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Arzt blickt auf Bildschirm

Forscherstreit über die Ursachen von Krebs

Seit Beginn des Jahres debattieren Forscher über Ursachen der Krebsentstehung. Sind Umwelteinflüsse entscheidend, oder ist der Zufall schuld? Eine neue Studie verhärtet die Fronten weiter: Die Frage könnte grundlegender nicht sein - doch Einigung ist nicht in Sicht.

Widersprüche 17.12.2015

Krebs, so könnte man sagen, ist eine Entgleisung der wohlgeordneten Verhältnisse in der Zelle. Doch diese Entgleisung passiert nicht in jedem Organ gleich häufig. Die Wahrscheinlichkeit, dass man etwa im Laufe des Lebens an Schilddrüsenkrebs erkrankt, liegt laut Statistiken bei einem Prozent. Beim Knorpelgewebe des Kehlkopfes beträgt sie nicht einmal ein Tausendstel dessen, nämlich 0,0007 Prozent.

Was könnte der Grund dafür sein? Risikofaktoren gäbe es viele aufzuzählen: Rauchen und Alkohol fördern bekanntlich die Entstehung von Tumoren, gleiches gilt für energiereiche Strahlung, Karzinogene und manche Virusinfektionen. So liegt es nahe, beim Vergleich verschiedener Krebsraten vor allem auf die schädlichen Umwelteinflüsse zu schauen.

Zellteilungen erhöhen Krebsrisiko

Studien

"Variation in cancer risk among tissues can be explained by the number of stem cell divisions", Science (2.1.2015).

"Substantial contribution of extrinsic risk factors to cancer development", Nature (16.12.2015).

Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet heute auch "Wissen aktuell", 17.12.2015, 13.55 Uhr.

Zu Beginn dieses Jahres wiesen die der Biostatistiker Christian Tomasetti und der Onkologe Bert Vogelstein auf einen bisher wenig beachteten Zusammenhang hin: Auch innerhalb von Organen schwanken die Krebsrisiken mitunter beträchtlich. Im Dickdarm entstehen 24 Mal mehr Tumore als im Dünndarm.

Die Ursache dafür ist laut Tomasetti und Vogelstein bei Stammzellen zu suchen, die jedes Gewebe erneuern - manchmal schneller, manchmal langsamer. Das sei der entscheidende Punkt, schrieben die beiden im Fachblatt "Science": Im Dickdarm gebe es viel mehr Zellteilungen als im Dünndarm, und da es bei jeder Zellteilung zu Fehlern bei der DNA-Abschrift kommen kann, entstünden dort auch mehr Tumoren.

Tomasetti und Vogelstein untersuchten diesen Zusammenhang bei insgesamt 31 Krebsarten (exklusive Brust und Prostata) und stellten fest: Je höher die Teilungsrate in einem Gewebe, desto höher das Krebsrisiko.

Die "Bad-Luck-Hypothese"

Diesem Satz würden wohl auch viele Fachkollegen zustimmen. Widerspruch erregten allerdings die von den beiden ermittelten Zahlen. Die amerikanischen Mediziner hatten nämlich errechnet, dass man 65 Prozent aller untersuchten Krebsarten durch Fehler bei den Zellteilungen erklären könne. Beziehungsweise anders ausgedrückt: dass in zwei Drittel aller Fälle der Zufall Schuld sei - und nicht schädliche Umweltfaktoren.

Die "Bad luck hypothesis" führte zu einem Schwall von Kritiken, die einen Monat später ebenfalls in "Science" veröffentlicht wurden. Die Zahlen seien zu hoch gegriffen, hieß es da etwa. Außerdem entstehe der falsche Eindruck, man könne gegen Krebs nichts tun.

Selbst die WHO sah sich angesichts der gesundheitspolitischen Brisanz des Themas zu einer Replik veranlasst. Und betonte in einer Aussendung, dass die meisten Krebserkrankungen eben nicht "Pech", sondern in erster Linie Umwelt und Lebensstil zuzuschreiben seien.

Innen vs. außen: Wo liegt die Grenze?

Nun legen Forscher mit einer Kritik im Konkurrenzblatt "Nature" nach. Forscher um Yusuf Hannun von der Stony Brook University haben die Daten von Tomasetti und Vogelstein mit einer neuen statistischen Methode untersucht und kommen zu einem ganz anderen Ergebnis.

Ihnen zufolge sind maximal zehn bis 30 Prozent des Risikos auf innere Faktoren (also selbstständig entgleiste Zellteilungen) zurückzuführen, der Rest geht auf das Konto schädlicher Umwelteinflüsse.

Wie ist es möglich, dass sich zwei Studien mit dem gleichen Datenmaterial so grundsätzlich widersprechen? Eine Ursache könnte sein, dass die beiden Teams unterschiedliche Vorstellungen von "innen" und "außen" haben.

"Für Tomasetti und Vogelstein ist jeder Fehler bei der Teilung von Stammzellen ein interner Vorgang", sagt Hannun im Gespräch mit science.ORF.at. "Dabei übersehen sie, dass auch Stammzellen auf äußere Einflüsse reagieren. Wenn UV-Strahlung bei einer Stammzelle Mutationen auslöst, dann ist das der Umwelt zuzuschreiben, nicht den Zellteilungen." Er gesteht aber zu: Wo man den Schnitt zwische innen und außen setze, sei nicht immer ganz klar. "Es gibt einen Graubereich."

Kein Konsens in Sicht

Tomasetti und Vogelstein wiederum bleiben dabei: Die Zahl der Zellteilungen können einen Großteil des Krebsrisikos erklären, dafür werfen die beiden Hannun die Verwechslung von absolutem und relativem Krebsrisiko vor.

Soll heißen: Man könne zwar Krebsarten untereinander vergleichen, aber Aussagen wie "Krebs der Art x ist zu so und so viel Prozent durch innere Faktoren erklärbar" seien nicht möglich - "leider haben die Autoren der neuen Studie Aussagen über individuelle Krebstypen getroffen, die wir bewusst vermeiden wollten", schreiben die beiden in einem science.ORF.at vorliegenden Kommentar.

Hannun führt ins Treffen, dass er seinen Ansatz auch mit anderen Daten wiederholt - und die gleichen Zahlen erhalten habe. So steht denn Aussage gegen Aussage und Modell gegen Modell.

In einem sind sich die beiden Forscherteams immerhin einig. Wie groß auch immer der Anteil des Zufalls sein mag - davon abzuleiten, wir seien unserem Schicksal ausgeliefert, sei in jedem Fall die falsche Lesart.

Robert Czepel, science.ORF.at

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