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Havariertes Schiff "Rena" mit Schlagseite

Zustand der Meere ist bedenklich

Rund 2,8 Milliarden Menschen leben weltweit in der Nähe von Küsten. Sie nutzen die Ozeane und ihre Rohstoffe für ihr tägliches Überleben. Das könnte sich "dramatisch ändern", wie ein Bericht über den Zustand der Weltmeere zeigt.

Report 11.11.2015

Ozeane sind in vielerlei Hinsicht wichtig. Sie dienen als Lebensmittel- und Rohstofflieferant, als Transportweg und Erholungsort. Dabei wird das sensible Ökosystem oft aus dem Gleichgewicht gebracht, durch Überfischung und das Einleiten von Giften sowie zu vielen Nährstoffen. Auch Öl- und Gasbohrungen, der geplante Abbau von Erzen aus der Tiefsee und zunehmender Tourismus können Schaden anrichten.

Der Umgang mit dem Meer müsse nachhaltiger werden, lautet daher auch eine Forderung im soeben veröffentlichten "World Ocean Review". Für den Kieler Ozeanforscher Martin Visbeck geht es "letztendlich darum, die Ökologie, die Ökonomie und die Menschen in Einklang zu bringen".

Starke vs. schwache Nachhaltigkeit

Das könnte global betrachtet schwierig werden. "Nach Schätzungen der Vereinten Nationen leben heute mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung in Küstennähe, rund 2,8 Milliarden Menschen", heißt es in dem Bericht. " Von den weltweit 20 Megastädten mit jeweils mehr als zehn Millionen Menschen liegen 13 am Meer.

Die Armutsbekämpfung habe in vielen Ländern höchste Priorität, sagt Konrad Ott, Professor für Philosophie und Ethik der Umwelt an der Uni Kiel und wie Visbeck Mitverfasser des Berichts. "Die Naturschutzdimension gerät ins Hintertreffen oder wird als westlicher Luxus betrachtet." Ott und seine Mitstreiter plädieren für einen starken Nachhaltigkeitsbegriff, der sich für die umfassende Erhaltung bzw. die Renaturierung aller Bestände von Naturkapitalien einsetzt.

Das klingt zunächst kompliziert. Ein Beispiel: "Starke Nachhaltigkeit lehnt Zerstörung der Mangrovenwälder ab, schwache Nachhaltigkeit könnte Umwandlung in Shrimpsfarmen und Touristikzentren akzeptieren", so Ott. Laut Visbeck werde das aber nicht funktionieren.

Zersplitterte Meerespolitik

Starke Nachhaltigkeit fordere hingegen etwa den Wiederaufbau übernutzter Fischbestände und den Schutz von Lebensräumen. China ist nach Ansicht Otts ein Musterbeispiel für schwache Nachhaltigkeit - ein Land, das den Abbau von Naturkapital zum Aufbau von Infrastrukturen, Universitäten, Städten und die intensive Landwirtschaft toleriere.

Weltweit befasst sich eine Vielzahl von Institutionen und Organisationen mit dem Schutz bzw. dem Nutzen der Meere und seiner Küsten. "Das ist ziemlich kompliziert", so Visbeck, Meerespolitik sei sehr partikulär und auf Sektoren ausgerichtet und werde nicht ganzheitlich gedacht. In Europa beginne man damit, gemeinsame Regeln zu entwerfen. Dabei sei aber der europäische Weg nicht abgestimmt mit Afrika, so Visbeck weiter: "Wir teilen aber einen Ozean." In anderen Regionen wie in Asien gebe es so etwas wie regionale Meeresverwaltung nicht. "Da nimmt sich jeder, was er haben möchte."

In Europa machen die Länder eine Art Raumplanung für ihre Küsten. Deutschland beispielsweise habe bereits jeden Quadratmeter verplant - hier ein Windpark, da ein Schutzgebiet, da eine Wasserstraße, ein Stromkabel. "Wir glauben, so etwas muss man weltweit machen", sagt Visbeck. Ansonsten werde es immer kaum lösbare Nutzungskonflikte geben. Auch Schutzgebiete müssten Teil eines Plans sein.

"Lebensgrundlage, nicht Selbstzweck"

"Meeresschutz ist kein Selbstzweck, sondern intakte Meere sind eben auch eine wichtige Lebensgrundlage für die Menschen", sagt der schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck. "Wenn wir jetzt überfischen, fehlt in der Zukunft eine Nahrungsgrundlage - und das bei einer wachsenden Weltbevölkerung."

Die Verschmutzung der Meere sei ein globales Problem, gerade deshalb seien die Industrieländer gefordert, hier ehrgeizig voranzugehen. "Wenn wir es nicht machen, welchen Anreiz sollten die ärmeren Länder haben?" Habeck betont, dass nicht nur die Meeresanrainer gefragt seien, sondern alle. "Nicht an den Meeren zu wohnen ist kein Grund, sich nicht zu kümmern."

Neben der Politik - die die Spielregeln aufstellen müsse - sei auch die Zivilgesellschaft gefragt, findet Visbeck. Gegen Plastik und anderen Müll im Meer etwa könne jeder seinen Beitrag leisten. Und: "Wir Verbraucher sollten zum Beispiel nachhaltig gefangenen Fisch einfordern." Warum sollte es nicht möglich sein - ähnlich wie beim Fleisch - nur zertifizierte Produkte zu verkaufen? "Ich glaube, da ist durchaus ein Markt." Ott formuliert es so: "Es gibt Anzeichen für Umdenken und Anzeichen für Gegenteiliges. Das Spiel ist offen."

Birgitta von Gyldenfeldt, dpa

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