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Drei verschleierte Frauen von hinten

Es gibt nicht die "eine" islamische Identität

Spätestens seit den Pariser Attentaten ist die Debatte neu entbrannt: Wie entwickelt der einzelne Muslim seine "religiöse Identität" in den westlichen Kulturen? Der Islam steht auch im Zentrum vieler neuer Romane. Wie der Germanist Nadjib Sadikou in einem Gastbeitrag schreibt, können sie - angesichts der schwelenden Ängste - neue Sichtweisen eröffnen.

Literatur 02.12.2015

Literatur als Enzyklopädie subjektiver Religiosität

Von Nadjib Sadikou

Die ästhetische Auseinandersetzung mit der Begegnung zwischen Kulturen und Religionen ist in der Literaturwissenschaft kaum erforscht. Doch bei näherer Betrachtung stellt man fest, wie intensiv sich Romane des 21. Jahrhunderts der individuellen Modellierung religiöser Inhalte widmen. Die Narrative des Religiösen erfahren hier geradezu einen Boom.

Nadjib Sadikou

IFK

Nadjib Sadikou studierte Germanistik und Islamwissenschaft an der Université d’Abomey-Calavi (Benin) und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Im Dezember 2010 promovierte Nadjib Sadikou in Neuerer deutscher Literatur und Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft an der Universität Tübingen mit seiner Dissertation "Erziehung zwischen den Kulturen. Die Darstellung von Erziehungsprozessen in deutscher und afrikanischer Literatur des 20. Jahrhunderts". Von 2010 bis 2014 war Sadikou wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt "Wertewelten" an der Universität Tübingen. Seit 2015 ist Nadjib Sadikou Lehrbeauftragter am Deutschen Seminar der Universität Tübingen. Derzeit forscht er als Research Fellow am IFK.

Veranstaltungshinweis:

Am 2.12. hält Nadjib Sadikou einen Vortrag mit dem Titel "Religiosität und Subjektbildung – Figurationen in Literatur und Kultur der Gegenwart".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Und es ist das besondere Verdienst der Poesie, uns Leser – vor allem mit Blick auf gegenwärtige schwelende Friktionen und Ängste – alternative Denkmöglichkeiten hinsichtlich des Islam an die Hand zu geben. Sie bieten ungewöhnlich anschaulich und differenziert Motive an, deren Widersprüchlich- und Vieldeutigkeit den transreligiösen Transfer neu verhandeln. Somit ließen sich diese neuen Werke als wandelnde Enzyklopädien subjektiver Religiosität bezeichnen.

In dieser Hinsicht verweist der israelische Autor Amos Oz einleuchtend darauf, dass die Lektüre (neuerer) literarischer Werke zumindest eine beschränkte Immunität gegen religiöse Radikalisierung leistet. Literatur enthalte – bis auf wenige Ausnahmen – ein Gegenmittel gegen Fanatismus, indem sie Vorstellungskraft injiziert.

Subjektive Gestaltung religiöser Praxis

Die Relevanz einer solchen "Vorstellungskraft" lässt sich heutzutage auf denkbar klare Art verifizieren. Denn man kann, mit Olivier Roy gesprochen, einen "Markt des Religiösen" konstatieren, in Form eines Übergangs von traditionellen Formen des Religiösen zu fundamentalistischen und charismatischeren Formen der Religiosität (Evangelikalismus, Salafismus, Tabligh, Neosufismus).

Daher definiert er Religiosität als "eine Art, wie der Gläubige seine Beziehung zur Religion lebt, […] wie man sich als Gläubiger der Außenwelt gegenüber verhält". Thomas Luckmann seinerseits spricht von einer unsichtbaren Religion. Gemeint ist, dass Religion nicht mehr ausschließlich an Institutionen festgemacht wird, sondern "mehr und mehr in eine 'subjektive' und 'private' Wirklichkeit verwandelt" werde.

In ähnlicher Weise argumentiert Charles Taylor. In Anlehnung an William James bekräftigt er die These, dass Religion ihren wirklichen Ort in der individuellen Erfahrung habe und nicht in den Institutionen.

Raum, Kultur und Religion

Es war der US-amerikanische Ethnologe Clifford Geertz, der als Bilanz seiner Beobachtungen der religiösen Entwicklungen in Marokko und Indonesien die These propagierte, Religion sei ein "kulturelles System", das die kulturellen Elemente eines Volkes festhält und zum Ausdruck bringt.

