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Forscherin und Forscher im Labor

Warum Gleichstellung an Unis funktioniert

Eine Landesregierung ohne Frauen, rein männliche Aufsichtsräte, keine Bewerberinnen für Topjobs - an den meisten österreichischen Universitäten kann man über diese "Probleme" in Politik und Wirtschaft nur lächeln: 7 Gründe, warum Frauen an Unis heute bessere Chancen als vor 20 Jahren haben.

Frauenförderung 06.11.2015

1. Keine Gnade, ein Recht

Ö1 Sendungshinweis:

Über Frauenförderung an den Universitäten berichteten auch die Journale am 6. November 2015.

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1993 trat das Gleichbehandlungsgesetz des Bundes in Österreich in Kraft. Ebenfalls 1993 wurde eine neue Organisationsstruktur der Universitäten beschlossen, das UOG 1993, die ab 1995 umgesetzt wurde. Ab diesem Zeitpunkt war es für Universitäten verpflichtend, frauenfördernde Maßnahmen festzuschreiben und Frauenförderungspläne zu erlassen.

"Die gesetzlichen Grundlagen waren extrem wichtig, weil sie jenen Frauen, die an Universitäten Karriere machen wollten, das Recht zur Seite gestellt haben", sagt Roberta Schaller-Steidl, die im Wissenschaftsministerium für Gender- und Diversitätsmanagement zuständig ist.

2. Quoten und Geld machen Druck

Offene Baustellen:

In den letzten 20 Jahren ist nicht alles gelungen: Es gibt noch immer Universitäten, an denen Frauen auf höheren Ebenen eine Ausnahme sind. Die Technischen Universitäten in Wien und Graz und die Montanuniversität Leoben haben derzeit weniger als zehn Prozent Professorinnen.

Hier müsse man gemeinsam mit den Unis untersuchen, wie Stellen ausgeschrieben werden, wie nach Bewerberinnen gesucht wird, und wie transparent die Abläufe sind, sagt Edith Gößnitzer: "Das Lehrer-Schüler-Prinzip, und ich bleibe absichtlich in der männlichen Form, ist überholt, und das müssen wir vermitteln."

So richtig in Fahrt kam die Gleichstellung an den Universitäten aber durch die Einführung einer verpflichtenden Quote von 40 Prozent im Jahr 2002 - wiederum in Form eines Gesetzes (UOG 2002). Dass heute sieben von 21 Universitäten von einer Frau geleitet werden, die Rektorate (inkl. der Vize) zu 46 Prozent weiblich besetzt sind und fast jede vierte Professur von einer Frau gehalten wird, ist ein Ergebnis der Quote, zeigt sich Schaller-Steidl überzeugt.

Edith Gößnitzer, Chemieprofessorin an der Uni Graz und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Gleichbehandlung und Gleichstellung, ergänzt: "Die Quote sorgt für die nötige Anzahl an Köpfen, damit sich auch in den Strukturen etwas ändert." Die Verknüpfung von Frauenförderung mit den Leistungsvereinbarungen der Unis verdeutlicht den Ernst des Anliegens: Denn bei krassen Verfehlungen droht im Extremfall sogar eine Beschneidung des Budgets.

3. Änderungen oben und unten
Dass ein Drittel der österreichischen Unis von einer Frau geleitet wird, ist von der Signalwirkung her nicht zu unterschätzen. An den Unis hat man sich aber nicht nur an der Spitze um Änderungen bemüht, sondern auch bei den Studierenden und dem Mittelbau. Mentoringprogramme wurden ebenso geschaffen wie Laufbahnstellen, die beiden Geschlechtern offen stehen und den Weg hin zu einer unbefristeten Anstellung ebnen.

Auch bei den Laufbahnstellen wird auf einen entsprechenden Frauenanteil geachtet, die Unis Wien und Graz beispielsweise haben die 40-Prozent-Quote 2014 knapp überschritten. Durch den Blick auf den Nachwuchs soll gesichert werden, dass sich das Verhältnis der Geschlechter an der Universität langfristig ändert.

4. Nicht Warten, sondern Suchen
"Es gibt keine Frauen" - diesen Satz lässt die Chemikerin Edith Gößnitzer nicht gelten, bezeichnet ihn als "Scheinargument". Man müsse vielmehr genau darauf achten, wie eine Stelle ausgeschrieben wird und wie nach Bewerberinnen und Bewerbern gesucht wird. Da brauche es manchmal eine inhaltliche Öffnung hin zu einem Teilbereich, in dem Frauen zu finden sind, manchmal auch einfach nur das aktive Ansprechen von Absolventinnen.

Gößnitzer nennt als Beispiel der Uni Linz, wo vor wenigen Jahren 20 Laufbahnstellen in naturwissenschaftlichen Fächern für Frauen ausgeschrieben wurden: "Durch genaues Hinsehen konnten alle besetzt werden, auch in der technischen Physik und der Mathematik - zwei Fächer, bei denen es immer heißt: 'Es gibt keine Frauen.'"

5. Unterstützung statt Brechstange
Roberta Schaller-Steidl vom Wissenschaftsministerium betont: Es sei in den letzten 20 Jahren meist darum gegangen, sich gegenseitig zu unterstützen. Das gelte für Ministerium und Universitäten genauso wie für Frauenbewegung und Wissenschaft sowie Unis und Politik.

Festgefahrene Abläufe und Strukturen, die seit Jahrzehnten bestehen, lassen sich eben oft nicht von einem Jahr aufs andere ändern. Wichtig sei aber, gemeinsam Abläufe zu analysieren, zu verändern und die Wirkung zu dokumentieren - mit dem Nachdruck von Quote und Gesetz im Hintergrund.

6. Vereinbarkeit als Thema beider Geschlechter
An den Unis gibt es hier - wie auch im Rest der Gesellschaft - Luft nach oben. Betreuungspflichten übernehmen auch in der Wissenschaft meist die Frauen, weshalb eine entsprechende Anerkennung von Zeiten, in denen nicht im Monatsrhythmus ein Paper veröffentlicht wird, dringend nötig wäre.

Aber auch hier gilt: Das Beispiel von Professorinnen wie beispielsweise Francesca Ferlaino, Direktorin des Innsbrucker Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation und Mutter von zwei Kindern, zeigt Wirkung. Und auch Männer erkennen zunehmend, dass ihre Kinder nur einmal klein sind. Je älter sie sind, desto unattraktiver wird gemeinsam mit den Eltern verbrachte Zeit.

7. Es geht noch mehr
40 Prozent sind nicht die Hälfte, Kritikerinnen und Kritiker sprechen davon, dass Gleichstellung nicht wirklich ernst genommen wird. 2015 gab es deshalb eine weitere Gesetzesreform: Mit dem UOG 2015 wurde die Quote auf 50 Prozent erhöht, Männer und Frauen sollen also zukünftig zu gleichen Teilen auf allen Ebenen der Universität repräsentiert sein.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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