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"Medien entscheiden nicht, was wir denken"

Wachsende Ungerechtigkeit, Klimawandel, Flüchtlingskrise: Die Probleme häufen sich. Das meiste davon erfahren wir aus den Medien, gleichgültig ob aus den "neuen" oder den "alten". Bei den politischen Entscheidungen spielen sie aber eine geringere Rolle als oft angenommen, meint der Kommunikationswissenschaftler Matthias Karmasin.

Nachhaltigkeit 12.11.2015

"In der Forschung zeigt sich: Medien entscheiden zwar, worüber wir nachdenken, aber nicht, was wir darüber denken", so Karmasin. Das gelte auch für die Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit. Donnerstagabend hält der Kommunikationswissenschaftler einen Vortrag zu dem Thema in Wien – vorab dazu befragt von science.ORF.at.

science.ORF.at: In Ihrem Vortrag stellen Sie die Frage: "Wie nachhaltig sind Medien?" Meinen Sie damit "ökologisch nachhaltig" oder die Frage, wie lange Informationen in den Köpfen der Menschen bleiben?

Matthias Karmasin: Beides. Zumindest ist der Vortrag so angelegt, dass beide Themen besprochen werden. Also einerseits die Frage, wie Medien wirken und wie sich diese Wirkung verändert? Und andererseits die Frage, wie Nachhaltigkeit ein Thema medialer Kommunikation kann.

Zur Person:

Matthias Karmasin ist Direktor des Instituts für Vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie an der Alpe-Adria Universität Klagenfurt. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Medienökonomie und Medienethik.

Veranstaltungshinweis:

Matthias Karmasin hält am Donnerstag, den 12.11.2015 um 18:30 Uhr, im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Mut zur Nachhaltigkeit" in Wien einen Vortrag zum Thema "Wie nachhaltig wirken Medien?". Veranstalter der Vortragsreihe ist das Umweltbundesamt.

Klimakonferenz Paris:

Anlässlich der bevorstehenden Weltklimakonferenz (COP21) vom 30.11. bis 11.12. in Paris berichtet der ORF in Radio, TV und Internet über Klimapolitik und den aktuellen Stand der Klimaforschung.

Zum ersten Punkt: Wie wirken Medien heute?

Faktoren wie Beschleunigung, Fragmentierung und Interaktivität werden immer wichtiger. Die Öffentlichkeit ist heute kein monolithischer Block mehr wie noch in den 1970er und 80er Jahren. Wenn damals ein Politiker oder eine Politikerin im Fernsehen aufgetreten ist oder ein "Tatort" gespielt wurde, konnte man davon ausgehen, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung das in irgendeiner Form mitbekommen haben.

Mittlerweile sehen Menschen teilweise überhaupt nicht mehr fern – zumindest nicht mehr programmiertes Fernsehen. Manche konsumieren keine traditionellen Nachrichten mehr, sondern verlassen sich nur mehr auf Likes und Links in sozialen Medien. Die Folge ist, dass sich die Lebensrealität dieser Menschen in der Tat von jenen unterscheidet, die beispielsweise nur eine regionale Tageszeitung und die ORF-Programme konsumieren.

Ende November ist die UNO-Weltklimakonferenz in Paris. Wie sollen traditionelle Medien mit gesellschaftlich wichtigen Themen wie Klimawandel oder Nachhaltigkeit umgehen? Aufklären, Meinung bilden, informieren im streng objektiven Sinn?

Der Objektivitätsanspruch ist illusorisch, das hat sich in der Geschichte schon oft gezeigt. Denn jede Form der Selektion – und Journalismus bedeutet zuallererst einmal aus einem inzwischen potenziell unendlichen Universum an Geschichten zu selektieren – ist subjektiv.

Aber Medien tun im Prinzip das, was Sie immer getan haben - sie produzieren Geschichten. Und was eine Geschichte ist und was keine, wird nach journalistischen Kriterien entschieden und nicht danach, ob es für die Welt wichtig ist oder ob eine bestimmte Interessensgruppe es für wichtig hält oder nicht.

