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Österreichs Flagge vor blauem Himmel

Wie kommt Zeitgeschichte ins Museum?

Am Nationalfeiertag öffnet in Wien so manches Museum kostenlos seine Pforten. Doch ein Haus, das sich dezidiert der österreichischen Zeitgeschichte widmet, gibt es auch 70 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft noch nicht. Was die Frage aufwirft, wie und ob Museen Zeitgeschichte überhaupt zeitgemäß vermitteln können

26. Oktober 25.10.2015

Oder ob es nicht vielmehr auch andere Formen der Geschichtsvermittlung, die dezentral, gegenwartsorientiert und dialogisch sind, stärker zu diskutieren gilt.

700 Museen im Land

Alpen, Bestattung, Ziegelsteine: Diesen Themen widmen sich drei von insgesamt mehr als 700 Museen in Österreich. Laut Statistik Austria haben im Jahr 2013 31,4 Millionen Menschen Österreichs Museen, museumsverwandte Einrichtungen, Ausstellungen und historische Stätten besucht. Wenn man durch das Museums-Verzeichnis der Statistik Austria blättert, fällt auf: Orte, die sich dezidiert der Vermittlung der österreichischen Zeitgeschichte widmen, gibt es wenige.

70 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft wird aktuell anhand von drei großen Projekten über die Vermittlung von Zeitgeschichte debattiert. Das sind: Das Haus der Geschichte Österreich, dessen Errichtung seit rund 20 Jahren im Raum steht und für das sich der Historiker Oliver Rathkolb vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien intensiv einsetzt. Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen in Oberösterreich, die demnächst zu einer Bundesanstalt werden soll. Und: Die neue Österreich-Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau in Polen. Für diese zeichnet der Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus verantwortlich.

Die Frage nach der Gegenwart

Ö1 Sendungshinweise

"Wer baut der Geschichte ein Haus?": Eine Sendung von Martin Haidinger, Salzburger Nachtstudio, 21.10, 21 Uhr

"Die Zukunft der Erinnerung. Österreichische Geschichtspolitik 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg." Eine Sendung von Tanja Malle, Dimensionen, 12.10., 19:05 Uhr.

Alle drei Projekte wollen Museum, Gedenkstätte und Lernort sein. Und werden von den meisten Besucherinnen und Besuchern meist nur einmalig und nur für die Dauer von wenigen Stunden aufgesucht - ein typischer und wohl auch unausweichlicher Nachteil der musealen Vermittlung von Geschichte.

Wie es anders gehen könnte, damit experimentiert die Kulturwissenschaftlerin Nora Sternfeld. Sie beschäftigt sich intensiv mit Fragen der Geschichtsvermittlung in Theorie und Praxis. Dabei steht für sie eine Frage im Vordergrund, die in vielen Museen und Gedenkstätten oft zu kurz kommt. Nämlich: "Die Frage, was das, was geschehen ist, heute, in der Gegenwart für uns bedeutet", sagt Nora Sternfeld. Sie arbeitet unter anderem im Kunst- und Kulturvermittlungsbüro trafo.K und forscht und lehrt an der Aalto University in Finnland.

Mit trafo.K, Historikern, Schülerinnen und Schülern sowie dem Lehrpersonal des Brigittenauer Gymnasiums hat sie von 2009 bis 2011 zusammengearbeitet: Gemeinsam hat man die zeitgeschichtliche Ausstellung in den Kellerräumen der Schule adaptiert. Das Gymnasium war in der NS-Zeit ein Gefängnis der Gestapo gewesen.

Moralischer Zeigefinger als größtes Problem

Bei Versuchen, Zeitgeschichte zu vermitteln, beobachtet Nora Sternfeld vor allem ein Problem: den erhobenen Zeigefinger. Er äußert sich in dem Wunsch, dass Schülerinnen und Schüler aus der Geschichte lernen bzw. durch Besuche von Gedenkstätten oder Museen gegen Nationalsozialismus, Antisemitismus oder Rassismus immunisiert werden: "Die Holocaust-Education, die ja aus den USA kommt und zunehmend im deutschen Sprachraum Fuß fasst, erhebt den Anspruch, etwas aus der Geschichte zu lernen, um heute richtig zu handeln. Das ist von großer moralischer Dimension."

Das erzeuge viel Druck: "Schülerinnen und Schüler können sich schnell 'erzogen' bzw. bevormundet fühlen, was die Konsequenz hat, dass sie sich vielleicht nicht tatsächlich mit diesen Fragen beschäftigen wollen." Problematisch findet Nora Sternfeld, dass die Frage, was widerständisches und antifaschistisches Handeln heute sein könnte, oft nur auf individueller, moralischer Ebene, aber nicht politisch-gesellschaftlich verhandelt wird.

Starker Wunsch nach Gegenwartsbezügen

Während der intensiven Beschäftigung mit – nicht nur österreichischer – Zeitgeschichte formulierten die Brigittenauer Schülerinnen und Schüler eigenständige Forschungsfragen. Schnell wurde dabei deutlich, dass der Wunsch, Bezüge zur eigenen, persönlichen Geschichte zu finden, sehr groß war.

Nora Sternfeld nennt einige Beispiele: "Forschungsfragen, die von den Gymnasiastinnen und Gymnasiasten formuliert wurden, lauteten beispielsweise: Welche Rolle spielte die Türkei im Zweiten Weltkrieg? Warum begann der Balkankrieg, und gibt es Verbindungen mit dem Zweiten Weltkrieg? Oder: Was sind die Organisations- und Ausdrucksformen von Rechtsextremismus in Österreich? Wie funktioniert Propaganda? Und: Wie ging und geht die Gesellschaft mit Homosexualität um?"

Fragen, die verdeutlichen, wie divers die österreichischen Klassenzimmer mittlerweile sind und wie wichtig Schülerinnen und Schülern ist, Vergangenes für die Gegenwart bedeutsam zu machen. Nora Sternfeld wünscht sich auch deshalb mehr Diversität in der Geschichtsvermittlung und eine eingehendere und transdisziplinäre Beschäftigung mit dem Fach: "Ich habe schon so viele Texte darüber gelesen, so viele Reden von Politikerinnen und Politikern gehört, aber es bleibt bei Lippenbekenntnissen. Strukturen fehlen aber. Ein Institut für Geschichtsvermittlung ist ein großer Wunsch von mir – es könnte wohl die Art und Weise, wie wir über Geschichtsinstitutionen diskutieren, sicher grundlegend ändern."

Plädoyer für mehr Diversität in der Vermittlung

Auch Theoretiker, darunter der mittlerweile verstorbene Historiker Sigfried Mattl und dessen Kollege Albert Müller vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, haben darauf aufmerksam gemacht, dass die Vermittlung von Geschichte neue Organisationsformen, Finanzierungsweisen und Verantwortlichkeiten braucht. Ihr Essay "Remix History", in dem sie sich stark, aber nicht ausschließlich, auf ein Haus der Geschichte beziehen, wurde in der aktuellen Ausgabe der Monatszeitung Malmoe wieder veröffentlicht.

Dezentral, also an vielen Orten stattfindend. Vielstimmig – im Sinne von unterschiedliche Perspektiven transportierend. Reflexiv – sprich die Probleme der Geschichtsschreibung thematisierend. Transdisziplinär, temporär beschränkt und am "abschließenden Vokabular zweifelnd" – so könnte zeitgemäße Geschichtsvermittlung gestaltet werden, formulierten der die beiden Historiker. Das war im Jahr 2001.

Tanja Malle, Ö1 Wissenschaft

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