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Spaniens Exdiktator Franco bei einer Parade

Amnestie und Amnesie

Der Antisemitismus hat in Spanien eine lange Geschichte: von den ethnischen Säuberungen Ende des 15. Jahrhunderts bis zur Kooperation Francos mit Nazi-Deutschland. In der Erinnerungskultur der Gegenwart spielen diese Verbrechen eine marginale Rolle - sie werden bis heute totgeschwiegen.

Erinnerungskultur in Spanien 04.12.2015

1492 erließen die katholischen Monarchen Ferdinand und Isabella das sogenannte Alhambra-Edikt. Nach dem Zusammenschluss ihrer Königreiche Kastilien und Aragon sollten nur noch Anhänger des Christentums innerhalb ihrer Grenzen leben. Die Sephardim, die jüdische Bevölkerung der iberischen Halbinsel, werden gezwungen zu konvertieren oder das Land zu verlassen.

Antisemitismus und Filosefardismo

Ende des 19. Jahrhunderts - 400 Jahre lang - hatten keine Juden in Spanien gelebt - entwickelten die Eliten des Landes plötzlich eine projüdische Haltung: das ideologische Konzept des "Filosefardismo". Teil dieses "Filosefardismo" war eine mythologische Überhöhung der Vergangenheit, in der die drei Kulturen - der Islam, das Judentum und das Christentum - friedlich zusammengelebt hätten.

Hintergrund dieses Gesinnungswechsels waren wirtschaftliche Interessen. Denn die sephardischen Juden waren Ende des 15. Jahrhunderts nach Nordafrika und auf den Balkan geflohen. Genau mit diesen Regionen wollte Spanien nun seine Handelsbeziehungen intensivieren.

Veranstaltung:

Alfons Aragoneses und Natan Sznaider waren im Rahmen der Simon Wiesenthal Conference 2015 zu Gast in Wien: Moderne Antisemitismen an den Peripherien Europa und seine Kolonien 1880-1945

Bekannte Voruteile

Die Spanier gewährten einigen ausgesuchten Familien die spanische Staatsbürgerschaft. Doch während die Kultur und Tradition der sephardischen Juden vordergründig gelobt wurde, bediente das Konzept des "Filosefardismo" bekannte antisemitische Vorurteile. "Etwa, dass alle Juden reich, kosmopolitisch und gute Geschäftsleute seien", sagt der Rechtshistoriker Alfons Aragoneses von der Universität Pompeu Fabra in Barcelona.

Gleichzeitig wurden Verschwörungstheorien verbreitet: Die Juden - obwohl sie in Spanien nicht einmal anwesend waren - würden Ritualmorde verüben oder versuchen, die katholische Kirche zu stürzen. Das heißt, im Rahmen des "Filosefardismo" kam es zu einem sehr offenen Antisemitismus, ergänzt Aragoneses: "Die Juden wurden unter der Hand für jedes Unheil verantwortlich gemacht, unter dem Spanien zu leiden hatte."

Zwei Gesichter des Antisemitismus

Diese zwei Gesichter des Antisemitismus, das offene und das versteckte, bestimmten auch das weitere politische Handeln Spaniens. Nach dem ersten Weltkrieg, 1924, sollte eine Verordnung die sephardischen Juden - vor allem jene auf dem Balkan - schützen. Sie sollten die spanische Staatsbürgerschaft erhalten. Doch schon nach wenigen Wochen wurde eben diesen Juden die Einreise nach Spanien verwehrt. Knapp zwei Jahrzehnte später, als der zweite Weltkrieg und der Holocaust längst begonnen hatten, besaßen mehr als 3.000 Juden, die in Europa lebten, die spanische Staatsbürgerschaft - und Franco war Diktator des Landes.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen-Magazin: 4.12., 19:05 Uhr.

"Viele von Ihnen klopften 1942 an die Türen der spanischen Botschaften in Europa. Sie wollten nach Spanien, um sich in Sicherheit zu bringen", erläutert der Rechtshistoriker Aragoneses. Die Diplomaten kontaktieren wiederum das spanische Regime. Die Instruktionen, die sie erhielten, waren eindeutig: die Juden nicht zu repatriieren und die Nazis mit ihren Vorhaben fortfahren zu lassen. Aber, der Besitz dieser spanischen Juden sollte nicht den Nazis überlassen werden - dieses Vermögen gehöre Spanien und nicht Deutschland.

Zusammenarbeit mit Hitler bis 1944

Tausende Sephardim wurden in Konzentrationslager verschleppt. Erst 1944 lenkte der spanische Diktator Franco ein und rettete einige hundert Juden vor den Nationalsozialisten. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass Hitler den Krieg verlieren würden.

Franco setzte alles daran, die internationale Staatengemeinschaft nach 1945 von der Neutralität Spaniens und dem gelebten "Filosefardismo" zu überzeugen. Alle Kooperationen mit Hitler-Deutschland, wie der Export von Rohstoffen, die militärische Unterstützung in Russland oder die Deportation von Widerstandskämpfern und Juden, wurden nach Ende des Krieges totgeschwiegen.

Post-Franco: Amnestie und Amnesie

Die historische Aufarbeitung dieser Periode hat in Spanien erst vor wenigen Jahren eingesetzt. Auch deswegen stehe Spanien nicht im Zentrum der europäischen Erinnerungskultur, es sei vielmehr Teil der Peripherie, sagt der Soziologe Natan Sznaider vom Academic College in Tel Aviv: "Nach Francos Tod war das Credo, dass die Versöhnung und Europäisierung von Spanien mit einer ganz aktiven Politik des Vergessens praktiziert werden muss." Amnestie und Amnesie prägten die "Transición" in Spanien, den Übergang zu Demokratie nach dem Ende des Franco-Regimes.

Europa und den EU-Beitritt vor Augen, wollte das Land nach vorne blicken. Erst vor 15 Jahren hätten zivilgesellschaftliche Organisationen angefangen, die Verbrechen des Franco-Regimes aufzuarbeiten, berichtet Sznaider: "Sie haben im wahrsten Sinne begonnen, die Vergangenheit aufzuarbeiten, indem sie Massengräber ausgehoben haben, die Knochen rausgeholt haben und dadurch die Verbrechen des Franco-Regimes während des Bürgerkriegs nach oben gebracht haben."

Holocaust wird totgeschwiegen

Knapp drei Jahre, von 1936 bis 1939, dauerte der Spanische Bürgerkrieg. Die Opferzahlen, vor allem jene der Verschwundenen, werden bis heute immer wieder nach oben korrigiert. In den Massengräbern, die seit einigen Jahren gezielt dokumentiert werden, befinden sich laut aktuellen Schätzungen mehr als 140.000 vom Regime Ermordete.

Dem Rechtshistoriker Alfons Aragoneses gehen diese Aufarbeitungsversuche der spanischen Geschichte jedoch nicht weit genug. Die Verbindungen Spaniens zu Nazi-Deutschland und die Rolle des Regimes während des Holocausts würden nach wie vor verschwiegen. Spanien will heute zwar Teil der europäischen Erinnerungskultur sein, aber nicht auf Seite der Täter.

Die konservative Regierung positioniere Spanien vielmehr in einer Linie mit jenen Ländern, die Juden gerettet haben. "Die antisemitischen Verbrechen des Regimes wurden nie aufgearbeitet. Dieser Pakt des Schweigens wirkt noch immer: Spanien weigert sich, die eigene Geschichte aufzuarbeiten."

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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