Natürlich haben Journalisten aber eine unterschiedliche Berufsauffassung, je nachdem in welchem Land und somit Mediensystem man nachfragt. Allgemein gesprochen bin ich aber davon überzeugt, dass Medien im Sinne von Aufklärung und Kritik nur beschränkt Meinung machen sollten. In einer pluralistischen Gesellschaft sollten sie nicht kampagnisieren. Auch nicht für das beste der Welt.

Welche Funktion haben dann Radio, Fernsehen, Print- und Onlinemedien, wenn es um einen nachhaltigen Umgang mit der Welt, dem Klima und den Ressourcen geht?

Ich glaube, dass das Thema Nachhaltigkeit medial relevant ist, weil mittels medialer Diskurse darüber entschieden wird, was in einer Gesellschaft als Risiko wahrgenommen wird und was nicht. Es gibt die schöne Frage "Wie sicher ist sicher genug?" - welche Grenzwerte empfinde ich beispielsweise noch als tolerabel? Hier zeigen die Untersuchungen sehr deutlich, dass die Frage, was Menschen als bedrohlich bzw. als Risiko wahrnehmen, sehr stark damit korreliert, was im medialen Diskurs als Risiko dargestellt wird. Das betrifft natürlich auch andere Themen, wie beispielsweise soziale Gerechtigkeit, Gender-Gerechtigkeit oder Migrationsfragen.

Wichtig für Nachhaltigkeit ist nicht zuletzt unser Konsumverhalten. Wie stark ist das durch die Medien beeinflusst?

Da hat sich in der Medienwirkungsforschung etwas geändert – man war früher der Meinung, Medien können Leute wirklich direkt in ihrem Wertverhalten beeinflussen. Das haben die jüngeren Forschungen eindeutig widerlegt. Medien entscheiden, worüber wir nachdenken, sie entscheiden aber nicht, was wir darüber denken.

Das sieht man auch am Versuch, die Menschen in Richtung grünen Konsum zu bringen. Dabei gab es große Kampagnen – z.B. für mehr Rad fahren, Mülltrennung etc. De facto hat das nicht viel verändert. Also diese simple Vorstellung, Medien können Leute motivieren oder manipulieren, das stimmt in dieser vereinfachten Form nicht.

Laut einer neuen Klimastudie werden im Falle eines globalen Temperaturanstiegs um zwei Grad rund 130 Millionen Menschen vom steigenden Meeresspiegel gefährdet sein. Inwieweit hängt der Erfolg der Klimakonferenz auch davon ab, wie viel Medien im Vorfeld über solche Themen berichten?

Wenn man davon ausgeht, dass Öffentlichkeit eines der wesentlichen Korrektive und Steuerungsinstrumente von Politik ist, kann man sagen, dass Öffentlichkeit etwas bewirkt. Medien spielen dabei natürlich eine wichtige Rolle, wenn sie öffentlich deutlich machen, welche Interessen in welcher Form realisiert werden und somit eine qualifizierte Öffentlichkeit produzieren.

Ich persönlich bin aber der Meinung, dass Nachhaltigkeit und die Frage danach, wie solche Umweltthemen mehr auf die politische Agenda oder in das Bewusstsein von Unternehmen kommen oder wie der Konsum nachhaltiger werden kann, im Kern ein wirtschaftsethisches Problem ist und kein medienethisches.

Es geht hier schlicht um eine Interessensabwägung, wo kapitalistische Verwertungsinteressen und Profitinteressen einerseits und Interessen der nachfolgenden Generationen andererseits aufgewogen gehören – es geht um die Frage also: Lebe ich auf Kredit der nachfolgenden Generationen oder nicht? Und über diese Frage kann man sehr gerne offen, medial diskutieren. Im Kern bleibt es aber eine wirtschaftsethische Frage.

Interview: Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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