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Zwei Politiker schütteln sich die Hände

Regierungschefs sterben früher

Politiker, die sich demnächst um das Amt des Kanzlers bewerben wollen, sollten sich das vielleicht noch einmal überlegen: Denn Regierungschefs leben laut Statistik 2,7 Jahre kürzer als ihre unterlegenen Konkurrenten. Vermutlich ist der Stress daran schuld.

Medizin skurril 15.12.2015

In der Weihnachtsausgabe veröffentlichten die Herausgeber des "British Medical Journal" ("BMJ") gerne Studien mit ausgefallenen Themen, die nicht zum Image des ansonsten recht nüchternen Fachmagazins passen. Warum sie gerade das Weihnachtsheft als Spaßedition gestalten, wäre einmal eine gesonderte Erörterung wert.

Arbeitshypothese: Faschingsdienstag und Weihnachten wurden in Großbritannien irgendwann fusioniert. Daher all die Papierkronen, Luftschlangen und Knallbonbons, mit denen der Brite Besinnlichkeit am 25. Dezember, nun ja, eben britisch interpretiert.

Alternde Präsidenten, jugendliche Abgeordnete

Anupam Jena von der Harvard Medical School hat Wahl- und Sterberegister von Politikern aus 17 westlichen Ländern (von Austria bis United States) ausgewertet und dabei einen Zusammenhang entdeckt.

Kanzler, Premiers und Präsidenten bezahlen ihren beruflichen Aufstieg ins höchste Amt des Landes mit Nettolebenszeit. 2,7 Jahre beträgt der Unterschied zu erfolglosen Kandidaten gleichen Geschlechts, berichtet Jena in seiner Studie. Über die möglichen Gründe verliert der amerikanische Mediziner nicht allzu viele Worte, stellt aber immerhin fest, dass es an beschleunigter Alterung im Amt liegen dürfte.

Die gute Nachricht für Politiker: Abgeordnete haben dafür ein geringeres Sterberisiko als die restliche Bevölkerung. Das gilt zumindest für die Mitglieder der beiden Häuser des britischen Parlaments.

Die Schere habe sich vor allem seit 1999 weit geöffnet, rechnet Tim Crayford von der britischen Firma "Just Retirement" in einem weiteren Beitrag vor. Ein Hinweis darauf, dass die Vertretung des Volkes in gesundheitlicher Hinsicht zusehends unrepräsentativ ausfällt.

Putin und der Cowboy-Gang

Mit Politik hat auch eine Untersuchung des niederländischen Neurologen Bastiaan Bloem zu tun. Bloem hat auf Videos von Wladimir Putin und anderen russischen Spitzenpolitikern eine eigenartiges Bewegungsdetail entdeckt: Sie schwingen den rechten Arm beim Gehen deutlich weniger als den linken (Videos hier, hier und hier).

Bloem zufolge könnte das ein Hinweis auf eine Frühform von Parkinson sein. Da es aber unwahrscheinlich ist, dass die politische Elite Russlands synchron an einer neurodegenerativen Störungen erkrankt ist, schlägt er eine alternative Erklärung vor.

Der verminderte Schwung des rechten Armes könnte von Schulungen mit Faustwaffen herrühren. Dabei lerne man nämlich, die Waffe auch beim Gehen unter Kontrolle zu behalten. Putins KGB-Herkunft ist bekannt, was die weiteren Fallbeispiele betrifft, tippt Bloem auf "militärisches Training in anderen Behörden".

Für das Bewegungsmuster schlägt er den Begriff "Gunslinger's Gait" vor. Den "Gang der Revolverhelden" mit vermindertem Rechtsschwung habe er nämlich auch in Wild-West-Filmen feststellen können.

Bob Dylan: Beliebt bei Medizinern

Popkulturell versiert ist offenbar Bengt Fadeel. Der Toxikologe vom schwedischen Karolinska-Institut hat in seinem Beitrag sämtliche Bob-Dylan-Zitate in der medizinischen Fachliteratur zusammengetragen.

Der erste Bezug auf den amerikanischen Folksänger, so unterichtet uns Fadeel, sei 1970 im "Journal of Practical Nursing" erschienen. Ab den 90ern habe die Zahl der Dylan-Verweise dann exponenziell zugenommen.

Am beliebtesten waren, hierin unterscheidet sich das medzinische Fachpersonal offenbar nicht vom durchschnitllichen Hörer, die Klassiker "The Times They Are A-Changin'" (135 Zitate) und "Blowin' In The Wind" (36).

Wer es als Studienautor ein bisschen ausgefallener mag, könnte sich auch beim 1983 erschienenen "Don't Fall Apart On Me Tonight" bedienen. Dort heißt es, siehe obenstehendes Video: "I wish I'd have been a doctor / Maybe I'd have saved some life that had been lost".

Radsport: Verfluchte Weltmeister?

Auch das Thema Sport kommt in der aktuellen Ausgabe des "British Medical Journal" nicht zu kurz. Thomas Perneger, im Brotberuf Epidemiologe, ging der Frage nach, ob das Regenbogentrikot von Radrennfahrern mit einem Fluch belegt ist.

Hintergrund: Die amtierenden Weltmeister von Straßen- und Bahnbewerben tragen bei Wettkämpfen ein weißes Leibchen mit bunten Streifen. Wie die Erfahrung zeigt, läuft es im Jahr nach dem Triumph für die Titelträger selten besonders gut - oft auch ziemlich mies. Einen die Regeln der Wahrscheinlichkeit transzendierenden Fluch kann Perneger gleichwohl nicht erkennen.

Alles im normalen Bereich, schreibt er. Die Leistungsschwankungen seien mit einem statistischen Effekt erklärbar, bekannt als "Regression zur Mitte". Dieser werde übrigens auch häufig von Ärzten übersehen, notiert der Forscher von der Universitätsklinik Genf.

Den höchsten Wert auf der offenen Skurrilitätsskala erreicht in diesem Jahr wohl eine Studie von Tara Smith. Die Biostatistikerin von der Kent State University in Ohio hat die Ausbreitungsmuster von Zombie-Infektionen einer Analyse unterzogen.

Fazit: Um die Apokalypse zu verhindern, müsse die internationale Staatengemeinschaft endlich Vorsorge treffen. Derzeit sei die Welt auf die Ankunft der Untoten mangelhaft vorbereitet.

Robert Czepel, science.ORF.at

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