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Drei Kinder feixen in die Kamera

Es gibt keine "geborenen Rebellen"

Sind Erstgeborene selbstbewusster als ihre Geschwister? Sandwichkinder umgänglicher und Nesthäkchen "geborene Rebellen"? Deutsche Forscher haben das nun umfassend untersucht. Ihr Schluss: Die Reihenfolge der Geburt spielt kaum eine Rolle bei der Persönlichkeit von erwachsenen Geschwistern - außer bei der Intelligenz.

Psychologie 20.10.2015

Denn Erstgeborene sind im Durchschnitt ein klein wenig schlauer als ihre jüngeren Geschwister, schreibt ein Team um die Psychologin Julia Rohrer von der Universität Leipzig in ihrer Studie.

Die Studie:

"Examining the effects of birth order on personality" von Julia M. Rohrer, Boris Egloff und Stefan C. Schmukle ist am 19. 10. 2015 in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS") erschienen (sobald online).

Frage wird seit Langem diskutiert

Ob sich jüngere und ältere Geschwister charakterlich unterscheiden, wird spätestens seit dem 19. Jahrhundert diskutiert. Der Naturforscher Francis Galton, das jüngste von neun Kindern, fand 1874 etwa heraus, dass sich unter britischen Wissenschaftlern auffallend viele Erstgeborene befinden. Er nahm an, dass Eltern ihren ältesten Söhnen eine besondere Aufmerksamkeit schenken und sie intellektuell mehr fordern als die später Geborenen.

Rund ein halbes Jahrhundert ging der Begründer der Individualpsychologie, Alfred Adler, davon aus, dass Erstgeborene zwar privilegiert seien, aber auch eine besondere Verantwortung tragen – und deshalb eher neurotisch werden. Später Geborenen hingegen würden die Eltern mehr durchgehen lassen, weshalb sie weniger Sozialsinn entwickeln.

Ab den 1960er Jahren gab es zahlreiche Versuche, diese Fragen empirisch zu beantworten, mit oft sehr unterschiedlichen Resultaten. 1996 veröffentlichte dann der US-Psychologe Frank Sulloway das einflussreiche Buch "Born to Rebel" ("Der Rebell der Familie"). Laut seiner Theorie besetzen Kinder in der Familie verschiedene Nischen. Erstgeborene sah Sulloway zum Beispiel als perfektionistisch an, mittlere Kinder hingegen als sozial. Die Nesthäkchen wiederum lehnen sich laut Sulloway eher gegen die Autorität der Eltern auf und sind rebellischer.

Geringe Intelligenzunterschiede

In der Wissenschaft sei die Theorie aber umstritten gewesen, meinte Julia Rohrer gegenüber der dpa. Mit Kollegen aus Leipzig und Mainz wertete sie nun Daten dreier Untersuchungen mit insgesamt mehr als 20.000 Teilnehmern in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Deutschland aus. Das Team wollte prüfen, ob die Geschwisterposition für den Lebenslauf einen dauerhaften Unterschied macht.

Antworten waren in früheren Studien waren oft widersprüchlich. Denn die Datenlage und Art der Auswertung beeinflussten die Ergebnisse maßgeblich, so das Forscherteam. So müsse man u.a. zwischen Familien mit gleich vielen Kindern vergleichen, erläuterte Julia Rohrer ihre Vorgehensweise.

Bei vier Eigenschaften der "big five" der Persönlichkeitspsychologie zeigte sich laut Studie keinerlei Zusammenhang mit der Reihenfolge der Geburt: also bei Extraversion, emotionaler Stabilität/Neurotizismus, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.

Beim Intellekt hingegen schnitten Erstgeborene sowohl in IQ-Tests als auch bei der Selbsteinschätzung etwas besser ab als die jüngeren Geschwister. Die müssen sich allerdings nun nicht sorgen: Der Effekt lasse sich zwar in großen Stichproben finden. "Wenn man zwei Geschwister vergleicht, wird dennoch in über 40 Prozent der Fälle das später geborene den höheren IQ haben", so Rohrers Kollege Stefan Schmukle in einer Mitteilung. Zudem seien die Effekte so klein, dass es zweifelhaft sei, ob sie für den Lebensweg bedeutsam sind.

science.ORF.at/dpa

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