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Warum Forscher gerne gratis arbeiten

Eigennutz gilt als Grundlage unseres Wirtschaftssystems. Warum engagieren sich dennoch so viele Menschen uneigennützig – etwa aktuell, um Flüchtlingen zu helfen? Zumindest bei Entwicklern freier PC-Software liegt es laut einer neuen Studie an einer Mischung von Motiven.

Open Source 11.11.2015

Sie haben zum einen Lust am Programmieren, zum anderen freuen sie sich über die Anerkennung ihrer Community. "Aber auch die Flexibilität der Arbeitsinhalte ist wichtig", erklärt der Statistiker Kurt Hornik von der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien.

"R" wie "Erfolg"

Hornik hat mit Kollegen im Rahmen der Studie die Motive für das Schreiben von Open-Source-Programmen untersucht. Kaum jemand ist berufener dazu als er: Denn schon vor über 20 Jahren war er einer der Entwickler der Computersprache "R". Heute gilt die Software für die Analyse und Visualisierung von statistischen Daten – zumindest in der akademischen Welt - als "lingua franca". An der WU ist sie etwa im Studium weiter verbreitet als andere Statistiksoftware, wie Hornik gegenüber science.ORF.at erklärt.

Warum er 1993 begonnen hat, "R" mitzuentwickeln? "Ich war ein junger Student, hatte gerade Technische Mathematik an der TU Wien studiert. Damals gab es einen Vorläufer von 'R', die Computersprache 'S', die für einen einzigen User 20.000 Schilling gekostet hat", so Hornik. "Das konnte sich natürlich niemand leisten. Für mich war wichtig, dass so etwas nie wieder passiert. Alle Menschen, die Daten analysieren wollen, sollten das tun können ohne solche finanzielle Barrieren. Seit den 90er Jahren ist das der Hauptgrund, warum ich Teile meiner Arbeitszeit und viel Freizeit für die Entwicklung von 'R' investiere."

Die Studie:

"Motivation, values, and work design as drivers of participation in the R open source project for statistical computing" von Patrick Mair und Kollegen ist am 10. November 2015 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.

R-Code zur Analyse einer Finanzzeitreihe und eines Kreditkundendatensatzes

Kurt Hornik

R-Code zur Analyse einer Finanzzeitreihe und eines Kreditkundendatensatzes

"R" ist eine Erfolgsgeschichte, die auf der Mitarbeit von tausenden Programmierern rund um den Globus beruht. So gibt es mittlerweile über 8.000 Programme, die die Basissoftware erweitern und statistische Anwendungen etwa in den Bereichen Genetik, Medizin und Bioinformatik ermöglichen. Sogar Google soll "R" verwenden, um Licht in den Datenwust unserer Zeit zu werfen. Was die vielen Entwickler zu ihrer Gratisarbeit antreibt, hat das Team um Hornik nun genauer untersucht. Und zwar sowohl was ihren direkten Beitrag für das Programmieren betrifft, als auch ihre Mitarbeit auf einschlägigen Mailinglisten und Konferenzen.

Spaß, Anerkennung und Flexibilität

Über 4.000 "R"-Mitarbeiter - rund 90 Prozent von ihnen Männer - haben die Forscher per Mail kontaktiert, die Antworten von knapp 1.100 flossen in die aktuelle Studie ein. Fazit laut Hornik: Es sind vor allem zwei Phänomene, die zur Mitarbeit bei der Open-Source-Software führen. Erstens eine gemischte Form persönlicher Motivation: "Die Leute fangen an, weil es ihnen Spaß macht, zu hacken oder Codes zu schreiben. Sie machen das aber nicht nur in der Freizeit, sondern es hängt auch mit ihrer Forschung zusammen. Und so bekommen sie auch Feedback und Wertschätzung der eigenen Community", erklärt Hornik. Im Psychologenjargon ist das eine Mischung intrinsischer (Spaß) und extrinsischer (Wertschätzung) Motivationen.

Der zweite wichtige Faktor für das freiwillige Engagement ist die konkrete Arbeit im Alltagsjob. Trumpf ist dabei Flexibilität. "Je flexibler die Problemstellungen sind, mit denen die Leute zu tun haben, und je mehr sie selbst mitbestimmen, zu welchen Themen sie arbeiten, desto stärker engagieren sie sich bei Open-Source", sagt Hornik. Anders sieht es bei Programmierern aus, die im Brotjob mit festgeschriebenen Problemstellungen zu tun haben, die es abzuarbeiten gilt: Sie arbeiten tendenziell weniger bei "R" mit.

Sexy oder cool?

Ob diese zwei Hauptgründe auch auf andere Bereiche der Wissenschaft zu übertragen sind? Hornik ist sich da nicht sicher. "Ich denke, die Resultate haben viel mit der Kultur in der Statistik und Mathematik zu tun. In beiden Disziplinen geht es viel um ein Miteinander; darum, dass wir etwa neue Ideen und Methoden auf alte Fragen anwenden. 'R' passt zu solchen communities besser als etwa zu den Ingenieurswissenschaften, in denen es mehr Drittmittel, Auftragsforschung und somit vordefinierte Arbeitspakete gibt."

Stimmt also, was Hal Varian, der Chefökonom von Google, bereits 2009 in einem Interview gesagt hat, wonach "Statistiker den sexyesten Beruf der Gegenwart" haben? Kurt Hornik lacht. "Ich weiß nicht, ob man das wörtlich nehmen sollte. Aber ich finde es schon ziemlich cool, welche Menge an Daten es in der Informationsgesellschaft gibt und was man aus ihnen lernen kann – gleichgültig, ob man sich damit selbst bereichern oder die Welt verbessern will".

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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