Sancar. "Ich werde versuchen, mein Leben normal weiterzuführen - aber es wird wohl ein paar Empfänge geben, schätze ich."

Medizin- und Physikpreis bereits vergeben

Am Donnerstag folgt die Bekanntgabe des Literaturnobelpreises, am Freitag wird der Friedensnobelpreis vergeben, kommenden Montag der Wirtschaftsnobelpreis. Vergangenes Jahr war die Auszeichnung für Chemie an die US-Amerikaner Eric Betzig und William E. Moerner sowie an den Deutschen Stefan W. Hell gegangen. Sie wurden für ihre Beiträge ausgezeichnet, die der Lichtmikroskopie die Nanodimension eröffnet haben.

Am Montag wurde der Medizinnobelpreis vergeben: Erhalten haben diesen die chinesische Malariaforscherin Tu Youyou - sowie der gebürtige Ire William C. Campbell und der Japaner Satoshi Omura für ihre Arbeiten zu Krankheiten, die durch Würmer verursacht werden.

Der Physiknobelpreis ging am Dienstag an den Japaner Takaaki Kajita und den Kanadier Arthur McDonald. Sie konnten zeigen, dass Neutrinos ihre Identitäten wechseln können und daher Masse haben müssen. Die Erkenntnisse der beiden Forscher hätten die Vorstellung von Materie grundlegend geändert, hieß es in der Begründung des Nobelkomitees.

science.ORF.at/APA/dpa

Die Chemienobelpreise der vergangenen Jahre: