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Zwei Gehirne im Scan gegenüber

Gehirne sind weder männlich noch weiblich

Über kaum etwas lässt sich trefflicher streiten als über die Frage, was "typisch Frau" oder "typisch Mann" sei. Für unser Gehirn ist diese Einteilung jedenfalls sinnlos. Denn laut einer neuen Studie gibt es zwar Unterschiede – die allermeisten Menschen haben im Gehirn aber einen Mix aus männlichen und weiblichen Anteilen.

Neurowissenschaft 30.11.2015

1.400 Gehirne gescannt

Die Studie

"Sex beyond the genitalia: The human brain mosaic" von Justin Farrell ist am 30. November 2015 in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften erschienen.

Die Frage, ob Männer und Frauen auch abseits der offensichtlichen Unterschiede bei den Genitalien zwei Kategorien bilden, habe Denker seit jeher beschäftigt, schreibt das internationale Team um die Psychologin Daphna Joel von der Universität Tel Aviv. Festgestellte Unterschiede im Gehirn von Studienteilnehmern würden oft als Hinweis gewertet, dass es tatsächlich ein männliches und ein weibliches Gehirn gibt. Dies sei aber bisher nicht gut genug untersucht gewesen.

Das Forscherteam wertete deshalb MRT-Aufnahmen von 1.400 Probanden aus. Sie untersuchten Unterschiede in der grauen und der weißen Substanz des Gehirns sowie in der Stärke der Verknüpfungen zwischen verschiedenen Hirnbereichen.

Zunächst suchten die Forscher nach den Bereichen, in denen Unterschiede zwischen Männern und Frauen am stärksten ausgeprägt waren, in denen es also zwischen Männern und Frauen am wenigsten Überschneidungen gab. Dann bewerteten sie einzelne Gehirne danach, inwieweit sie in den betreffenden Bereichen rein weibliche oder rein männliche Merkmale besitzen.

Kaum eindeutige Zuordnungen

Das Ergebnis: Es gibt Merkmale, die eher bei Männern zu finden sind, und solche, die eher bei Frauen zu finden sind. Einige kommen in beiden Geschlechtern vor. Die meisten Gehirne besitzen Merkmale aus allen Kategorien, Gehirne mit rein männlichen und rein weiblichen Kennzeichen sind deutlich in der Minderheit.

In Bezug auf die graue Substanz besaßen zum Beispiel nur sechs Prozent der betrachteten Probanden durchgängig weiblich oder durchgängig männliche Kennzeichen.

Diese Erkenntnis decke sich gut mit denen von Studien, in denen Verhaltens- oder Persönlichkeitsunterschiede zwischen Männern und Frauen untersucht worden waren. Auch in diesen Studien lasse sich die Mehrheit der Probanden nicht eindeutig aufgrund von bestimmten Merkmalen oder Vorlieben einem Geschlecht zuordnen.

Andere Studienresultate

Zu einem anderen Ergebnis kam 2013 eine Studie US-Forscher um Madhura Ingalhalikar von der University of Pennsylvania in Philadelphia. Sie hatten die Verdrahtung des Gehirns bei Männern und Frauen genauer untersucht und festgestellt, dass es durchaus deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt.

So besäßen Frauen in weiten Teilen des Gehirns besonders viele Kontakte zwischen den beiden Hirnhälften, während die Männer mehr Verknüpfungen innerhalb der Gehirnhälften hätten.

Diese anatomischen Unterschiede könnten die oft beschriebenen unterschiedlichen Eigenschaften von Männern und Frauen erklären, folgerten die Wissenschaftler. So könnten Männer dank ihrer Hirnarchitektur ihre Wahrnehmungen besser in koordinierte Handlungen umsetzen; Frauen hingegen besser analytische und intuitive Informationen miteinander verbinden.

science.ORF.at/dpa

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