Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wale leiden unter "Höllenlärm" im Ozean"

Walflosse an der Meersoberfläche

Wale leiden unter "Höllenlärm" im Ozean

Ein neuer Forschungsbericht im Auftrag von Greenpeace, durchgeführt von der britischen NGO Marine Conservation Research, kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: Schalluntersuchungen der Ölindustrie dürften das Leben von Walen enorm beeinträchtigen.

Umwelt 08.10.2015

Gefangen im Eis

Zwischen 2008 und 2010 haben Forscher beobachtet, dass die Narwale vor Grönland sich nicht rechtzeitig auf die übliche Wanderschaft machten. Durch den verspäteten Aufbruch wurden sie vom Winter eingeholt und teilweise vom Eis eingeschlossen. Damals seien tausende Wale gestorben, sagt Lukas Meus, zuständig für die Arktis bei Greenpeace Österreich. Denn wenn sie nicht mehr an die Oberfläche kommen können, ersticken sie.

Zum Forschungsbericht:

"A Review of the Impact of Seismic Survey Noise on Narwhal & other Arctic Cetaceans" von A. Cucknell et al.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 8.10. um 13:55.

Schiff mit Druckluftkanonen im Schlepptau

Greenpeace, Christian Aslund

Schiff mit Druckluftkanonen im Schlepptau.

Es sei nicht das einzige ungewöhnliche Walverhalten: Auch immer mehr Strandungen würden beobachtet. Den Grund vermutet der Umweltschützer in den seismischen Untersuchungen der Ölindustrie, die häufig auch vor Grönland und der Arktis stattfänden.

Bei solchen Untersuchungen feuern Sondierungsschiffe mit Druckluftkanonen bis in den Meeresboden, um durch den reflektierten Schall Erdölvorkommen aufzuspüren. Es klingt zunächst nach einer relativ umweltfreundlichen Methode, aber unter Wasser ergebe das einen Höllenlärm, erklärt Meus: "Alle zehn Sekunden, 24 Stunden lang, kommt es zu Schallexplosionen, die eine Lautstärke von 259 Dezibel haben - so laut wie ungefähr achtmal das Abheben eines Düsenjets."

Höllenlärm im Ozean

Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2004, in der Walgesänge aufgenommen wurden, hatte solche Geräusche fast dreitausend Kilometer entfernt noch auf einer Aufnahme. Im Wasser kann sich Schall, abhängig beispielsweise von Temperatur und Druck des Wassers, sehr weit ausbreiten. Auch Walgesänge schaffen es kilometerweit, aber sie verstummen in der Nähe solcher Schallsondierungen. Im Umkreis von 200 Kilometern habe man deutlich weniger Walgesänge aufnehmen können, heißt es im Forschungsbericht, der eine Vielzahl von Studien der letzten Jahre zu dem Thema zusammenfasst.

Wale nutzen Schall, um zu navigieren, miteinander zu kommunizieren, auf Angreifer zu reagieren und Nahrung zu suchen. In der Nähe von seismischen Untersuchungen aber könnten Wale zeitweise ihr Gehör verlieren, so der Forschungsbericht. Das Gehör eines Beluga-Wals sei demnach zeitweise beeinträchtigt, wenn er nur einen Kilometer von einer üblichen Schallsondierungsoperation entfernt ist. Um diesen direkt spürbaren Folgen zu entgehen, dürften viele Wale Gebiete mit seismischen Untersuchungen großräumig meiden. Damit fallen unter Umständen die gewohnten Wanderrouten der Wale weg, genauso wie auch Futterplätze in der Zone. Und weniger Nahrung, genauso wie weniger Kommunikation, bedeute auch weniger Nachwuchs.

Im Fall der eingangs erwähnten Narwale kommt noch dazu, dass sie wenn sie sich bedroht fühlen nicht fliehen, sondern oft erstarren und sinken. Dadurch sind Narwale dem Lärm von Schallkanonen, den sie als Bedrohung wahrnehmen, länger ausgesetzt.

Langzeitfolgen nicht untersucht

Schallexplosionen unter Wasser

Greenpeace, Christian Aslund

Schallexplosionen unter Wasser

Greenpeace fordert einen Stopp für seismische Untersuchen der Ölindustrie mit Schallkanonen - wenigstens bis Untersuchungen über mögliche Langzeitfolgen vorliegen. Man verstehe jetzt vor allem die kurzfristige Wirkung auf das Verhalten der Wale – langfristige Folgen könne man noch gar nicht einschätzen.

Auf jeden Fall wünscht man sich Schutzzonen für besonders sensible Arten und Regionen. Dort sollten Schallkanonen unter keinen Umständen eingesetzt werden dürfen. Ein Beispiel ist die Arktis, erklärt Lukas Meus: "Die Arktis ist eines der letzten intakten Ökosysteme der Erde und deswegen wollen wir ein Schutzgebiet in der Arktis, damit diese nicht noch weiter durch die Ölindustrie gefährdet wird."

Meeresbiologen einig

Nicht nur Greenpeace weiß um die Bedrohung von Meeresbewohnern durch Lärm. Auch Gerhard Herndl vom Institut für Ozeanographie an der Universität Wien bestätigt uns, dass zahlreiche Untersuchungen belegen, dass Lärm Meeresbewohner beeinträchtigt. Und die Wissenschaft nehme darauf auch längst Rücksicht. Ein Beispiel: Obwohl Schallmessungen eine gute Möglichkeit wären, die Temperatur der Meere großräumig zu überwachen, sieht die Wissenschaft aufgrund der Beeinträchtigung des Meereslebens davon ab. Ohne starke ökonomische Motivation sei das auch einfacher, meint Herndl.
Die Lautstärke müsse dabei gar nicht so hoch sein wie bei den seismischen Untersuchungen – auch der Lärm des regulären Schiffsverkehrs bereite vielen Meeresbewohnern Probleme. Schiffsmotoren sind dabei lange nicht so laut wie die Druckluftkanonen.

Seismische Untersuchungen werden weiter durchgeführt. In den nächsten Monaten sollen mehrere tausend Kilometer rund um Grönland abgesucht werden, sagt Meus. Greenpeace werde die Untersuchungen mit dem Schiff "Arctic Suncrise" beobachten, um die Vorgänge und Auswirkungen zu dokumentieren.

Isabella Ferenci, Ö1 Wissenschaft

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