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Ein Kind denkt nach.

Nächste Stunde: "Philosophieren mit Kindern"

Wenn in der Schule mit Kindern philosophiert wird, ist das mehr, als in einem Sesselkreis gerade aktuelle Themen zu besprechen. Hinter Kinder- und Jugendphilosophie steckt ein wissenschaftlicher Ansatz, mit dem junge Menschen in ihrer Persönlichkeit gestärkt werden sollen.

Bildung 02.01.2016

Kinder können abstrakt denken

"Junge Menschen riskieren es, eigenständig zu denken", sagt Daniela Camhy, wenn sie gebeten wird, Kinder- und Jugendphilosophie mit einem Satz zu beschreiben. Vor 30 Jahren hat sie das erste und bisher einzige Institut für Kinder- und Jugendphilosophie im deutschsprachigen Raum gegründet, das in Graz beheimatet ist.

Daniela Camhy selbst hat Philosophie in Wien und Graz studiert, ihren Post-Doc absolvierte sie an der Indiana University und der Montclair State University. Dort arbeitete sie unter anderem bei dem US-amerikanischen Philosophen Matthew Lipman, der in den 1960er Jahren die Kinderphilosophie begründete.

"Kinder können abstrakt denken" - dieser Satz motivierte Lipman dazu, die Philosophie zu einem auch jungen Menschen zugänglichem Fach zu machen. Fragen zu stellen liegt in der Natur von Kindern, davon ist auch Daniela Camhy überzeugt. Wichtig ist der Ansatzpunkt: "Viele Kinder haben in der Schule kaum mehr die Möglichkeit, über ihre eigenen Gedanken zu sprechen. Wir gehen von den Gedanken und den Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen aus. Oft kommen wir vom Konkreten zum Abstrakten", erklärt sie.

Handy als Ich-Erweiterung

Kinder denken über den Krieg nach.

Daniela Camhy

Der Krieg als (kinder-)philosophisches Thema.

Beispiel Handy: Einmal, erzählt Daniela Camhy, kam sie in die Klasse einer Mittelschule. Alle hatten ihr Handy in der Hand und weigerten sich, es wegzulegen. "Also habe ich mir gedacht: Das thematisiere ich jetzt: Warum ist dieses Gerät so wichtig?"

Damit ließen sich die Jugendlichen motivieren und erzählten von der Bedeutung, die das Mobiltelefon in ihrem Leben spielt. "Das gehört zu mir, das ist ein Teil von mir, ein Teil meines Ich. Ihm kann ich alles anvertrauen", waren nur einige der Aussagen. Davon ausgehend war es möglich, mit den jungen Menschen über das Konzept des Ich und des Bewusstseins zu sprechen, erzählt die Philosophin.

Der Wahrheit auf der Spur

Episoden aus dem eigenen Leben, Zeitungsartikel oder Radiobeiträge seien immer wieder Anlässe, um grundlegende Konzepte wie Gerechtigkeit, Freundschaft und Menschenrechte zu thematisieren - wobei Philosophieren mit Kindern aber kein formloses Plaudern ist, sondern das Handwerkszeug der Philosophie angewendet wird.

"Es entwickelt sich eine sogenannte Community of Inquiry, eine Forschungsgemeinschaft, wo einer auf den Ideen des anderen aufbaut und man gemeinsam Argumente prüft, Gegenargumente bringt und so möglicherweise gemeinsam zu einer neuen Erkenntnis kommt. Man ist sozusagen der Wahrheit auf der Spur", beschreibt die Leiterin des Grazer Instituts für Kinder- und Jugendphilosophie.

Eigene Meinung bilden

Gedanken zu Krieg und Frieden

Daniela Camhy

Gedanken eines 11-jährigen Kindes zu einem Kriegerdenkmal.

Dass in verhältnismäßig wenigen Schulen Philosophieren zum Unterricht gehört, bedauert Daniela Camhy, denn Kinder und Jugendliche egal welcher Herkunft lernen dadurch, nachzufragen und kritisch zu denken. Durch die Kompetenz und das Selbstbewusstsein, Fragen stellen und sich selbst eine Meinung bilden zu können, werden Kinder und Jugendliche selbstbewusster und können mit den Herausforderungen moderner Gesellschaften besser umgehen, ist die Philosophin überzeugt.

Mit diesem Handwerkszeug lassen sich dann auch aktuelle Themen wie die Terroranschläge oder die Flüchtlingsfrage bearbeiten, sagt die Leiterin des Grazer Instituts für Kinder- und Jugendphilosophie - und diese Kompetenz sei heute wichtiger denn je.

Elke Ziegler, Ö1 Wissenschaft

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