Ihm zufolge gibt es eine unentwirrbare Verflochtenheit zwischen religiöser Praxis und kultureller Einbettung. Dem kann man zustimmen, denn die Art und Weise, wie ein Muslim seine Religion in der senegalesischen Hauptstadt Dakar praktiziert, unterscheidet sich von den religiösen Gepflogenheiten in Wien oder Jakarta. Zu Recht spricht Vincent Monteil von einem "Islam Noir", also von einem "afrikanisierten Islam", oder vom "Euro-Islam" bzw. einem "erneuerten Islam" – wie unterschiedlich diese Begriffe auch interpretierbar sein mögen.

Hier ließe sich in Anlehnung an die Raumtheorie Henri Lefebvres behaupten, dass Religiosität an sich eine räumliche Praxis ist, eine "pratique sociale", die mit dem wahrgenommenen Raum (espace vécu) einhergeht. Die Gestaltung einer Religiositätskultur hängt demnach stark davon ab, in welchem kulturellen Raum und Milieu man sich befindet, und welche Riten und Habitus von Belang sind.

Der Soziologe Pierre Bourdieu spricht hier von "religiöser Sphäre", hinsichtlich derer man jede Definition der Religiosität differenzieren müsse. Je nach Raum und Kultur wird eine religiöse "Formatierung" (Roy) in Gang gesetzt, eine Anpassung an die unterschiedlichen kulturellen Felder, so dass Glaubensvorstellungen kompatibel und akzeptabel werden.

Die religiöse Übersetzung

Das Wortpaar "kulturelle Übersetzung" wurde vom indischen Kulturwissenschaftler Homi Bhabha in seinem lehrreichen Buch "Die Verortung der Kultur" geprägt. Für ihn sind Migrationskulturen im postkolonialen Zeitalter übersetzende Kulturen, d.h., sie sind permanent mit dem Phänomen der Übersetzung konfrontiert, um ihre kollektive Identifikation zu verhandeln. Kulturelle Übersetzung wird hier zum Akt des Überlebens, von sur-vivre im Sinne Derridas und Benjamins, als der Akt, der einem ermöglicht, sein Leben auf der Grenze diverser Kulturen zu leben.

Diese These ließe sich heutzutage als eine religiöse Übersetzung umschreiben. Denn ähnlich wie Homi Bhabha, der die binären Oppositionen Zentrum vs. Peripherie, Kolonisatoren vs. Kolonisierte, überwinden will, geht es gegenwärtig um eine dringende Überwindung religiöser Dualismen wie religiöser Kern vs. religiöser Unfug, religiöse Auserwählte vs. religiöse Verdammte. Diese religiöse Übersetzung versteht sich als religiöse Dezentrierung.

Ästhetiken der Religiosität

Ein illustratives Beispiel dieser übersetzenden Religiosität ist der Roman Ketala (2006) von Fatou Diome, einer Autorin aus dem Senegal. In der Haltung der Protagonistin Memoria wird eine kunstvolle Formatierung der islamischen Religiosität entfaltet. Zwar ist sie Moslemin und hält sich an moslemische Ess- und Trinkgewohnheiten. Dennoch gehören auch Elemente des Christentums und der afrikanischen Tradition zum Arsenal ihrer religiösen Weltsicht. Hinzu kommen Motive altgriechischer bzw. römischer Mythen, wie z. B. "Apoll der Meere", "Schwarze Venus" und "Pyramus und Thisbe".

Ein weiteres Beispiel liefert die deutsch-türkische Autorin Yadé Kara in ihrem Roman Selam Berlin (2004). Mit ihrem Protagonisten Hasan inszeniert Kara den heuristischen Mehrwert einer dezentrierten Religiosität zwischen Istanbul und Berlin. Der Roman entfaltet eine Verschränkung zwischen islamisch-orientalischer Weltvorstellung und okzidentaler Weltaneignung. Wie ein roter Faden zieht sich eine religiöse Entgrenzung des Ich durch den ganzen Roman.

Im neunten Kapitel wird erzählt, wie das Weihnachtsfest in einer bunten Mischung aus Okzidentalischem und Orientalischem gefeiert wird. Das Fest wird nicht nur durch eine türkische Signatur in Form der Konsumierung eines türkischen Getränks materialisiert. Zur kulinarischen Agenda gehören gleichfalls westliche Esstraditionen wie Gänsekeule und Weihnachtsgebäck. So ist der ganze Roman darauf angelegt, scheinbar verhärtete Fronten aufzulösen, indem kulturelle und religiöse Differenzen nicht verschleiert, aber auch nicht verabsolutiert werden.

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