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Die Augen einer Frau

Musik spiegelt sich in den Augen

Pornobilder oder gefährliche Situationen führen dazu, dass sich unsere Pupillen erweitern. Wie eine neue Studie zeigt, ist das auch beim Musikhören so. Je gefühlvoller die Klänge und je mehr Bezug wir zu ihnen haben, desto stärker ist die Reaktion der Augen.

Psychologie 13.11.2015

Das hat ein Team um den Psychologen Bruno Gingras von der Universität Innsbruck herausgefunden. Auch wenn bei ihrer Studie ausschließlich romantische Musik untersucht wurde, gilt das im Prinzip auch für alle anderen Genres – bei Heavy Metal wären noch eindeutigere Reaktionen zu erwarten, so Gingras gegenüber science.ORF.at.

Pupillen drücken Gefühle aus

Die Studie

"The Eye is Listening: Music-Induced Arousal and Individual Differences Predict Pupillary Responses" von Bruno Gingras und Kollegen ist am 10. November 2015 im Fachjournal "Frontiers in Human Neuroscience" erschienen.

Der Hintergrund der aktuellen Studie: Die menschliche Pupille passt sich nicht nur den Lichtbedingungen an, ihre Größe kann sich auch durch Gedanken und Gefühle verändern – etwa in einer furchterregenden Situation.

Auch Klänge können Pupillenreaktionen hervorrufen. Hört man etwa einen Streit, führt dies zu einer größeren Pupillenerweiterung als neutrale Klänge, wie der Hintergrundlärm in einem Büro. Die Reaktionen des Auges während des Musikhörens wurden nach Angaben der Wissenschaftler um Gingras bisher noch nicht systematisch untersucht.

Das haben sie nun geändert: Sie baten 30 Testpersonen – die Hälfte davon Frauen – den emotionalen Gehalt von Ausschnitten aus Klaviertrios zu bewerten. Die Komponisten stammten allesamt aus der Romantik: etwa Brahms, Liszt, Schumann, Chopin und Mendelssohn. Die Einstufungen reichten dabei von "sehr fremdartig" bis "sehr vertraut", "sehr ruhig" bis "sehr erregt", und "sehr unangenehm" bis "sehr angenehm".

Eine andere, gleich große Gruppe, die den Zweck des Experimentes nicht kannte, hörte diese Ausschnitte, während ihre Pupillengröße mit einer Kamera ("Eyetracker") gemessen wurde. Danach füllten diese Teilnehmer einen Fragebogen aus, der auch Fragen über ihre Beziehung zur Musik beinhaltete.

Je erregender, desto weiter

Es zeigte sich, dass der Grad der emotionalen Erregung mit der Pupillenerweiterung zusammenhängt: je erregender die Musik, desto stärker erweiterte sich die Pupille. Erregend sind laut Gingras in der Musik Stellen mit höherem Tempo und größeren Intervallen zwischen den Noten. Kürzere Intervalle und ein langsames Tempo hingegen werden eher als ruhig wahrgenommen. Im Folgenden zwei Beispiele, die die Forscher verwendet haben.

Tonbeispiel für "erregte Musik": Friedrich Smetana

Tonbeispiel für "ruhige Musik": Louis Spohr

Die Reaktion der Pupillen liegt aber nicht nur an den Klängen selbst. "Ebenfalls wichtig ist die Beziehung der Menschen zur Musik", sagt Gingras. "Wer von sich selbst sagt, dass Musik für ihn oder sie wichtig ist im Leben, der zeigt auch stärkere Pupillenerweiterungen." Der Schluss liegt nahe: der oder die ist auch mehr von den Tönen ergriffen.

Ob das auch in die andere Richtung funktioniert? Würde man durch die künstliche Erweiterung der Pupillen – etwa mit Hilfe der Tollkirsche – auch stärker von Musik ergriffen? Unplausibel ist das nicht, meint Gingras, untersucht und überprüft müsse das aber noch werden.

Ebenso die Unterschiede zwischen Frauen und Männern, die das Forscherteam herausgefunden hat: Die Pupillen der letzteren erweitern sich unter dem Eindruck der romantischen Musik nämlich tendenziell stärker als die der Frauen – Männer scheinen also entgegen gängiger Klischees von der romantischen Musik stärker berührt zu sein.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at/APA

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