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Salat mit Käse, Tomaten, Gurken, Oliven

Gesund ist manchmal ungesund

Wer unter zu hohem Blutzucker leidet, sollte möglichst viel Gemüse essen. Das stimmt Forschern zufolge oft - bisweilen aber auch das Gegenteil: Denn Menschen reagieren auf Lebensmittel viel individueller als gedacht.

Essen 23.11.2015

Die Dosis macht bekanntlich das Gift, und von diesem Lehrsatz ist die Ernährung nicht ausgenommen. Die Bewohner westlicher Industriestaaten leiden unter wohlstandsbedingter Überversorgung, die sich nicht nur auf der Waage bemerkbar macht, sondern auch beim Blutzuckerspiegel.

Letzterer klettert immer höher, weil zu viel oder Falsches auf den Tellern landet. 37 Prozent aller erwachsenen US-Amerikaner leiden laut einer aktuellen Erhebung an einer Vorstufe von Diabetes oder haben zumindest Probleme mit dem Blutzucker.

Kritik am Glykämischen Index

Was dagegen tun? Wenig Süßes essen und stattdessen zu Lebensmitteln mit einem niedrigen Glykämischen Index greifen, lautet die Standardempfehlung. Der Glykämische Index (GI) zeigt an, wie schnell der Blutzucker nach dem Verzehr eines Lebensmittels ansteigt.

Weißbrot und Pasta haben zum Beispiel einen hohen GI, Gemüse wie Artischocken, Spargel und Tomaten einen niedrigen - zumindest steht das so im Lehrbuch.

In der Praxis sieht es häufig ganz anders aus, schreiben nun Forscher um Eran Segal im Fachblatt "Cell". Der Wissenschaftler vom Weizmann-Institut in Rechovot, Israel, hat die Ernährungsgewohnheiten von 800 Landsleuten unter anderem mit einer App dokumentiert und versucht abzuleiten, wie sich die Speisen auf den Stoffwechsel auswirkten.

Nach Analyse von knapp 47.000 dokumentierten Mahlzeiten zeigte sich zunächst Erwartbares: Der Blutzuckerspiegel hing vom Alter, vom Körpergewicht und vom Body-Mass-Index ab.

Auch Tomaten können Probleme bereiten

Im Detail hingegen war die Situation ziemlich verwirrend. Es gab fast bei allen Probanden Überraschungen, erzählt Segal gegenüber science.ORF.at. "Bei manchen schnellte der Blutzucker nach einer Schüssel Reis oder Sushi steil nach oben. Andere aßen Pizza, Eis oder Schokolade - und es tat sich fast gar nichts."

Der israelische Forscher konstatiert angesichts dieser Ergebnisse ein "großes Loch in der Fachliteratur". Sein Koautor Eran Elinav drückt es so aus: "Es ist erhellend zu sehen, wie ungenau unsere Annahmen über Ernährung waren."

Der Glykämische Index wurde Segal zufolge bei standardisierten Tests an nur 20 bis 30 Probanden entwickelt. Hier liegt wohl der Hund begraben: Die natürliche Schwankungsbreite wird erst jetzt sichtbar - durch lebensnahe Studien an einem bedeutend größeren Sample.

Die Wissenschaftler berichten etwa von einer übergewichtigen Probandin, die wegen ihres zu hohen Blutzuckerspiegels häufig Tomaten aß. Wie sich herausstellte, war das nicht die Lösung, sondern Teil des Problems: Ihr Blutzuckerspiegel stieg gerade nach dem Verzehr der Tomaten rasant an. Fazit: Wer wie auf ein Lebensmittel reagiert, ist offenbar zu einem hohen Grad individuell bestimmt.

Ernährung individuell abstimmen

Wie die Forscher in ihrer Studie notieren, ist die Darmflora zu einem guten Teil für solch individuelle Reaktionen verantwortlich. Und deren Zusammensetzung lasse sich durch die richtige Ernährung beeinflussen.

Wobei "richtig" auch in diesem Fall nicht bei jedem das Gleiche bedeuten muss. Die Ernährungswissenschaft scheint damit eine Richtung einzuschlagen, die in der medizinischen Genetik oder Krebsforschung schon seit Längerem en vogue ist: Der Trend weist zur personalisierten Medizin.

"Es könnte sein, dass wir uns ein völlig falsches Bild von Übergewicht und Diabetes gemacht haben", sagt Segal. "Viele glauben, dass die Betroffenen einfach nicht zuhören und völlig unkontrolliert essen. Vielleicht liegt es schlicht daran, dass wir ihnen die ganze Zeit die falschen Empfehlungen gegeben haben."

Robert Czepel, science.ORF.at

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